B"H
Seit meiner Aliyah nach Israel im Juni 2000 habe ich die überwiegende Zeit in Jerusalem verbracht. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.
Habe ich mich in Jerusalem jemals von den Haredim (Ultra - Orthodoxen) unterdrückt gefühlt ? Meine Antwort darauf lautet eindeutig NEIN.
Sobald ich in einem sekulären Stadtteil Jerusalems lebe, schreibt mir niemand vor, was ich zu tun oder zu lassen habe, was ich anziehen muss, was ich essen soll oder wie ich mich sonst irgendwie benehme. Meine Freiheiten kann ich sogar im nationalrelig. Stadtteil Kiryat Moshe geniessen, wenn mir danach ist.
Im Jahre 1997 lebte ich für etwas mehr als ein halbes Jahr im haredischen Teil von Ramot / Jerusalem. Ramot Aleph, um genau zu sein. Selbst dort waren einige wenige unserer Nachbarn immer noch säkuler neben all den Haredim im Haus. Man meisterte das Leben zusammen ohne sich großartig provokant in die Quere zu kommen.
Wer im säkuleren Rehavia, French Hill, Talpiot, Arnona, Teile Katamons oder der German Colony wohnt, der darf sich als Haredi nicht unbedingt über laute Musik oder ein laut aufgedrehtes TV - Gerät am Schabbat beschweren. Doch auch dort leben relig. und säkuler immer noch friedlich miteinander zusammen.
Sobald ich mich jedoch in haredische Gefilde begebe, sollte ich deren Stadtteil genauso achten bzw. respektieren und nicht wie ein wild gewordener Heini provozierend herumtapsen und mir den Minirock überstülpen. Nicht, dass ich als Besucher auf Haredi machen muss, aber ein gewisser Respekt sollte schon vorhanden sein. Von haredischer Seite wird nicht unbedingt ein Baseballschläger auf mich wartet, falls meine Ärmel zu kurz sind. Eigentlich passiert diesbezüglich kaum etwas und die wenigsten Leute werden in haredischen Bezirken dumm angemacht. Jedenfalls nicht wochentags, sondern wenn, dann eher am Schabbat.
Warum also demonstrierte gestern abend eine Gruppe säkulerer Israelis gegen die Haredim ? Die Demo fand in Jerusalems Innenstadt statt und wurde offenbar von der radikalen Linkspartei MERETZ organisiert. Die Demonstranten sehen Jerusalem einer diktatorischen haredischen Knute unterlegen. Bald sehe es hier so aus wie in Teheran. Nur jüdisch halt.
Haben die Demonstranten damit Recht ?
Zuerst einmal sehe ich viele Teilnehmer der linken Demo als Teilnehmer oder Sympathisanten der Jerusalemer Gay Parade, die fast alljährlich haredische Demonstrationen hervorruft. Zuletzt nicht mehr, denn die Haredim beschlossen, den Homos keine Bühne / Public Relation mehr zu bieten.
Weitere Demoteilnehmer am gestrigen Abend waren sicher jene Leute, welche eh einen Hass auf die haredische Gesellschaft haben. Nicht, dass sie diese genauer kennen täten, aber das Klischee ("Die sind alle faul und gehen weder arbeiten noch zur Armee") scheint alles wettzumachen. Andererseits betrachte selbst ich die haredischen Demonstrationen gegen die Schabbatarbeit beim Chiphersteller INTEL / Jerusalem als überflüssig. Wieviele Betriebe arbeiten in Jerusalem am Schabbat und bei denen wird geschwiegen und nicht demonstriert ? Wieso, um Himmels Willen, also nur die Schabbatdemos vor INTEL ?
Und eine positive Resonanz erfahren die Haredim auch nicht mit dem "Schabbes, Schabbes" - Geschrei. Wobei ich unbedingt erwähnen muss, dass nur Gruppen von der Edah HaCharedit (Toldot Aharon, Satmar, etc.) an den Demos beteiligt sind und nicht Belz, Vishnitz oder Gur. Nicht, dass ein Leser denkt, die Haredim sind nur alle DIE HAREDIM !
Jemand, der behauptet, die Haredim übernehmen das Jerusalemer Ruder und machen auf Diktator, der sollte die haredische Gesellschaft erst einmal näher kennen lernen, um zu urteilen. Eine Tatsache ist, zum Beispiel, das die säkulere Gesellschaft sich mehr und mehr in Luft auflöst. Wo werden deren Nachfahren einmal sein, wenn ihre Eltern oder Großeltern so toll auf assimiliert und liberal machen ? Heiraten sie Nichtjuden; jemanden von Israels Fremdarbeiterkindern ? Statt rumzunörgeln, sollte jeder einen Blick in die Zukunft werfen. Wie steht es da mit der jüdischen Identität, der Religion oder der eigenen Geschichte ? Soll ich all das aufgeben, nur damit ich meine Freiheiten geniessen kann und meine Bequemlichkeit hinter mir lasse ? Nennt man das dann die perfekte Moderne ?
Wie schaut meine Freiheit aus ? Zuerst bin ich total happy und geniesse, aber dann irgendwann kommt der Zeitpunkt, an welchem mich Nichtjuden auf meine wahre Identität aufmerksam machen und mich "Jude" nennen / schimpfen. Weiss ich dann noch, was es heißt, ein Jude zu sein ?
Andererseits kann die haredische Gesellschaft nicht verlangen, dass alle Juden Jerusalems sich nun ihnen unterwerfen. Gemeinsamen legen wir die Regeln der Stadt fest und nicht eine einzige Gruppe allein. Bisher lebte jeder friedlich in seinem Stadtteil, ohne den anderen groß zu stören. Hier und da werden von haredischer Seite aus koschere Busse verlangt. Jerusalem jedoch besteht aus vielen unterschiedlichen Juden und eine Gesellschaft soll nicht der anderen irgendwelche Vorschriften machen. Weder die Säkuleren noch die Haredim.
Die Haredim identifizieren die Säkuleren mit Gay Parade, Schweinefleisch, Ehen zwischen Juden und Nichtjuden, fehlendem Anstand oder Drogenkonsum. Die Säkuleren erheben genauso Vorurteile gegenüber den Haredim, die da lauten, dass die ja alle fanatische Spinner seien, wild demonstrieren und unser Leben ins Mittelalter katapultieren wollen.
Ich habe keine Lösung anzubieten. Jene, die die Haredim hassen, werden dies auch weiterhin tun genauso wie all jene Haredim, die das Leben der Säkuleren "leer" nennen. Eine Lösung auf Jerusalem bezogen findet wenn, dann eher im privaten Bereich statt. Dort nämlich, wo ein säkulerer Jude einer haredischen Frau hilft, ihren Kinderwagen in den Bus zu heben. Dann sehen beide Seiten plötzlich, dass man ja doch nicht nur nebeneinander herlebt, sondern auch irgendwie miteinander.
Jerusalem ist längst nicht so "intolerant" wie sein Ruf. Seltsamerweise halten alle Juden immer nur dann zusammen, sobald wir einen gemeinsamen Feind haben und es zu Katastrophen kommt. Nicht, dass ich damit unbedingt ein Desaster heraufbeschwören will, damit wir alle miteinander auskommen. Dennoch erweckt es leider manchmal den Eindruck als brauchen wir immer wieder eine derbe Erinnerung an uns und unsere jüdische Umgebung. Zumindest aber sollten beide Seiten einander mit mehr Respekt begegnen. Damit ziehe ich jetzt keine Extreme auf und sage, der Haredi solle den Homosexuellen respektieren. Richtiger aber wäre es, den Homosexuellen als Mitmenschen zu sehen, von dessen Neigungen einmal abgesehen.
Immerhin sind wir alle Juden und füreinander verantwortlich.























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