B"H
Sämtliche New Yorker Medien befassen sich derzeit mit einem ganz besonderen Fall und ich war mir bisher nicht darüber im Klaren, ob auch ich darauf eingehen soll oder nicht. Man muß ja nicht alles weitertratschen und jeden Klatsch verfolgen und ausschlachten. Dann nahm ich gestern abend an einer Yahrzeitfeier teil. Rabbi Mordechai Machlis gab ein großes Essen zur Erinnerung an den 15. Todestag seiner Mutter Sarah Machlis.
Im Judentum ist es so üblich, dass man am Sterbetag eines Verwandten ein Essen gibt und relig. Dinge lernt, wie wir gestern das Ende des Talmud Traktates Berachot, um so die Seele (Neschama) des Verstorbenen auf einen höheren Level zu bewegen.
Und dann sassen am Nebentisch zwei Engländer, einer davon Nichtjude, die begannen, über die Haredim (Ultra – Orthod.) abzulästern. Ganz ohne jegliche tiefere Ahnung prusteten sie sich auf und gaben irgendwelche stereotypen Meinungen von sich. Ich meinte zu den Beiden, dass sie ja wohl keinerlei Ahnung haben, aber hier ihren Haß verbreiten. Ein Freund von mir, ein anwesender Journalist des staatlichen israel. Rundfunks, schloß sich mir an. Auch er ist Haredi und berichtet im Radio über relig. Angelegenheiten.
Die von den zwei Briten abgelassenen Stereotype gaben mir zu denken, denn leider gibt es zuviele Leute, die ihnen Glauben schenken. Das große Problem dabei ist, dass die Leute einfach keine eingehendere Ahnung haben, weil sie sich nicht ausreichend damit beschäftigen und versuchen, die andere Seite sehen. Eine andere Seite mit viel Ideologien und Historie. Eine völlig andere Gesellschaft, die man persönlich kennen lernen muß, um richten zu dürfen. Und um argumentieren zu können, sollte man zumindest einmal Teil dieser Gesellschaft gewesen sein oder ihr sonstwie nahe stehen. Ohne das geht gar nichts und die eigenen Argumente werden von eben jener Gesellschaft nichts Ernst genommen. Und somit beschloß ich, auf den New Yorker Fall einzugehen. Objektiv, so hoffe ich und aus allen verschiedenen Sichtweisen. Dazu kommt, dass mir einige Chassidim eben aus New York schrieben und verkündeten, besagter Artikel der "New York Times", welcher alles ins Rollen gebracht hatte, enthalte unheimlich viele Fehler. Da werden Stadtteile durcheinandergebracht genauso wie Namen und Namen chassidischer Gruppen. Alles quer Beet durcheinandergewürfelt.
Aber sehen wir selbst: Am 14. Juli dieses Jahres erschien die Story der 23 - jährigen Sterna Gittel "Gitty" Grunwald in der
"New York Times" und seither hat die chassidische Welt so richtig etwas abzulästern. Alles wühlt sich durch das Internet und viele Chassidim (außer jenen von Satmar) lachen sich insgeheim ins Fäustchen. Ob das nun Belz, Vishnitz oder andere Gruppen sind, alle sind dabei. Die chassidische Welt ist eine Welt des Klatsches; vor allem dann, wenn es um eine so geschlossene Gruppe wie
Satmar geht.
Gitty Grunwalds Mutter war bis zu Gitty's dritten Lebensjahr ein Hippie aus säkulerem Elternhaus. Sie suchte ein Behausung und fand sie ausgerechnet in Kiryat Yoel, einer Satmar Siedlung bei New York. Die Mutter zog samt Tochter bei Satmar ein, wurde relig. und beiden wurden Mitglieder bei Satmar. Natürlich wuchs Gitty streng relig. auf und wurde im späten Teeniealter verheiratet. Mit ihrem Mann ging es nicht gut, vor allem nicht im Bett und so ließ man sich wieder scheiden. Nur gab es da jetzt eine kleine Tochter namens Esther Miriam, für die gesorgt werden mußte. Kurz gesagt, Gitty hatte das extreme chassidische Leben satt und sehnte sich nach "Freiheit". Sie entfloh der Enge Kiryat Yoels und fand Zuflucht bei ihren Großeltern. Kurz darauf wurde ihre kleine Tochter vom Ehemann zurück nach Kiryat Yoel entführt. Satmar läßt Gitty gehen, doch Esther Miriam solle gefälligst anständig beim Vater aufwachsen, ohne von Gitty negativ beeinflußt und in den Abgrund gezogen zu werden.
Die "New York Times" berichtete von Gitty's Kampf gegen Satmar und für das Sorgerecht ihrer Tochter. Tausende Menschen schrieben Kommentare und zeigten große Betroffenheit. Von diverser chassidischer Seite kamen Anklagen an Gitty und Beschimpfungen. Aber nicht alle Chassidim sind so ausgerichtet und es gab genauso viel Verständnis für den Satmar – Ausstieg und man wünsche ihr, dass sie ihre Tochter zurückbekomme. Demnächst soll ein staatlich – nichtjüdisches Gericht über das Sorgerecht entscheiden.
Seit dem Artikel haben sich mehrere jüd. mehr oder weniger relig. Blogs auf die Story gestürzt und ziehen sich an ihr hoch. Zu Gunsten Gitty's. Man hat sogar eine extra
Gitty – Site eingerichtet, auf der es ebenso ein Spendenkonto gibt. Das neue Leben von Gitty samt Anwalt muß erst einmal bezahlt sein. New York ist teuer und Gitty benötigt dringend Hilfe.
Bis hierher kann ich den Fall "Gitty Grunwald" sehr gut verstehen bzw. nachvollziehen. Wer jedoch auf die Site der New York Times geht, dem fällt ebenso eine Photo – Slideshow ins Auge. In dieser erscheinen die aktuellen Gitty Photos. Darunter liess sie sich auch im Bikini ablichten. Und das ist ein gefundenes Fressen für andere Chassidim. "Schaut da, eine Satmarerin im Bikini. Ist das nicht witzig".
Gitty hier, Gitty da, Gitty im Bikini, Gitty zu Besuch bei ihrer Tochter in Kiryat Yoel, Gitty mit ihrer Mutter, Gitty Superstar. New York hat eine neue Story und alle fiebern mit.
Ihre Tochter darf sie regelmäßig besuchen, doch nur unter Aufsicht eines Satmar – Mitgliedes, denn schließlich solle Esther Miriam nicht negativ beeinflusst werden. Zu allem Unglück entdeckte man auch noch, dass Gitty Drogen konsumierte und Satmar lacht sich sicher eins. Egal, ob Satmar oder nicht, kein Gericht der Welt würde solch einer Mutter das Sorgerecht aussprechen. Die Kommentareschreiber auf den Sites lassen Gitty ihr Entsetzen wissen und wollen sie dazu bewegen, professionelle Hilfe zu suchen. Sozialarbeiter oder besser eine modern – orthod. Rabbi, der ihr den Weg zeigt. Der Weg in ein neues Leben will erst einmal gelernt sein.
Es ist nicht Gitty's schuld, dass sie über fast keinerlei Bildung verfügt. Bei Satmar wird den Mädchen gelehrt, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Dennoch sollte ich erwähnen, dass auch in Kiryat Yoel das PC – Zeitalter begonnen hat und die Frauen einen sehr wohl PC zu bedienen wissen.
Dafür hat Gitty absolute keine Ahnung vom Leben da draußen in unserer Gesellschaft, denn bei Satmar gehen die Uhren anders. Das Problem besteht darin, dass fast alle chassidischen Gruppen ihren jungen Mitgliedern in den Schulen lehren, die Säkuleren kiffen sich den ganzen Tag über zu und feiern wilde Orgien ab. In anderen Worten "Sex, Drugs and Rock'n Roll". Eine leere Welt ohne spirituelle Inhalte.
Wenn Mitglieder der chassidischen Bewegung aussteigen, sind sie folglich der Ansicht, dass die säkulere Welt sie nur dann aufnimmt, wenn sie sich halt genauso verhalten. Sprich auch Drogen nehmen und Sex suchen. Dass dem nicht so ist, wissen sie nicht, denn in der Schule lehrte man ihnen das Fürchten vor dem Leben ohne der eigenen Gruppe. Um es allen zu beweisen, beginnen sie mit Drogen,
was ich selbst bei einem Aussteiger erlebte, den ich recht gut kannte. Er ging bei uns ein uns aus und mein Mitbewohner (ein Polizist) fand Spritzen im Bad und liess das weiße Pulver in der Klospülung verschwinden.
Bei meinem Ausstieg verhielt es sich wesentlich anders, denn ich kannte ja die Welt da draußen. Andere tun dies nicht und sie wissen nicht, was eine richtige Schule, geschweige denn eine Uni ist. Wie sucht man einen Job oder wie spricht man plötzlich mit dem anderen Geschlecht, wenn man nicht gerade verheiratet ist ?
Die kleinsten Dinge müssen erlernt werden. Oft beginnt dies schon beim Deodorant.
Um auf den Fall Gitty zurückzukommen:
Wie viele andere Leidensgenossen läuft auch sie ziellos bzw. orientierungslos umher. Eingewöhnen, den Alltag erlernen, das will ersteinmal bewältigt werden. Soziale Hilfe ist dringend nötig und diese muß von relig. Menschen kommen. Von modern – orthodox, denn eine Person wie Gitty kennt sich nur in der orthod. Welt aus. Und die Orthodoxen sind die Einzigen, welche ihre psychischen Probleme verstehen und nachvollziehen können. Dieses Gefühl kenne ich aus eigener Erfahrung, denn ich will nicht stundenlang einem nichtjüd. oder säkuleren Psychiater die chassidische Welt begreiflich machen, damit er mich nach Wochen vielleicht ein wenig versteht. Ich will jetzt reden, denn alles muß raus und ich brauche einen Menschen, der mich sofort begreift.
In den Kommentaren machen die Leute Gitty Hoffnung aber gleichzeitig soll sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ihre derzeitige Orientierungslosigkeit ist verständlich und normal, aber sie solle Hilfe suchen, damit sie ihr neues Leben in den Griff bekommt. Solange dies nur zögernd geschieht, wird ihr gewiß das Sorgerecht nicht zugesprochen werden. Gitty's Ex hingegen kann Esther Miriam ein Heim bieten. Er arbeitet und hat ein geregeltes Leben. Ohne die Flippigkeit und freiheitssuchende Gitty. Sowas kommt beim Gericht an.
Ich hoffe nur, dass Gitty klarkommt und gute Freunde hat bzw. findet. Viel ist zum Thema zu sagen, aber eines sollte man vermeiden: weder Satmar noch Gitty vorverurteilen. Es ist wichtig, beide Seiten zu verstehen und nicht mit der Stereotype zu beginnen.
Sicher schreibe ich zu dem Thema insgesamt noch viel viel mehr, denn es handelt sich um ein extrem wichtiges Thema. Links zum Thema:http://chassidicstories.blogspot.com/2008/02/wie-soll-es-weitergehen.html http://chassidicstories.blogspot.com/2008/02/runaways-aussteiger.html