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Donnerstag, März 08, 2012

Diaspora versus Israel

B"H 

Eine meiner jüdischen Lieblingsschriften ist das kabbalistische Werk des marokkanischen Rabbiners Avraham Azulai "Chesed le’Avraham". Bezogen auf die erste Diaspora in Babylonien (nach der Zerstörung des Ersten Jerusalemer Tempels) schreibt Rabbi Azulai: 

Der Grund der Erschaffung des Menschen liegt darin, G – tt zu dienen. Dazu soll der Mensch seinen Verstand nutzen. Bedeutet, erkennen, dass es einen G – tt gibt und gleichzeitig erkennen, keinen Götzendienst zu betreiben. Allein einem einzigen G – tt dienen und diesen nicht aufspalten in Vater, Sohn oder sonstige Verwandte ! 

Ebenso heißt es, dass ein Jude in der Diaspora wesentlich anderen Einflüssen ausgesetzt ist und es dadurch schwerer wird, sich zum Judentum zu bekennen bzw. die Halachot einzuhalten. Es besteht die Gefahr der Assimilation und es gehört schon eine große Portion Verstand und Willen dazu, sein Judentum in der Diaspora beizuhalten. 

Ein Leben in der Diaspora kommt für mich schon lange nicht mehr in Frage, obwohl ich zugeben muss, dass ein Jude in Israel vieles als selbstverständlich ansieht. Koscheres Essen, sich seiner Religion wegen nicht rechtfertigen zu müssen und und und. Dennoch besteht auch in Israel die Gefahr, den Verstand weniger zu gebrauchen und G – tt daher etwas zu vergessen.

Mittwoch, Januar 04, 2012

"Die verpasste Gelegenheit" oder "Brauchen wir Jerusalem" ?

B"H

Morgen (Donnerstag) begeht die jüdische Welt den Halbfastentag "ASARAH BE'TEVET - der 10. TEVET"
 

Vor zwei Jahren hörte ich bei der Jerusalemer ORTHODOX UNION einen Vortrag von Rabbi Chaim Eisen gegeben, wo der Rabbiner auf bemerkenswerter Weise in sämtliche talmudische Details ging.

Am 10. des jüdischen Monat Tevet begannen die Babylonier mit der Belagerung Jerusalems. Einige Zeit später nahmen sie die Stadt ein und zerstörten den Ersten Tempel (586 vor der Zeitrechnung).

Wieso wurde der Erste Tempel schließlich zerstört ? Hatte nicht G – tt die Juden schon mehrere Male gerettet und somit vor dem Feind verschont ? Zur Zeit König Chizkiyahu als Sennacheriv Jerusalem belagerte und dessen Armee wie durch ein Wunder des nachts umkam. Oder später die Juden in Babylonien als Haman plante, alle Juden umzubringen und sie durch Esther und Mordechai gerettet wurden.

Sobald schlechte Zeiten für das Jüdische Volk beginnen, ist es jedesmal wieder an der Zeit zur kollektiven Umkehr zu G – tt. So geschah es zu Zeiten Chizkiyahus als alle Juden beteten und somit das negative G – ttesurteil abwendeten. Aber auch die Umkehr der Juden Babylons zur Zeit Esthers bewirkte das gleiche.

In der Gemara (rabbinische Diskussionen) des Talmud Rosh HaShana 18a wird darüber diskutiert, ob wir in der Lage sind, ein von G – tt ausgesprochenes negatives Urteil über uns, abzuwenden. Rabbi Akiva ist der Ansicht, dass eine einzelne Person dies nicht vermag, eine ganze jüd. Gemeinde dagegen schon. Rabbi Yochanan hingegen war der Ansicht, dass ein einzelner sehr wohl in der Lage ist, sein vorbestimmtes Schicksal zum Positiven zu verändern (genauso dachten Rabbi Yitzchak und Rabbi Me'ir).

Viele talmudische Rabbiner sind jedoch der Meinung, dass jeder einzelne anhand von tiefen inneren Gebeten sein Schicksal zu ändern vermag. Ein ernsthaftes Gebet kann aus jemandem einen neuen Menschen machen und aufgrunddessen werden die negativen G – ttesurteile hinfällig.

Die Babylonier begannen am 10. Tevet die Belagerung Jerusalems, aber wieso fasten wir am 10. Tevet ? Der Tempel wurde erst viel später zerstört. Wegen einer Belagerung allein braucht man nicht gleich zu fasten. Und woher wissen wir überhaupt, dass wir am 10. Tevet fasten müssen ?

Das genaue Datum berichtet uns der Prophet Yechezkel (24:1 – 2). Diesem trug G – tt höchstpersönlich dieses Datum auf.

Die Belagerung allein ist kein Grund zu fasten, doch worum genau trauern wir am 10. Tevet ?
Allgemein werden ganz andere Gründe für den 10. Tevet genannt. Der große Prophet Ezra, der mehrere Tausend Juden aus dem 70 – jährigen Babylonischen Exil zurück nach Israel führte, verstarb am 9. Tevet. 

Aber nicht nur, dass Ezra für die Rückkehr der Juden sorgte; die Gemara im Talmud Traktat Sanhedrin 21b nennt ihn würdig, den damaligen Juden die Thora wieder zurückgegeben zu haben.
Die Gemara läßt uns weiterhin wissen, dass die Thora zu einer gewissen Zeit im Babylonischen Exil vergessen worden war. Genau gesagt, viele Mitzwot (Gesetze) gerieten in Vergessenheit. Dies geschah unter anderem auch, da die Sprache und Schrift der Thora verändert wurde, aber dieses Thema bietet genügend Stoff für einen eigenen Artikel.

Der Tod Ezras war eine nationale Tragödie für das jüdische Volk. Als der babylonische Herrscher den Juden die Rückkehr nach Israel und den Bau eines neuen Tempels erlaubte, war Ezra der Meinung, dass nun alle Juden freudig aufschreien und sofort loslaufen. Tragischerweise war genau das Gegenteil der Fall. Die Juden hatten es sich im Babylonischen Exil zu bequem gemacht; sie errichteten florierende Unternehmen, es ging ihnen gut und sie waren wohlhabend. Wozu also in ein zerstörtes Israel zurückkehren, in dem sie ggf. dem Hunger und der Armut ausgesetzt waren ?

Ezra schrieb an alle Gemeinden und erhielt größtenteils Absagen. Die Juden hatten die Diaspora akzeptiert. Genauso geschah es mit den damaligen deutschen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz. Diese Gemeinden waren die ersten in Deutschland und existierten schon zu Zeiten Ezras. Und genau jene deutschen Gemeinden schrieben ihm, dass auch sie lieber in ihren deutschen Städten verweilen wollen. Laut vieler Meinungen bestrafte G – tt diese drei deutschen Gemeinden für diese Absage. Zur Zeit des ersten Kreuzzuges im Jahre 1096 ermordeten die Kreuzritter mehr als 100.000 Juden bei ihrem Durchmarsch durch die Gegend dieser Städte.

Aus dem damaligen babylonischen Exil kehrten nur 42.360 Juden zurück nach Israel. Millionen weiter blieben in Babylon. Aufgrund dieser Tatsache unterschied sich der Zweite Tempel in wesentlicher Form vom Ersten.

Im Ersten Tempel war G – ttes Gegenwart, die Schechinah, immer und zu jeder Zeit gegenwärtig. Im Allerheiligsten befand die die Bundeslade, der Hohepriester besaß das Urim ve'Turim, ein Pergament mit den Namen G – ttes, es gab Propheten, etc. All das ging zur Zeit des Zweiten Tempels verloren.
Ursprünglich hatte G – tt eine komplette Wiedereinrichtung vorgesehen, aber dadurch, dass die Mehrheit der Juden das Leben in der Diaspora vorzog, änderte G – tt seine Meinung. Hätten die Juden Ezra nicht abgesagt und zu ihrer nationalen Einheit zurückgefunden, wäre die Geschichte mit Sicherheit anders verlaufen.

Am 10. Tevet betrauern wir nicht den Beginn der Belagerung Jerusalems, sondern die Zeit der verpaßten Gelegenheiten. Hätten die Juden anders gehandelt, dann sehe es heute anders aus. Die Frage bleibt, ob es heutzutage unter den Juden soviel besser ausschaut. Wer von jenen, die in der Diaspora leben, denkt überhaupt an Israel, an Jerusalem oder an einen Dritten Tempel ? Außer am Schabbatgebet wird doch gar nicht mehr an Jerusalem und dessen Wichtigkeit im Judentum gedacht. Auch heute geht es den Juden in der Diaspora viel zu gut und wer will schon in das unbequeme krisengeschüttelte Israel zurückkehren ? Auf Besuch kommen alle gerne und danach sind sie schnell wieder weg.

Es ist dieses Verhalten, was wir am 10. Tevet betrauern und darum fasten wir. Wer es sich in der Diaspora zu bequem macht und sich zu wohl fühlt, der handelt gegen G – ttes Willen.

Freitag, Dezember 30, 2011

Parashat Vayigash: "Die Juden und ihre Aufgabe in der Diaspora"


Gesehen im haredischen (ultra - orthodoxen) Teil der Stadt Bnei Brak bei Tel Aviv

Photo: Miriam Woelke

B"H

Die Thoralesung an diesem Schabbat heisst Parashat “Vayigash”. Yehudah wendet sich an Yosef (Vayigash elav Yehudah). Yehudah ist damit der einzige der Brüder, welcher den Yosef konfrontiert und somit seinen Standpunkt klarmacht.

Chassidische Kommentatoren stellen die Frage, warum die Thora uns nicht genau definiert, an wen sich Yehudah hier wendet, denn im Text heisst es lediglich, dass Yehudah sich an IHN wendet. Wer aber ist IHN ? Verfolgen wir den Text weiter, wird uns bewusst, dass Yehudah den Yosef anspricht. Nichtsdestotrotz sehen chassidische Kommentatoren, u.a., der Sefat Emet oder Rabbi Elimelech von Lejansk eine tiefere Message im Thoratext. Yehudah kommt mit seiner Rede an Yosef G – tt näher. Er legt alle materiellen Gedanken ab, um seinen kleinen Bruder Benjamin zu beschützen. Yehudah tut dies sehr emotional, doch mit Takt gegenüber dem ägyptischen Vize des Pharao, sprich Yosef. Genau so sollten wir vor G – tt stehen.

In der Parashat Vayigash wir wie die Juden von G – tt in die Galut (Diaspora) geschickt worden sind. G – tt hatte Seinen eigenen Plan, warum dies so geschehen musste und nicht anders. Die jüdische Literatur bietet uns eine ausgedehnte Bandbreite an Kommentaren warum die Juden in die Diaspora entsandt worden sind. Die jüdische Kabbalah lehrt uns das Konzept der sogenannten “Funken – Netzizot”, welche während der Welterschaffung entstanden.  G – ttes Plan war es, den Menschen einen freien Willen zu geben und sie nicht allein zu Befehlsempfängern zu degradieren. Deshalb erschuf Er keine perfekte Welt, sondern zog Seine eigene Perfektion zurück, um eine imperfekte Welt zu kreieren. Hätte G – tt dies nicht getan, wären wir alle absolut perfekt. Genau das aber wollte Er nicht, sondern dass Juden die Welt selber perfektionieren. Mit der Erfüllung der Thoramitzwot, dem Gebet oder dem Geben von Spenden an Bedürftige, zum Beispiel.

Die “Funken” können überall auf der Welt gefunden werden, doch vorsicht: Es handelt sich bei ihnen lediglich um ein kabbalistisches Konzept entwickelt vom mittelalterlichen Kabbalisten Rabbi Yitzchak Luria. Niemand sollte daher mit der Schaufel loslaufen und nach irgendwelchen Funken suchen ! 

Die jüdische Aufgabe liegt darin, die Welt zu perfektionieren. Anhand von Segenssprüchen vor dem Essen, zum Beispiel. Alles soll irgendwie in die höheren spirituellen Spähren erhoben werden; solange, bis der Meschiach eintrifft.

Was mich an dieser Parasha fasziniert ist, wie Yehudah sich aufbäumt und wie die Juden in die Galut geschickt werden. Ich selbst bin nicht in Israel aufgewachsen und weiss was es bedeutet, in der Diaspora zu leben. Beneiden tue ich daher Yosef und dessen Familie nicht, denn ein Leben in der Diaspora ist für mich unvorstellbar geworden.

Donnerstag, Dezember 15, 2011

Parashat Vayeshev - פרשת וישב


 Synagoge der griechischen Juden im Tel Aviver Stadtteil Florentin. Die Familie des Yitzchak Florentin zog in den 20iger Jahren von Griechenland nach Tel Aviv und kaufte das Land, auf welchem der Stadtteil errichtet wurde. Die Synagoge wurde im Jahre 1943 erbaut.

B"H

Die Thoralesung für diesen Schabbat

"Vayeschev Yaakov be'Eretz Megurej aviv be'Eretz Canaan - Und Yaakov siedelte, lebte im Land seiner Väter, im Lande Canaan".
So lautet der erste Satz der dieswöchigen Thoralesung Vayeschev.

Die Frage ist, warum der Text hier besagt "Vayeschev" und nicht "Gar". Was ist der Unterschied zwischen den beiden Verben, die eigentlich beide "wohnen" andeuten ?
Rabbi Samson Raphael Hirsch aus Frankfurt beantwortete diese Frage wie folgt: "Lagur - Gar" deutet ein Wohnen an einem Ort an, an welchem einem das Land nicht gehört. "Vayeschev" hingegen bezieht sich auf ein Wohnen in einem Land, welches einem tatsächlich als Eigentümer zusteht. Und das Land Canaan gehört Avraham sowie den Nachfahren Yitzchaks; sprich, den JUDEN.

Bei "Vayeschev" und dessen Bedeutung fallen mir ebenso die heutigen Siedler ein, welche in der säkuleren israelischen Presse stets "Mitnachalim" genannt werden und nicht, wie eigentlich grammatikalisch richtig "Mityaschvim". Mityaschvim insoweit wie den Juden das Land tatsächlich gehört.

Schon von Beginn an tat sich ein riesiger Graben zwischen Yosef und seinen Brüdern auf. Yosef war des Vaters Darling und gab sich arrogant. Seine Brüder sahen ihn als eingebildeten Popanz, der sich die Augen schminkte und sein Haar hin und herstylte (siehe u.a. Ramban - Nachmanides). Meist gab sich Yosef lediglich mit den Kindern Bilhas ab, denn diese wurden als Konkubinenkinder von den Söhnen Leas verspottet. Benachteiligte tun sich gewöhnlich zusammen und so geschah dies auch im Falle Yosefs.

Andererseits gab Yosef sich auch nicht gerade als Unschuldslamm, denn er verpetzte seine Brüder beim Vater wo es nur ging. Kein Wunder, dass die so richtig sauer auf ihn waren und ihn als Querulanten ansahen. Warum aber retteten die Söhne Bilhas Yosef nicht vor dem Verkauf an die Ishmaeliten ? Hier vertritt die Midrasch Rabbah die Ansicht, dass Yosef über all seine Brüder beim Vater herzog.

Zu antiken Zeit genauso wie heute noch in der Beduinengesellschaft hüten die Schwächsten einer Familie die Schafherden. Die Dummies, sozusagen. Bei den Beduinen sind es heute fast immer die Frauen, die da als Hirten schuften. Yosef wurde als Dummie gesehen und er war es, der mit den Kindern der Konkubinen Bilhah und Silpah die Viehherden hütete. Auch den späteren König David kennen wir als Hirten, denn seine Brüder meinten, etwas Besseres zu sein und machten sich nicht gerne die Hände schmutzig.

Der Ramban ist ebenso der Ansicht, dass Yosef über die Söhne der Zweitfrauen von Yaakov bei seinem Vater ablästerte und deswegen hassten Dan, Naphtali, Gad und Asher ihn leidenschaftlich. Als die Söhne Leas sahen, wie sehr Yaakov den Yosef liebte und verzog, wurden sie neidisch. Yaakov liebte den Yosef, da er der Sohn seiner geliebten Rachel war. Andere Kommentare besagen, dass sich Yosef und Yaakov sehr ähnlich sahen.

Was auch immer Yaakov von seinen Vorfahren Schem (Sohn Noachs) und Ever (Sohn von Schem) gelernt hatte, lehrte er nun dem Yosef. Sämtliche Weisheiten und Geheimnisse der Thora.
Thora ?
Kam die Thora nicht erst später ins Spiel ?
Ja, schon, aber unsere Weisen lehren uns, dass die Vorväter schon vorab viele Gesetze der Thora einhielten, bevor diese überhaupt erst gegeben wurde.

Als Yosef dann auch noch den Traum hatte, in welchem sich seine Brüder vor ihm verneigen, war der Ofen ganz aus und ihr Hass kannte kaum mehr Grenzen. Nein, Yosef solle niemals irgendein König werde und über sie herrschen.

Yosef traf auf seine Brüder in Dotan, denn sein Vater hatte ihm aufgetragen, diese zu suchen. Zuerst wollten sie ihm umbringen, doch Ruven hielt sie zurück. Sie beschlossen, ihn in eine Grube zu werfen, um sich nicht ganz so schuldig an seinem direkten Tod zu machen. Der Ramban erwähnt an dieser Stelle, wie so oft, den Raschikommentar, der da besagt, dass die Thora ausdrücklich hervorhebt, die Grube sei LEER gewesen. Was interessiert es uns, ob die Grube leer war oder irgendwo eine kleine Wasserpfütze darin stand ?
LEER bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich nichts in die Grube wagte, denn diese war von Schlangen und Skorpionen bevölkert. Der erste aschkenasische Oberrabbiner Israels, Rabbi Kook (Kuk) sieht die Grube, in die Yosef geworfen wurde als Metapher für die Diaspora. Rabbi Kook vergleicht eine dunkle Grube mit derlei Getier mit der Diaspora. Gerade dort werden die Juden mit allen nur erdenklichen äußeren Einflüssen konfrontiert und ausgerechnet Yosef zeigt uns den Weg, wie wir dennoch unsere jüdische Identität und unsere Werte beibehalten. Yosef war der Meinung, dass wir uns den anderen Völkern mehr entgegenstrecken sollen. Mit anderen Worten, wir können uns nicht in abkapseln, sondern müssen genauso mit ihnen Leben. Zum Beispiel in der Geschäftswelt oder im Freundeskreis. Eine Öffnung bedeutet jedoch nicht "Mischehen - Juden heiraten Nichtjuden" einzugehen oder ihr Wertesystem zu übernehmen, denn auch für Yosef gab es eine Grenze der Offenheit. Die Thora und ihre Inhalte dürfen nie ad acta gelegt werden.

Yosefs Bruder Yehudah dagegen war mehr für die absolute Aufrechterhaltung der Heiligkeit (Keduscha) und der Separation. Rabbi Kook vergleicht beide Charaktäre mit dem Kampf der Makkabäer gegen die Griechen. Da die Parashat Vayeshev immer in die Chanukkah - Zeit fällt, suchen wir natürlich nach Zusammenhängen zwischen ihr und Chanukkah. Gerade zur Zeit der griechischen Besatzung verschrieben sich viele Juden dem Hellenismus. Man wollte so sein wie alle anderen Völker auch, nur G - tt spielte bei dem Spiel nicht mit. Das gleiche Schicksal wird auch uns irgendwann wiederfahren, wenn wir uns nicht an die Thora halten und meinen selbst entscheiden zu können was wir brauchen und was nicht.

Die Brüder sahen eine Karawane vorbeiziehen und Yehudah beschloss, denn Yosef einfach zu verkaufen. Wie konnten seine Brüder nur so grausam sein und Yosef in die Sklaverei verkaufen ? Hätte G - tt sie nicht unbarmherzig bestrafen müssen ? Und wieso rächte sich Yosef nicht später als er dazu imstande war ? Nebenbei erwähnt, Yosef erzählte später seinem Vater NIE, was die Brüder ihm angetan hatten. Die Thora gibt uns in den folgenden Parashot keinerlei Auskunft darüber. Als sein Vater Yaakov nach Ägypten zog, wohnten dieser und sein Sohn Yosef recht weit auseinander. Ein Kommentator ist der Ansicht, dass Yosef mit Absicht seinen Vater auf Distanz hielt, um so eventullen Detailfragen zu entkommen.

Der Arizal (der große mittelalterlich Kabbalist Rabbi Yitzchak Luria) ist der Ansicht, dass G - tt die Juden für den Verkauf des Yosef bestrafte. Und zwar zu der Zeit der römischen Besatzung vor 2000 Jahren als nach und nach berühmte Rabbiner wie Rabbi Akiva oder Rabbi Gamliel hingerichtet wurden. Die damaligen 10 Märtyrer repräsentieren die 10 Brüder. Dennoch kommt der Arizal genauso wie andere Kommentatoren noch zu einem ganz anderen Ergebnis. Die Brüder Yosefs sahen in ihrem Verhalten absolut nichts Unrechtes. In den vorherigen Generationen war es immer so der Fall gewesen, dass einer aus der Familie das schwarze Schaf war. So hatte Avraham einen Ishmael, der zuerst schlechten Charakters war (bis er zu G - tt zurückkehrte, siehe Talmud Traktat Bava Batra 16b) oder Yitzchak hatte einen Esav. Automatisch kamen die Söhne Yaakovs zu der Erkenntnis, dass auch ein ihrer Familie ein schwarzes Schaf umgeht; nämlich Yosef.

Aber können wir wirklich nur den Brüdern die Schuld in die Schuhe schieben ? Die Gemara im Talmud Traktat Schabbat 10b lehrt, dass ein Elternteil niemals ein Kind besonders bevorzugen soll. Dies rufe den Neid der Geschwister hervor. Und wenn unsere Vorväter auf solch einem hohen geistigen Level waren, wieso hielten sich sich nicht an diese einfache Regel ?
Yosef musste zwangsläufig in der Diaspora (Galut) landen, denn G - tt hatte vorbestimmt, dass die Juden in die ägyptische Diaspora gehen. Alles in unserem Leben ist vorbestimmt durch G - ttes Pläne und an dieser Stelle sind wir wieder zurück beim Thema des "Freien Willen". Wieviel "Freien Willen" haben wir wirklich in unserem Leben und was sieht G - tt für uns vor ?
Anscheinend müssen wir schwere Zeiten erleiden oder im Leben immer wieder Umwege gehen, um ans eigentliche Ziel zu kommen. Wenn wir sauer sind, diesen oder jenen Job nicht bekommen zu haben, dann sind wir enttäuscht vom Leben, weil wir glauben, gerade der Job sei das Richtige für uns gewesen ? Wäre er das wirklich ? Vielleicht hätte sich hinterher das genaue Gegenteil herausgestellt oder unser Leben wäre schlimmer geworden als zuvor. Nicht alles, was wir wollen, muss immer gut für uns sein und manchmal kommt es vor, dass G - tt uns vor zu schnellen Fehlern bewahren will. Das Problem ist nur, dass wir es in dem Moment nicht verstehen.

Der chassidische Kommentator Shem MiShmuel misst daher der Geschichte des Yosef ganz anderen Wert bei. Der Verkauf des Yosef musste erfolgen, um die Juden in die Diaspora nach Ägypten zu bringen. Und der ebenso große chassidische Rabbiner, der Chozeh (Seher) von Lublin, Rabbi Yaakov Yitzchak Horowitz, fügt noch einen weiteren philosophischen Gedanken hinzu. Sollen wir das Wort "Neid" immer nur negativ betrachten ? Nein, meint der, denn Neid kann durchaus positiv sein. Nämlich in dem Moment, indem ich andere Menschen um deren gute Eigenschaften beneide. Dies wiederum ruft eine innere Veränderung in mir hervor, die mich zum positiven bewegt. Bei den Brüdern hingegen war der Neid nur negativ.

Aber es gibt noch eine andere Verbindung zwischen dieser Thoralesung und dem am Dienstag abend (20. Dez.) beginnenden Chanukkah - Fest. Yosef und die Makkabäer zeigen uns, dass es immer Hoffnung im Leben gibt. Und sei alles auch noch so trist, niemals sollten wir uns hängenlassen und aufgeben, denn schnell kommen auch wieder andere Zeiten.

Schabbat Schalom und vorab Chanukkah Sameach !

Donnerstag, Dezember 01, 2011

Galut = Diaspora


Chavazelet Street / Ecke Jaffa Road in Jerusalem. Vor wenigen Jahren quetschte sich hier noch der Autoverkehr durch die engen Strassen. Heute ist alles Fussgängerzone. 

Photo: Miriam Woelke

B”H 

In der dieswöchigen Thoralesung “Vayetze” zieht Yaakov in die Galut (Diaspora) und jeder von uns, der nicht in Israel geboren wurde, weiss bestimmt, was das bedeutet. Ich will jetzt keine überschwenglichen Reden schwingen, doch bin ich seit mehr als 11 Jahren immer wieder froh, nicht mehr in der Diaspora zu leben. Mich nicht mehr der Religion wegen rechtfertigen zu müssen. 

Das Leben in Israel ist alles andere als einfach, doch habe ich hier Menschen kennen gelernt, Erfahrungen gemacht und meine persönlichen Lebenswege gefunden, was mir in Deutschland so niemals passierte und auch sicher nie passiert wäre.

Mittwoch, Dezember 29, 2010

Was ist mit der eigenen persönlichen Galut ?

Der Diaspora Jude

 
B"H

Bist Du Dir über deine persönliche Galut (Diaspora) im Klaren ?

Normalerweise verbindet ein Jude mit dem Begriff "Galut - Diaspora"das Leben ausserhalb Israels. Nichtsdestotrotz, gemäss chassidischer Lehren, besteht eine Diaspora nicht nur aus dem Leben ausserhalb Israels, sondern im selben Augenblick kann sich der Jude genauso in seiner eigenen innerlichen privaten Diaspora befinden.

Ist sich ein jeder von uns über seine eigene kleine persönliche Diaspora bewusst ? Meine eigenen Schwierigkeiten, eine Verbindung zu G - tt aufzubauen bzw. in dieser Verbindung zu leben ? Als Jude nämlich kann ich in Israel leben, aber mich dennoch gleichzeitig in meiner persönlichen Galut bewegen. Bei einem Schiur (relig. Vortrag) gab jemand vorhin ein sehr treffendes Beispiel:

"Man kann einen Jungen aus Brooklyn nach Israel schicken, aber bekommt man Brooklyn aus dem Jungen heraus ?"

Und so sind wir wieder auf der Strasse der Suche nach uns selbst angekommen !