B"H
Jene Leser, die meinen Blogs schon länger folgen wissen, dass ich häufig über die Baalei Teschuva (Juden, die erst im Verlauf ihres Lebens religiös werden) berichte. Sobald ich auf meinem englischen Blog mit dem Thema beginne, bekomme ich nicht selten bissige Kommentare von Leuten, die behaupten, dass dies alles so nicht stimmen täte. Ich gehe allerdings bei jenen Kommentarschreibern davon aus, dass es sich selbst um Baalei Teschuva handelt und sie sich zu rechtfertigen suchen.
Insbesondere in der haredischen Gesellschaft (in gewissem Masse ebenso bei den Nationalreligiösen) sind die erst später "frum" Gewordenen genauso wie Konvertiten zum Judentum nicht immer vollständig gesellschaftsfähig. In anderen Worten, diese zwei Gruppen der Newcomer in die ggf. haredische Gesellschaft haben es schwer, sich zu behaupten.
In der Regel werden sie mit anderen Baalei Teschuva oder Konvertiten verheiratet. Gelegentlich erhalten sie eine "Frum From Birth - in die haredische Gesellschaft hineingeborene / n Frau / Mann", doch muss man dabei sofort die Umstände betrachten. Bei derlei hineingeborenen Ehepartnern handelt es sich vorwiegend um Geschiedene oder Problemfälle. Jene also, die in der eigenen Gesellschaft als schwer oder gar nicht mehr vermittelbar gelten.
Chassidische Gruppen nehmen Newcomer auf, doch auch hier gibt es Unterschiede. Zwar kann ein Konvertit zum Judentum oder ein Baal Teschuva ein anerkanntes Mitglied in einer chassidischen Gruppe werden (wenn die Aufnahmebedingungen bestanden werden), doch richtig respektiert wie ein hineingeborenes Mitglied ist der Newcomer nicht. Selbst nicht bei Chabad !
Ich befasse mich mit dem Thema und allem möglichem Religiösen sowie Gesellschaftlichem drumherum seit weit mehr als zehn Jahren und meine, zum Thema einiges berichten zu können. Jedenfalls was Israel anbelangt !
Zahlreiche geborene Chassidim sagen mir, dass in ihren Gruppen Neuzugänge aufgenommen werden, aber das alles sei nicht das Gleiche als wenn jemand in die Gruppe hineingeboren ist. Eine Frau der extremen chassidischen Toldot Aharon aus Mea Shearim (Jerusalem) behauptete mir gegenüber, dass man schon in einen chassidischen Gruppe hingeboren sein mujss, um richtig chassidisch sein zu können.
In all den Jahren bekam ich viele Ansichten mitgeteilt und bin selber Zeuge, was sich bis heute tut. Warum aber komme ich jetzt wieder auf das Thema zurück ? Am vergangenen Schabbat war ich in Mea Shearim eingeladen und dort gab, wie so üblich, das Thema "Baalei Teschuva" abermals zur Sprache. Deswegen plane ich einige weitere Beiträge zu den Meinungen aus chassidischer Sicht.
Ich bin der festen Überzeugung, dass der Newcomer (egal, ob Konvertit oder Baal Teschuva) teilweise selbst mitbestimmt, wie die haredische Gesellschaft auf ihn reagiert. Wie bewegt er sich in der Gesellschaft ? Bleibt er ruhig und gelassen oder will er allen fanatisch beweisen, dass er besser (oder ebenbürdig) ist als alle anderen ?
Einmal war ich bei einem litvisch - haredischen Ehepaar im haredischen Jerusalemer Viertel Kiryat Mattersdorf eingeladen. Das frisch vermählte Paar (immerhin schon über 35 Jahre alt) hielt sich mehr als penibel an alle Vorschriften des Schabbat. Jedes kleinste Detail wurde eingehalten und alles pedantisch auf dem Tisch zurechtgerückt. Dass auch ja der Salzstreuer für die Challot (Schabbatbrote) nicht fehlte, etc.
Alles war so kleinkariert und bedrückend, dass keine Schabbatatmosphäre aufkam. Immer nur daran denken, bloß nichts falsch zu machen … Der Schabbat war so perfekt, dass er im Endeffekt dahin war.
Derlei Fanatiker sind mit die Schlimmsten.
Der Jerusalemer Rabbiner Mordechai Machlis berichtete uns einmal, dass nicht wenige säkulere amerikanische Juden ihn anrufen und genervt wissen wollen, was da in Jerusalem mit ihren Sprößlingen geschehen ist. Das Kind sei auf ein 1 - Jahresprogramm entsandt worden und nun kommt es als relig. Golem heim. Will allen nur noch vorschreiben, was zu tun und was zu lassen sei. Das gehe der Reformumgebung auf die Nerven. Da verlange das Kind doch tatsächlich von der Mutter eine koschere Küche. Vor einigen Monaten las ich das Buch "Freaking Out", in welchem die neuen relig. Juden (Baalei Teschuva) vorgestellt wurden. Leider bezog sich der Buchinhalt nur auf die USA und enthielt, jedenfalls für meinen Geschmack, zuviele trockene Statistiken.
Rabbi Machlis gab uns ein Fallbeispiel:
Einmal kam ein junger Baal Teschuva heim zu seiner Familie in die Staaten und berichtete begeistert davon, was ihm in Israel an Religiösem wiederfahren war. Sobald er daheim angekommen war, begann er seinen Eltern alles Halachische vorzuschreiben und machte auch vor dem Rabbi nicht Halt. Als der Rabbiner den jungen Mann darauf aufmerksam machte, dass sich die Gemeinde nicht nach dem Schulchan Aruch (Code of Jewish Law), sondern nach dem Aruch HaSchulchan richte, wusste der frischgebackene Baal Teschuva nicht mehr weiter. Von dem Aruch HaSchulchan hatte er noch nie gehört und hiermit komme ich zu einem weiteren Punkt: Baalei Teschuva sowie Konvertiten zum Judentum meinen vielerseits, dass ein Jahr oder auch zwei oder drei ausreichen, um nun Vorträge geben zu können. Wer das will, der sollte schon einige Lernzeit auf dem Buckel haben, um sich an gewisse Themen überhaupt erst heranzuwagen. Jahrelang dauern die Studien; nicht einmal pro Woche, sondern täglich mindestens 5 - 6 Stunden.
Es gibt viele Themen im Judentum, an die ich mich nicht heranwage (Beispiel: der halachische Standpunkt der Sterbehilfe, Medizinisches und vieles mehr) und wieder andere Themen, an die ich mich herantaste, nachdem ich wer weiß wieviel Infos dazu gesammelt habe. Nehmen wir den Rambam: Im Jerusalemer Israel Center gibt es eine Rambam - Lerngruppe, die schon zwanzig Jahre dort sitzt. Allein neunzehn Jahre studierten sie den "Führer der Unschlüssigen - Moreh Nevuchim", denn wer den Rambam begreifen will, der sollte, u.a., Aristoteles gewiss nicht auslassen.
Im Laufe der Zeit traf ich auf unzählige eifrige Yeshivaleute (reli. Schule), die nach wenigen Wochen anderen Juden versuchten vorzuschreiben, was halachisch Sache ist. Jeder hat irgendwo einmal angefangen und ich kann die enthusiastische Aufregung darüber verstehen. Man lernt etwas Neues und verspürt den Drang, es auch anderen mitzuteilen. Hierbei kommt es jedoch stets auf das WIE an. Lasse ich den Allwissenden heraushängen bzw. gehe anderen mit meinen Vorschriften / meinem Verhalten auf die Nerven ?
Ein Baal Teschuva sollte auf seinem Weg von einem erfahrenen Rabbiner begleitet werden. Gute Ratschläge einer erfahrenen Person sind unerläss, wenn man nicht unbedingt anderen und der Umwelt nervlich zur Last fallen will.
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Donnerstag, Juni 18, 2009
Donnerstag, Dezember 11, 2008
Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?
B"H
"Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?"
Diese Frage stellte mir ein amerikanischer Leser meines englischen Blogs.
Besonders in der heutigen Zeit scheinen nicht wenigerelig. Juden eine Mitgliedschaft in einer chassidischen Gruppe in Erwägung zu ziehen. Hierfür hat sicher jeder seine privaten individuellen Gründe.
Die Frage an sich fand ich besonders interessant, denn diesen Schabbat bin ich bei einer Familie in Beit Shemesh eingeladen, die der chassidischen Gruppe "Toldot Avraham Yitzchak", einer Abspaltung der extremen Toldot Aharon, beigetreten ist. Gerne würde ich über die Familie mehr schreiben, will jedoch erst um Erlaubnis fragen. Die Aufnahme ging recht schnell und reibungslos, was wohl daran lag, dass besagte Familie vorher schon Mitglied einer anderen chassidischen Gruppe war. Also nicht mehr ganz neu und unerfahren auf dem Gebiet war.
Ich täte jedem, der solch einen Schritt wagen will, raten, sich vorher eingehend zu erkundigen. Nicht gleich auf die erste chassidische Gruppe losstürzen, sondern sich Zeit lassen und bei mehreren Gruppen umschauen. Mit den Mitgliedern reden, dem Rebben und unter den Frauen redet man mit der Rebbitzen (Frau eines chassidischen Rebben). Keinesfalls voreilige Entschlüsse treffen und vor allem bedenken, dass eine etwaige Mitgliedschaft in anderen Gruppen außer Breslov oder Chabad einen einschneidenden Schritt im Leben bedeutet. Plötzlich ist man nicht mehr das "freie" Individuum, sondern ist gezwungen, sich Gruppenregeln zu unterwerfen. Entscheidungen eines Rebben zu befolgen und es kann nicht so einfach gesagt werden, dass mir dies und das nicht passt. Anfangs wird man eh beäugt und man sollte schon die Kraft und den Willen haben, sich durchzubeissen.
Man sollte sich über Folgendes im Klaren sein:
1. Inwieweit kann ich mit ein - bzw. unterordnen ?
2. Welche Ideologie liegt mir ?
3. Wie geschlossen oder offen sollte die Gruppe sein ?
4. Will ich eine große, vielseits anonyme Gruppe wie, z.B. Gur, Satmar oder Belz, oder will ich den Rebben treffen und nahe bei ihm sei, wie bei den Avraham Yitzchak. Bei Belz hingegen stehen Tausende Chassidim an und nur wenige haben direkten Kontakt mit dem Rebben.
5. Wie wird sich mein Leben ändern und was sind meine Ziele ?
6. Als Single beizutreten setzt voraus, mich schnellstens nach einem Ehepartner umzuschauen.
7. Kann ich dem etwaigen Gesellschaftsdruck standhalten ?
8. Vielleicht erst einmal auf Probe chassidisch leben …
9. Vor einer Mitgliedschaft werden eh Probezeiten angesetzt.
10. Mit welchen Erwartungen komme ich ?
Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und sich zu informieren. Außerdem sollte man sich selber testen und wissen, wo die eigenen Schwächen liegen. Diese Einsichten sind besonders wichtig in Bezug auf den aufkommenden Gesellschaftsdruck sowie der Realität, dass eine chassidische Gruppe nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen bedeutet, sondern der Alltag oft hart ausschaut.

Ganz rechts: Der Rebbe der Toldot Avraham Yitzchak aus Mea Shearim - Rebbe Shmuel Yaakov Kahn.
"Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?"
Diese Frage stellte mir ein amerikanischer Leser meines englischen Blogs.
Besonders in der heutigen Zeit scheinen nicht wenigerelig. Juden eine Mitgliedschaft in einer chassidischen Gruppe in Erwägung zu ziehen. Hierfür hat sicher jeder seine privaten individuellen Gründe.
Die Frage an sich fand ich besonders interessant, denn diesen Schabbat bin ich bei einer Familie in Beit Shemesh eingeladen, die der chassidischen Gruppe "Toldot Avraham Yitzchak", einer Abspaltung der extremen Toldot Aharon, beigetreten ist. Gerne würde ich über die Familie mehr schreiben, will jedoch erst um Erlaubnis fragen. Die Aufnahme ging recht schnell und reibungslos, was wohl daran lag, dass besagte Familie vorher schon Mitglied einer anderen chassidischen Gruppe war. Also nicht mehr ganz neu und unerfahren auf dem Gebiet war.
Ich täte jedem, der solch einen Schritt wagen will, raten, sich vorher eingehend zu erkundigen. Nicht gleich auf die erste chassidische Gruppe losstürzen, sondern sich Zeit lassen und bei mehreren Gruppen umschauen. Mit den Mitgliedern reden, dem Rebben und unter den Frauen redet man mit der Rebbitzen (Frau eines chassidischen Rebben). Keinesfalls voreilige Entschlüsse treffen und vor allem bedenken, dass eine etwaige Mitgliedschaft in anderen Gruppen außer Breslov oder Chabad einen einschneidenden Schritt im Leben bedeutet. Plötzlich ist man nicht mehr das "freie" Individuum, sondern ist gezwungen, sich Gruppenregeln zu unterwerfen. Entscheidungen eines Rebben zu befolgen und es kann nicht so einfach gesagt werden, dass mir dies und das nicht passt. Anfangs wird man eh beäugt und man sollte schon die Kraft und den Willen haben, sich durchzubeissen.
Man sollte sich über Folgendes im Klaren sein:
1. Inwieweit kann ich mit ein - bzw. unterordnen ?
2. Welche Ideologie liegt mir ?
3. Wie geschlossen oder offen sollte die Gruppe sein ?
4. Will ich eine große, vielseits anonyme Gruppe wie, z.B. Gur, Satmar oder Belz, oder will ich den Rebben treffen und nahe bei ihm sei, wie bei den Avraham Yitzchak. Bei Belz hingegen stehen Tausende Chassidim an und nur wenige haben direkten Kontakt mit dem Rebben.
5. Wie wird sich mein Leben ändern und was sind meine Ziele ?
6. Als Single beizutreten setzt voraus, mich schnellstens nach einem Ehepartner umzuschauen.
7. Kann ich dem etwaigen Gesellschaftsdruck standhalten ?
8. Vielleicht erst einmal auf Probe chassidisch leben …
9. Vor einer Mitgliedschaft werden eh Probezeiten angesetzt.
10. Mit welchen Erwartungen komme ich ?
Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und sich zu informieren. Außerdem sollte man sich selber testen und wissen, wo die eigenen Schwächen liegen. Diese Einsichten sind besonders wichtig in Bezug auf den aufkommenden Gesellschaftsdruck sowie der Realität, dass eine chassidische Gruppe nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen bedeutet, sondern der Alltag oft hart ausschaut.
Ganz rechts: Der Rebbe der Toldot Avraham Yitzchak aus Mea Shearim - Rebbe Shmuel Yaakov Kahn.
Montag, August 25, 2008
Nicht willkommen ?
B"H
Zwei aktuelle Begebenheiten regten mich wieder einmal mehr etwas zum Nachdenken an.
Am letzten Schabbat erzählte mir meine Gastgeberin aus Mea Shearim, welche mich zum Mittagessen eingeladen hatte, dass sie am Abend zuvor einer jungen Frau, welche sich erst kürzlich entschloß, religiös zu werden, davon abgeraten hatte, sich gleich in den Chassidismus zu stürzen.
Obwohl es mit unbekannt ist, ob es sich bei der jungen Frau um eine Konvertitin zum Judentum oder eine Baalat Teshuva (geborener Jude, der später im Leben relig. wird) handelt, bin ich der Meinung, dass man nicht immer gleich abraten sollte. Meine Gastgeberin jedoch beharrte darauf und meinte, jemand Neues im gelebten orthodoxen Judetum solle erst einmal eine richtige Basis erlernen; und dazu gehören Thora und Halachot. Erst wenn ich weiß, wie ich halachisch alles zu regeln habe (Schabbat, koscher kochen, etc.), kann ich immer noch eine Richtung suchen und mich weiterbilden. Erst nach einem gewissen Studium bin ich mental gefestigt und in der Lage, mir herauszusuchen, wohin genau ich jetzt gehen möchte. Litvisch haredisch, chassidisch oder nationalrelig. Wenn chassidisch, welche Gruppe und welche Inhalte ?
Das sei alles nicht einfach und hopplahopp zu entscheiden. Und überhaupt sei Chassidut mit einigem an Mysthik und höheren Studieninhalten verbunden und ein Anfänger in der Religion könne da kaum mithalten. Das verwirre einen alles zu sehr. Chabad sei eh auf diesem Gebiet ein Meister. Werben wie verrückt neue Leute an und hetzen sie in die Mystik. Von Halachot kaum Ahnung, aber den Tanya lernen. Soetwas sei keine Basis geschweige denn ein ausreichendes Fundament.
Ich versuchte der Gastgeberin klarzumachen, dass jeder Jude halt seinen eigenen Zugang zur Religion bzw. zu G - tt habe. Der eine fühlt sich wohler, indem er Thora lernt, der andere mit Talmud und wieder jemand anderes anhand des Chassidismus. Nicht jeder sei gleich und mysthisch oder chassidisch gesprochen, müsse halt jeder von uns seine Seelenwurzel suchen, welche uns den Weg zu einer Devekut (Verbindung) mit G - tt weist.
Diese Argumente ließ die Gastgeberin nicht gelten und pochte auf ein Fundament. Und vor allem Chabad biete kein Fundament, um diese Gruppe einmal als Beispiel zu nennen.
Gestern dann hatte ich ein anderes, wenn auch etwas ähnliches, Erlebnis.
Ein Bekannter, ein Chassid einer etwas mehr oder weniger offeneren Gruppe, fragte mich, ob ich zwei Mädels unter 26 Jahren kenne, die einen Ehepartner (Schidduch) suchen. Ich meinte, dass ich da ein paar Mädels aus der litvischen Girls - Yeshiva "Neve Yerushalaim" kenne; aber die seien halt litvisch und nicht chassidisch.
Der Chassid winkte ab und meinte, er wolle seine Söhne mit Mädels verheiraten, welche selbst aus einer chassidischen Gruppe stammen bzw. chassidisch aufwuchsen. Keine Konvertiten zum Judentum oder Baalei Teshuva (geborene Juden, die erst im späteren Verlauf ihres Lebens relig. geworden sind).
Ich fragte den Chassid nach seinen Gründen hierfür und er nannte mir so einige. Erstens sei es immer problematisch mit den Eltern der Gegenpartei, heißt des etwaigen Ehepartners, denn sie seien ja wohl kaum relig. Und was soll man da mit einer absolut säkuleren oder nichtjüdischen (bei Konvertiten) Familie anfangen ?
Des Weiteren gebe es nicht selten Vorfälle, bei denen sich der Neuankömmling nicht in das chassidische Leben eingewöhnen kann. Dies führe dann automatisch zu Streitigkeiten. Der oder die Neue habe sich etwas anderes vom chassidischen leben erhofft und ist außerstande, die hohen Anforderungen zu bewältigen.
Mental sowie emotional.
Heiraten dagegen zwei Konvertiten oder Baalei Teshuva, so können beide ihren Ausgleich darin finden, dass jeder von ihnen das säkulere Vorleben und die damit verbundenen Anpassungsschwierigkeiten des anderen nachvollziehen kann. Ein geborener Chassid schafft dies kaum, wenn da eine neu Hinzugekommene von ihren Krisen berichtet. Sie vermisse Popmusik oder wolle jetzt einen schönen Roman lesen.
Wenn schon jemand neu hinzukommt, dann muß er sich erst einmal mindestens zehn Jahre in der haredischen Umgebung beweisen. Danach könne man weitersehen.
Viele chassidische Gruppen legen nicht unbedingt großen Wert darauf, ihre Mitglieder mit Leuten aus der eigenen Gruppe zu verheiraten. Klar, sollte derjenige aus einer etwaigen anderen chassidischen Gruppe schon einigermassen dieselben Vorstellungen und Konzepte verinnerlicht haben. Zum Beispiel sind sich Boyan und Karlin nicht unbedingt ähnlich, aber man kommt zurecht. Auch Karlin, Boyan und Chernobyl oder Bobov. Chabad läßt keinen Nicht - Chabadnik in die Gruppe, denn sie lehren und wollen ausschließlich nur ihre eigenen Konzepte.
Meine Gastgeberin verheiratete ihre Töchter auch mit Ehegatten anderer chassidischer Gruppen. Und das, obwohl sie einer Gruppe der anti - zionistischen Edah HaCharedit angehört. Ich unterhielt mich ausgiebig mit einer ihrer Töchter, welche mit einem Chassid der Gruppe Bobov verheiratet ist. Ob dies denn nicht eine große Umstellung gewesen sei ?
"Nein, wieso, fragte die Tochter. Als ich einen Bräutigam suchte, gab ich meinem Vater eine Liste mit den Charaktereigenschaften, die ich mir vorstellte. Wie soll mein Zukünftiger sein. Und ich gab ihm gewiß keine Liste mit Gruppen, denen er angehören soll.
Soweit vorerst zum chassidischen Heiratsmarkt oder Kiruv (jemanden an die Religion heranführen) - Movement. Es ist nicht immer leicht, die richtige Wahl im Leben zu treffen und hiermit meine ich nicht nur den Heiratsmarkt. Auch seinen Weg in die richtige relig. Richtung zu finden ist keineswegs immer einfach und mit vielen Hindernissen und Krisen verbunden. Allerdings sollte man mit seinen Vorstellungen immer realistisch auf dem Teppich bleiben. Und den Baalei Teshuva sei gesagt, dass ein wenig Halachoterfüllung und ein paar relig. - anständige Klamotten noch langen keinen Baal Teshuva ausmachen. Religiös zu werden bedeutet, eine innere Transformation durchzumachen und sein Leben bzw. seinen Charakter in eine andere Richtung zu lenken. Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um und was tue ich, damit auch die jüdische Gesellschaft sich näher zu G - tt bewegt. Wo ist da mein Beitrag ? Und dieser Beitrag kann nicht sein, dass ich auf alle anderen hinabschaue und mich ins Kämmerlein zurückziehe, weil ich meine, jetzt so toll und heilig zu sein.
Zwei aktuelle Begebenheiten regten mich wieder einmal mehr etwas zum Nachdenken an.
Am letzten Schabbat erzählte mir meine Gastgeberin aus Mea Shearim, welche mich zum Mittagessen eingeladen hatte, dass sie am Abend zuvor einer jungen Frau, welche sich erst kürzlich entschloß, religiös zu werden, davon abgeraten hatte, sich gleich in den Chassidismus zu stürzen.
Obwohl es mit unbekannt ist, ob es sich bei der jungen Frau um eine Konvertitin zum Judentum oder eine Baalat Teshuva (geborener Jude, der später im Leben relig. wird) handelt, bin ich der Meinung, dass man nicht immer gleich abraten sollte. Meine Gastgeberin jedoch beharrte darauf und meinte, jemand Neues im gelebten orthodoxen Judetum solle erst einmal eine richtige Basis erlernen; und dazu gehören Thora und Halachot. Erst wenn ich weiß, wie ich halachisch alles zu regeln habe (Schabbat, koscher kochen, etc.), kann ich immer noch eine Richtung suchen und mich weiterbilden. Erst nach einem gewissen Studium bin ich mental gefestigt und in der Lage, mir herauszusuchen, wohin genau ich jetzt gehen möchte. Litvisch haredisch, chassidisch oder nationalrelig. Wenn chassidisch, welche Gruppe und welche Inhalte ?
Das sei alles nicht einfach und hopplahopp zu entscheiden. Und überhaupt sei Chassidut mit einigem an Mysthik und höheren Studieninhalten verbunden und ein Anfänger in der Religion könne da kaum mithalten. Das verwirre einen alles zu sehr. Chabad sei eh auf diesem Gebiet ein Meister. Werben wie verrückt neue Leute an und hetzen sie in die Mystik. Von Halachot kaum Ahnung, aber den Tanya lernen. Soetwas sei keine Basis geschweige denn ein ausreichendes Fundament.
Ich versuchte der Gastgeberin klarzumachen, dass jeder Jude halt seinen eigenen Zugang zur Religion bzw. zu G - tt habe. Der eine fühlt sich wohler, indem er Thora lernt, der andere mit Talmud und wieder jemand anderes anhand des Chassidismus. Nicht jeder sei gleich und mysthisch oder chassidisch gesprochen, müsse halt jeder von uns seine Seelenwurzel suchen, welche uns den Weg zu einer Devekut (Verbindung) mit G - tt weist.
Diese Argumente ließ die Gastgeberin nicht gelten und pochte auf ein Fundament. Und vor allem Chabad biete kein Fundament, um diese Gruppe einmal als Beispiel zu nennen.
Gestern dann hatte ich ein anderes, wenn auch etwas ähnliches, Erlebnis.
Ein Bekannter, ein Chassid einer etwas mehr oder weniger offeneren Gruppe, fragte mich, ob ich zwei Mädels unter 26 Jahren kenne, die einen Ehepartner (Schidduch) suchen. Ich meinte, dass ich da ein paar Mädels aus der litvischen Girls - Yeshiva "Neve Yerushalaim" kenne; aber die seien halt litvisch und nicht chassidisch.
Der Chassid winkte ab und meinte, er wolle seine Söhne mit Mädels verheiraten, welche selbst aus einer chassidischen Gruppe stammen bzw. chassidisch aufwuchsen. Keine Konvertiten zum Judentum oder Baalei Teshuva (geborene Juden, die erst im späteren Verlauf ihres Lebens relig. geworden sind).
Ich fragte den Chassid nach seinen Gründen hierfür und er nannte mir so einige. Erstens sei es immer problematisch mit den Eltern der Gegenpartei, heißt des etwaigen Ehepartners, denn sie seien ja wohl kaum relig. Und was soll man da mit einer absolut säkuleren oder nichtjüdischen (bei Konvertiten) Familie anfangen ?
Des Weiteren gebe es nicht selten Vorfälle, bei denen sich der Neuankömmling nicht in das chassidische Leben eingewöhnen kann. Dies führe dann automatisch zu Streitigkeiten. Der oder die Neue habe sich etwas anderes vom chassidischen leben erhofft und ist außerstande, die hohen Anforderungen zu bewältigen.
Mental sowie emotional.
Heiraten dagegen zwei Konvertiten oder Baalei Teshuva, so können beide ihren Ausgleich darin finden, dass jeder von ihnen das säkulere Vorleben und die damit verbundenen Anpassungsschwierigkeiten des anderen nachvollziehen kann. Ein geborener Chassid schafft dies kaum, wenn da eine neu Hinzugekommene von ihren Krisen berichtet. Sie vermisse Popmusik oder wolle jetzt einen schönen Roman lesen.
Wenn schon jemand neu hinzukommt, dann muß er sich erst einmal mindestens zehn Jahre in der haredischen Umgebung beweisen. Danach könne man weitersehen.
Viele chassidische Gruppen legen nicht unbedingt großen Wert darauf, ihre Mitglieder mit Leuten aus der eigenen Gruppe zu verheiraten. Klar, sollte derjenige aus einer etwaigen anderen chassidischen Gruppe schon einigermassen dieselben Vorstellungen und Konzepte verinnerlicht haben. Zum Beispiel sind sich Boyan und Karlin nicht unbedingt ähnlich, aber man kommt zurecht. Auch Karlin, Boyan und Chernobyl oder Bobov. Chabad läßt keinen Nicht - Chabadnik in die Gruppe, denn sie lehren und wollen ausschließlich nur ihre eigenen Konzepte.
Meine Gastgeberin verheiratete ihre Töchter auch mit Ehegatten anderer chassidischer Gruppen. Und das, obwohl sie einer Gruppe der anti - zionistischen Edah HaCharedit angehört. Ich unterhielt mich ausgiebig mit einer ihrer Töchter, welche mit einem Chassid der Gruppe Bobov verheiratet ist. Ob dies denn nicht eine große Umstellung gewesen sei ?
"Nein, wieso, fragte die Tochter. Als ich einen Bräutigam suchte, gab ich meinem Vater eine Liste mit den Charaktereigenschaften, die ich mir vorstellte. Wie soll mein Zukünftiger sein. Und ich gab ihm gewiß keine Liste mit Gruppen, denen er angehören soll.
Soweit vorerst zum chassidischen Heiratsmarkt oder Kiruv (jemanden an die Religion heranführen) - Movement. Es ist nicht immer leicht, die richtige Wahl im Leben zu treffen und hiermit meine ich nicht nur den Heiratsmarkt. Auch seinen Weg in die richtige relig. Richtung zu finden ist keineswegs immer einfach und mit vielen Hindernissen und Krisen verbunden. Allerdings sollte man mit seinen Vorstellungen immer realistisch auf dem Teppich bleiben. Und den Baalei Teshuva sei gesagt, dass ein wenig Halachoterfüllung und ein paar relig. - anständige Klamotten noch langen keinen Baal Teshuva ausmachen. Religiös zu werden bedeutet, eine innere Transformation durchzumachen und sein Leben bzw. seinen Charakter in eine andere Richtung zu lenken. Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um und was tue ich, damit auch die jüdische Gesellschaft sich näher zu G - tt bewegt. Wo ist da mein Beitrag ? Und dieser Beitrag kann nicht sein, dass ich auf alle anderen hinabschaue und mich ins Kämmerlein zurückziehe, weil ich meine, jetzt so toll und heilig zu sein.
Sonntag, August 24, 2008
Feste und Kopfbedeckungen
B"H
Normalerweise herrscht in den Sommermonaten alljährlich Ruhe, denn die Yeshivot (relig. Schulen) haben geschlossen, viele Haredim (Ultra - Orthod.) sind im Urlaub und die chassidischen Rebben befinden sich ebenfalls auf Tour. An diesem Schabbat jedoch war alles etwas anders, denn die chassidische Gruppe Ruzhin - Boyan feiert am Dienstag die Hochzeit eines Sohnes ihres Rebben. Und somit gab es am Schabbat einen Aufruf; heißt, der Bräutigam wurde zur Thora aufgerufen. Leider verpaßte ich die gesamte Zeremonie um weniger als fünf Minuten. Das kommt davon, wenn man am Abend zuvor zu lange beim Schabbatdinner sitzt und am Morgen danach nicht aus dem Bett kommt.
Nach dem Synagogenservice gaben die Boyaner ein riesen Festmahl im Erdgeschoß ihrer Synagoge und einige Frauen halfen emsig beim Tischdecken. Bisher war ich bei den Boyanern nur bei einem einzigen chassidischen Tisch des Rebben gewesen, doch dort hatte ich sofort jene Dame kennen gelernt, die anscheinend die gesamte Frauenempore unter sich hat. Das war vor ca. einem Monat und am Schabbat traf ich besagte Dame wieder. Sie kam gleich auf mich zu, schüttelte meine Hand und war sofort wieder auf und davon, denn schließlich war sie beim Tischedecken voll im Einsatz.
Die Synagoge der Boyaner war bis zum letzten Platz gefüllt; nicht nur mit Boyanern, sondern es waren auch Chassidim anderer Gruppen anwesend. Darunter erstaunlich viele Karliner, in deren Synagoge ich am Freitag abend zum Schabbatg - ttesdienst war.
Das einzige Problem bestand darin, dass ich mich bei den Boyanern nicht lange aufhalten konnte, denn ich hatte eine Einladung zum Mittagessen im benachbarten Mea Shearim. Und so verpaßte ich leider den gesamten Festschmaus im Untergeschoß.
Jedesmal wenn ich bei besagter Family in Mea Shearim eingeladen bin, bittet mich die Gastgeberin mindestens zwanzig Mal, nicht ihren Namen bzw. Lokalität oder Gruppe im Internet zu nennen. Daran halte ich mich, dennoch kann ich sagen, dass sie gerade zum Schabbatmittagessen kaum Gäste von außerhalb hatte, sondern fast nur ihre eigene Family war zu Besuch. Die Familie lebt in einem der vielen Mea Shearimer Hinterhöfe. Viele Leute fragen ab und an nach, ob das weitgehend chassidische Mea Shearim Gäste am Schabbat aufnimmt. Nach längerem Umhören fand ich heraus, dass dem so ist und zahlreiche Familie Leute einladen. Allerdings fast nur solche Gäste, die in Yeshivot oder relig. Seminaren lernen. Nichtjuden haben, soweit mir bekannt ist, absolut keine Chance mehr. Dies war früher etwas anders, doch gab es mit der Nachbarschaft Ärger oder die Gäste benahmen sich daneben. Mit den Nachbarn deshalb, weil allgemein die Befürchtung herrscht, dass da eventuell christl. Missionare herumschleichen und sich an die chassidischen Kinder heranmachen, wie es schon einige Male vorgekommen ist. Kurz gesagt benötigt man jedoch auch als Jude einige Beziehungen, um eingeladen zu werden.
Bei besagter Familie sitzen wir in zwei Räumen, je nach Männlein und Weiblein getrennt. Klingt vielleicht radikal, doch es hat seine Vorteile, weil man nicht dauernd von heiratswilligen Männern angestarrt wird und diese einem auf den Geist gehen. Unweigerlich wurde ich dann im Laufe des Mittagessens Zeuge einer für Mea Shearim anscheinend alltäglichen Diskussion. Die mir gegenübersitzende Gastgeberin sowie eine neben mir sitzende ältere Dame (die Enkelin eines berühmten Rabbiners) begannen eine für mich fremd klingende Diskussion. Ganz offen erzählten sie mir von ihren Kopfbedeckungen. Jede verheiratete, geschiedene oder verwitwete orthodoxe Jüdin bedeckt ihre Haare. Dies geschieht aus Anstandsgründen und man könnte jetzt lange diskutieren, ob dies in der Thora verankert ist und wie eine optimale Kopfbedeckung ausschaut.
Die Gastgeberin teilte offen und ehrlich mit, dass sie ihre Haare abrasiere. Dies geschehe ca. alle zwei Wochen, sobald diese nachwachsen. Den Brauch habe sie so von ihrer Mutter gelernt und ihn übernommen. Über ihr fast kahles Haupt setze sie eine Haube und darauf die Perücke.
Ich dachte bei der Beschreibung ziemlich praktisch und fragte, ob das denn nicht zu warm sei. "Nein, gaben beide Frauen wie aus der Pistole geschossen zurück. Nein, überhaupt nicht".
Weiter meinte die Gastgeberin, dass nur ein Schmattes (Tuch) um den Kopf für sie aus fehlenden Anstandsgründen nicht in Frage komme, denn soetwas könne verrutschen. Ein Perücke hingegen weniger. Und um ganz auf koschere Nummer Sicher zu gehen, sei ihr Perückenhaar aus synthetischen Haaren hergestellt. "Das sei wie Seide", meinte sie.
Die neben mir sitzende Dame fügte hinzu, dass sie ja nur mit dem Tuch um den Kopf herumlaufe. Das reiche doch aus und außerdem haben einige Frauen nun einmal einen Kopf wie für das Tuch gemacht. Vor allem diejenigen mit runder Gesichtsform. Denen stehe doch gar keine Perücke.
Die Diskussion ging einige Zeit so weiter und beide Frauen zeigten Angst, dass die jüngeren Generationen sich nicht mehr unbedingt an die alten Traditionen halten könnten. Und wie sagte der große Rabbiner Chatam Sofer schon: "Alles Neue und jegliche Änderungen sind abzulehnen".
Vier Stunden dauerte unsere Mittagsdiskussion, wobei es überwiegend um chassidische Gruppen ging. Wie gehe man als Frau mit den Traditionen und der Männerwelt um ? Aber genauso ging es um Schidduchim (Ehepartnesuche) und wie diese in Mea Shearim bzw. innerhalb verschiedener chassidischer Gruppen von statten gehen. Kurz gesagt, unbeschreiblich viel Stoff für mich, welchen ich erst einmal verarbeiten muß.
Wenn alles nach Plan verläuft, werde ich im September zu einigen weiteren Mea Shearim – Familien gehen und an den anstehenden hohen Feiertagen bin ich ebenso eingeladen. Gerade an den Sukkot (Laubhütten - ) – Feiertagen ist in Mea Shearim viel los und die Hauptstraße sowie der lokale Markt werden nach Geschlechtern getrennt.
Und was sagen die Chassidim, wenn sie erfahren, dass ich über ihre Belange schreibe ?
Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Eine anfängliche Ablehnung bzw. bestehende Zweifel konnte ich zwar nicht immer vollständig aus dem Weg räumen, doch findet man sich irgendwie mit dem Thema ab. Außerdem gebe ich zwei wichtige Punkte zu bedenken, die mehr als plausibel klingen. Im Endeffekt sind viele neugierig, wie die Leserreaktion ausfällt und wie andere chassidische Gruppen reagieren.
Normalerweise herrscht in den Sommermonaten alljährlich Ruhe, denn die Yeshivot (relig. Schulen) haben geschlossen, viele Haredim (Ultra - Orthod.) sind im Urlaub und die chassidischen Rebben befinden sich ebenfalls auf Tour. An diesem Schabbat jedoch war alles etwas anders, denn die chassidische Gruppe Ruzhin - Boyan feiert am Dienstag die Hochzeit eines Sohnes ihres Rebben. Und somit gab es am Schabbat einen Aufruf; heißt, der Bräutigam wurde zur Thora aufgerufen. Leider verpaßte ich die gesamte Zeremonie um weniger als fünf Minuten. Das kommt davon, wenn man am Abend zuvor zu lange beim Schabbatdinner sitzt und am Morgen danach nicht aus dem Bett kommt.
Nach dem Synagogenservice gaben die Boyaner ein riesen Festmahl im Erdgeschoß ihrer Synagoge und einige Frauen halfen emsig beim Tischdecken. Bisher war ich bei den Boyanern nur bei einem einzigen chassidischen Tisch des Rebben gewesen, doch dort hatte ich sofort jene Dame kennen gelernt, die anscheinend die gesamte Frauenempore unter sich hat. Das war vor ca. einem Monat und am Schabbat traf ich besagte Dame wieder. Sie kam gleich auf mich zu, schüttelte meine Hand und war sofort wieder auf und davon, denn schließlich war sie beim Tischedecken voll im Einsatz.
Die Synagoge der Boyaner war bis zum letzten Platz gefüllt; nicht nur mit Boyanern, sondern es waren auch Chassidim anderer Gruppen anwesend. Darunter erstaunlich viele Karliner, in deren Synagoge ich am Freitag abend zum Schabbatg - ttesdienst war.
Das einzige Problem bestand darin, dass ich mich bei den Boyanern nicht lange aufhalten konnte, denn ich hatte eine Einladung zum Mittagessen im benachbarten Mea Shearim. Und so verpaßte ich leider den gesamten Festschmaus im Untergeschoß.
Jedesmal wenn ich bei besagter Family in Mea Shearim eingeladen bin, bittet mich die Gastgeberin mindestens zwanzig Mal, nicht ihren Namen bzw. Lokalität oder Gruppe im Internet zu nennen. Daran halte ich mich, dennoch kann ich sagen, dass sie gerade zum Schabbatmittagessen kaum Gäste von außerhalb hatte, sondern fast nur ihre eigene Family war zu Besuch. Die Familie lebt in einem der vielen Mea Shearimer Hinterhöfe. Viele Leute fragen ab und an nach, ob das weitgehend chassidische Mea Shearim Gäste am Schabbat aufnimmt. Nach längerem Umhören fand ich heraus, dass dem so ist und zahlreiche Familie Leute einladen. Allerdings fast nur solche Gäste, die in Yeshivot oder relig. Seminaren lernen. Nichtjuden haben, soweit mir bekannt ist, absolut keine Chance mehr. Dies war früher etwas anders, doch gab es mit der Nachbarschaft Ärger oder die Gäste benahmen sich daneben. Mit den Nachbarn deshalb, weil allgemein die Befürchtung herrscht, dass da eventuell christl. Missionare herumschleichen und sich an die chassidischen Kinder heranmachen, wie es schon einige Male vorgekommen ist. Kurz gesagt benötigt man jedoch auch als Jude einige Beziehungen, um eingeladen zu werden.
Bei besagter Familie sitzen wir in zwei Räumen, je nach Männlein und Weiblein getrennt. Klingt vielleicht radikal, doch es hat seine Vorteile, weil man nicht dauernd von heiratswilligen Männern angestarrt wird und diese einem auf den Geist gehen. Unweigerlich wurde ich dann im Laufe des Mittagessens Zeuge einer für Mea Shearim anscheinend alltäglichen Diskussion. Die mir gegenübersitzende Gastgeberin sowie eine neben mir sitzende ältere Dame (die Enkelin eines berühmten Rabbiners) begannen eine für mich fremd klingende Diskussion. Ganz offen erzählten sie mir von ihren Kopfbedeckungen. Jede verheiratete, geschiedene oder verwitwete orthodoxe Jüdin bedeckt ihre Haare. Dies geschieht aus Anstandsgründen und man könnte jetzt lange diskutieren, ob dies in der Thora verankert ist und wie eine optimale Kopfbedeckung ausschaut.
Die Gastgeberin teilte offen und ehrlich mit, dass sie ihre Haare abrasiere. Dies geschehe ca. alle zwei Wochen, sobald diese nachwachsen. Den Brauch habe sie so von ihrer Mutter gelernt und ihn übernommen. Über ihr fast kahles Haupt setze sie eine Haube und darauf die Perücke.
Ich dachte bei der Beschreibung ziemlich praktisch und fragte, ob das denn nicht zu warm sei. "Nein, gaben beide Frauen wie aus der Pistole geschossen zurück. Nein, überhaupt nicht".
Weiter meinte die Gastgeberin, dass nur ein Schmattes (Tuch) um den Kopf für sie aus fehlenden Anstandsgründen nicht in Frage komme, denn soetwas könne verrutschen. Ein Perücke hingegen weniger. Und um ganz auf koschere Nummer Sicher zu gehen, sei ihr Perückenhaar aus synthetischen Haaren hergestellt. "Das sei wie Seide", meinte sie.
Die neben mir sitzende Dame fügte hinzu, dass sie ja nur mit dem Tuch um den Kopf herumlaufe. Das reiche doch aus und außerdem haben einige Frauen nun einmal einen Kopf wie für das Tuch gemacht. Vor allem diejenigen mit runder Gesichtsform. Denen stehe doch gar keine Perücke.
Die Diskussion ging einige Zeit so weiter und beide Frauen zeigten Angst, dass die jüngeren Generationen sich nicht mehr unbedingt an die alten Traditionen halten könnten. Und wie sagte der große Rabbiner Chatam Sofer schon: "Alles Neue und jegliche Änderungen sind abzulehnen".
Vier Stunden dauerte unsere Mittagsdiskussion, wobei es überwiegend um chassidische Gruppen ging. Wie gehe man als Frau mit den Traditionen und der Männerwelt um ? Aber genauso ging es um Schidduchim (Ehepartnesuche) und wie diese in Mea Shearim bzw. innerhalb verschiedener chassidischer Gruppen von statten gehen. Kurz gesagt, unbeschreiblich viel Stoff für mich, welchen ich erst einmal verarbeiten muß.
Wenn alles nach Plan verläuft, werde ich im September zu einigen weiteren Mea Shearim – Familien gehen und an den anstehenden hohen Feiertagen bin ich ebenso eingeladen. Gerade an den Sukkot (Laubhütten - ) – Feiertagen ist in Mea Shearim viel los und die Hauptstraße sowie der lokale Markt werden nach Geschlechtern getrennt.
Und was sagen die Chassidim, wenn sie erfahren, dass ich über ihre Belange schreibe ?
Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Eine anfängliche Ablehnung bzw. bestehende Zweifel konnte ich zwar nicht immer vollständig aus dem Weg räumen, doch findet man sich irgendwie mit dem Thema ab. Außerdem gebe ich zwei wichtige Punkte zu bedenken, die mehr als plausibel klingen. Im Endeffekt sind viele neugierig, wie die Leserreaktion ausfällt und wie andere chassidische Gruppen reagieren.
Donnerstag, Juni 12, 2008
Ich – Der Verräter
B"H
Nein, mein Anliegen ist es nicht, derzeit die haredische (ultra - orthod.) Welt durch den Schmutz zu ziehen. Dennoch gibt es innerhalb der Gesellschaft unübersehbare Probleme, die angesprochen werden müssen.
Dazu der Artikel "Ich - Der Verräter", der auf meinem englischen Blog sehr gut ankam. Ein brisantes, aber überaus aktuelles Thema.
Nein, mein Anliegen ist es nicht, derzeit die haredische (ultra - orthod.) Welt durch den Schmutz zu ziehen. Dennoch gibt es innerhalb der Gesellschaft unübersehbare Probleme, die angesprochen werden müssen.
Dazu der Artikel "Ich - Der Verräter", der auf meinem englischen Blog sehr gut ankam. Ein brisantes, aber überaus aktuelles Thema.
Sonntag, Juni 17, 2007
Auf den Pfaden der Vorvaeter
B"H
In Israel ist die chassidische Gruppe Toldot Aharon sehr bekannt fuer ihre strenge Ideologie. Das alltaegliche Leben der Mitglieder richtet sich nach den sogenannten "Takanot", welche vom Gruender sowie ersten Rebben, Rabbi Aharon Roth, eingefuehrt wurden. Fuer viele mag das in der heutigen Zeit fremd klingen. Takanot, die mir genau sagen, wie ich mein Leben zu fuehren habe ?
Um einmal zwei kleine Beispiele aus dem Buch der Takanot (Sefer HaTakanot) zu nennen: Mitgliedern der Gruppe Toldot Aharon ist es verboten, ein Radio zu besitzen.
Ob die Regel noch gilt, dass jedes Mitglied, welches fuer einige Tage verreisen will, erst die Zustimmung des Rebben einholen muss, habe ich noch nicht herausgefunden. Zumindest ist diese Regel in den Takanot erwaehnt.
Wenn man das so hoert glaubt man, dass dieses alles alt und ueberholt sei. Genauso dachte ich auch, doch beschaeftige ich mich sehr ausfuehrlich mit den Schriften der verschiedenen Rebben von Toldot Aharon, Toldot Avraham Yitzchak und den Shomrei Emunim (Guardians of Faith) und ich fand sehr viele interessante Anhaltspunkte, warum die Takanot erlassen worden sind.
Zuerst einmal heisst es, dass Rebbe Aharon Roth eine perfekte religioese Gesellschaft erschaffen wollte. Nun, das wollen viele und soziologisch betrachtet bringen diese Vorhaben nicht selten diktatorische Prinzipien mit sich.
Ich denke kaum, dass Rebbe Roth ein Diktator sein wollte, dazu war er zu religioes und zu intelligent. Es ging ihm vielmehr darum, seine Anhaenger auf dem Pfad unserer Vorvaeter Avraham, Yitzchak und Yaakov zu halten. Die Kleidung sollte entsprechend sein genauso wie das Verhalten. Nicht, dass die Mitglieder sich voellig von der Aussenwelt abschotten, doch sollen sie religioes gesehen so stark sein, um auf aeussere Einfluesse nicht zu reagieren. Auf dem Pfad der Vorvaeter zu bleiben heisst, sich nicht anderweitig im Leben zu orientieren. Natuerlich ist das in unserer heutigen Zeit der Massenkommnunikation wie Internet, Presse, Musik etc. nicht immer einfach.
Ist es in unserer heutigen Gesellschaft nicht unvermeidbar, nach neuen Wegen im Leben zu suchen ? Haeufig jedoch kommt es mir so vor, dass die Menschen staendig nach etwas Neuem fuer sich selbst suchen. Sie sind sogar so sehr mit der Suche beschaeftigt, dass sie eigentlich gar nicht mehr wissen, was genau sie denn suchen.
Obwohl wir uns an die Mitzwot (Gebote) halten, sind wir definitiv von der Aussenwelt beeinflusst. An allererster Stelle steht der Materialismus. Egal ob nationalreligioes, haredi oder chassidisch, viele denken nur daran, wie sie das neueste Auto erstehen koennen, ihr Apartment ausbauen oder sich den allerneuesten Computer anschaffen. Jeden Donnerstag, wenn die neue Ausgabe einer bestimmten haredischen (ultra - orthod.) Wochenzeitung erscheint, sehe ich maennliche Haredim wie sie sich sofort auf die Anzeigen mit den Autoverkaeufen stuerzen.
Weiterhin ist es den Mitglieder der Toldot Aharon untersagt, sich etwas auf ihr Thorawissen einzubilden. Dieses Verhalten ist allgemein in vielen Faellen so unueblich geworden. Ich traf unzaehlige Rabbis und Yeshiva - Studenten, die ueberheblich sind, dass sie mit keinem aussserhalb ihre Kreises kommunizieren. Bei Toldot Aharon wurde ich eines besseren belehrt. Die Mitglieder halten sich wirklich an diese Erlasse.
Ist ein Leben nach den Takanot der einzige Weg, um auf den Pfaden unserer Vorvaeter zu bleiben ? Hat die juedisch - orthodoxe Gesellschaft versagt, weil sich ihre Mitglieder viel zu sehr dem Materialismus und einem Leben ausserhalb der Thora verschrieben haben ? Kann es ein Leben ausserhalb geben auch wenn ich die Mitzwot halte ? Und ueberhaupt, wer sagt, dass ich als religioese Person nicht ins Kino gehen und mir einen Film anschauen kann ? Ich habe keine Ahnung, was unsere Vormuetter und Vorvaeter dazu sagen wuerden. Wie uns aber die Thora berichtet, verstanden sie es, ein Leben ausserhalb zu fuehren ohne jemals die Thora oder G - tt zu vergessen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, dass der Einfluss von ausserhalb nicht unser gesamtes Leben kontrolliert. Jeder muss dabei seinen eigenen fuer ihn akzeptablen Weg finden.
Obwohl ich das chassidische Leben sehr bewundere, koennte ich mir nicht vorstellen, nur in eine Richtung zu gehen. Ich liebe es zu Chassidim zu gehen und Chassidut zu lernen, aber genauso gehe ich ab und zu ins Kino oder ins Cafe. Ich bin nicht wirklich hier oder dort, was mich nicht selten stoert. Dennoch bin ich derzeit noch nicht fuer eine endgueltige Entscheidung bereit. Nur auf einer Seite zu stehen bringt die Gefahr mit sich, depressiv zu werden. Und genau das ist es, was das Judentum nicht will; jemanden in Depressionen zu stuerzen.
In Israel ist die chassidische Gruppe Toldot Aharon sehr bekannt fuer ihre strenge Ideologie. Das alltaegliche Leben der Mitglieder richtet sich nach den sogenannten "Takanot", welche vom Gruender sowie ersten Rebben, Rabbi Aharon Roth, eingefuehrt wurden. Fuer viele mag das in der heutigen Zeit fremd klingen. Takanot, die mir genau sagen, wie ich mein Leben zu fuehren habe ?
Um einmal zwei kleine Beispiele aus dem Buch der Takanot (Sefer HaTakanot) zu nennen: Mitgliedern der Gruppe Toldot Aharon ist es verboten, ein Radio zu besitzen.
Ob die Regel noch gilt, dass jedes Mitglied, welches fuer einige Tage verreisen will, erst die Zustimmung des Rebben einholen muss, habe ich noch nicht herausgefunden. Zumindest ist diese Regel in den Takanot erwaehnt.
Wenn man das so hoert glaubt man, dass dieses alles alt und ueberholt sei. Genauso dachte ich auch, doch beschaeftige ich mich sehr ausfuehrlich mit den Schriften der verschiedenen Rebben von Toldot Aharon, Toldot Avraham Yitzchak und den Shomrei Emunim (Guardians of Faith) und ich fand sehr viele interessante Anhaltspunkte, warum die Takanot erlassen worden sind.
Zuerst einmal heisst es, dass Rebbe Aharon Roth eine perfekte religioese Gesellschaft erschaffen wollte. Nun, das wollen viele und soziologisch betrachtet bringen diese Vorhaben nicht selten diktatorische Prinzipien mit sich.
Ich denke kaum, dass Rebbe Roth ein Diktator sein wollte, dazu war er zu religioes und zu intelligent. Es ging ihm vielmehr darum, seine Anhaenger auf dem Pfad unserer Vorvaeter Avraham, Yitzchak und Yaakov zu halten. Die Kleidung sollte entsprechend sein genauso wie das Verhalten. Nicht, dass die Mitglieder sich voellig von der Aussenwelt abschotten, doch sollen sie religioes gesehen so stark sein, um auf aeussere Einfluesse nicht zu reagieren. Auf dem Pfad der Vorvaeter zu bleiben heisst, sich nicht anderweitig im Leben zu orientieren. Natuerlich ist das in unserer heutigen Zeit der Massenkommnunikation wie Internet, Presse, Musik etc. nicht immer einfach.
Ist es in unserer heutigen Gesellschaft nicht unvermeidbar, nach neuen Wegen im Leben zu suchen ? Haeufig jedoch kommt es mir so vor, dass die Menschen staendig nach etwas Neuem fuer sich selbst suchen. Sie sind sogar so sehr mit der Suche beschaeftigt, dass sie eigentlich gar nicht mehr wissen, was genau sie denn suchen.
Obwohl wir uns an die Mitzwot (Gebote) halten, sind wir definitiv von der Aussenwelt beeinflusst. An allererster Stelle steht der Materialismus. Egal ob nationalreligioes, haredi oder chassidisch, viele denken nur daran, wie sie das neueste Auto erstehen koennen, ihr Apartment ausbauen oder sich den allerneuesten Computer anschaffen. Jeden Donnerstag, wenn die neue Ausgabe einer bestimmten haredischen (ultra - orthod.) Wochenzeitung erscheint, sehe ich maennliche Haredim wie sie sich sofort auf die Anzeigen mit den Autoverkaeufen stuerzen.
Weiterhin ist es den Mitglieder der Toldot Aharon untersagt, sich etwas auf ihr Thorawissen einzubilden. Dieses Verhalten ist allgemein in vielen Faellen so unueblich geworden. Ich traf unzaehlige Rabbis und Yeshiva - Studenten, die ueberheblich sind, dass sie mit keinem aussserhalb ihre Kreises kommunizieren. Bei Toldot Aharon wurde ich eines besseren belehrt. Die Mitglieder halten sich wirklich an diese Erlasse.
Ist ein Leben nach den Takanot der einzige Weg, um auf den Pfaden unserer Vorvaeter zu bleiben ? Hat die juedisch - orthodoxe Gesellschaft versagt, weil sich ihre Mitglieder viel zu sehr dem Materialismus und einem Leben ausserhalb der Thora verschrieben haben ? Kann es ein Leben ausserhalb geben auch wenn ich die Mitzwot halte ? Und ueberhaupt, wer sagt, dass ich als religioese Person nicht ins Kino gehen und mir einen Film anschauen kann ? Ich habe keine Ahnung, was unsere Vormuetter und Vorvaeter dazu sagen wuerden. Wie uns aber die Thora berichtet, verstanden sie es, ein Leben ausserhalb zu fuehren ohne jemals die Thora oder G - tt zu vergessen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, dass der Einfluss von ausserhalb nicht unser gesamtes Leben kontrolliert. Jeder muss dabei seinen eigenen fuer ihn akzeptablen Weg finden.
Obwohl ich das chassidische Leben sehr bewundere, koennte ich mir nicht vorstellen, nur in eine Richtung zu gehen. Ich liebe es zu Chassidim zu gehen und Chassidut zu lernen, aber genauso gehe ich ab und zu ins Kino oder ins Cafe. Ich bin nicht wirklich hier oder dort, was mich nicht selten stoert. Dennoch bin ich derzeit noch nicht fuer eine endgueltige Entscheidung bereit. Nur auf einer Seite zu stehen bringt die Gefahr mit sich, depressiv zu werden. Und genau das ist es, was das Judentum nicht will; jemanden in Depressionen zu stuerzen.
Donnerstag, April 26, 2007
Donnerstag Abend und Shabbat
B"H
Jeden Donnertag am Spaetnachmittag unterrichte ich eine kleine Gruppe Schueler der nationalreligioesen NOAM - Schule. Die Kinder wohnen in einem nationalreligioesen Stadtteil und sobald ich diesen donnerstags betrete, stellen sich bei mir sofort Hungergefuehle ein. Nicht nur das, auch merkt man sofort, dass der Shabbat naht. Der Shabbat kuendigt sich jede Woche mit seiner eigenen einzigartigen Atmosphaere an.
Donnerstags abends wird fuer den Shabbat vorgekocht und der Essensgeruch breitet sich vor allem in den religioesen Stadtteilen aus. Religioese Familien sind zu der Zeit im vollen Arbeitseinsatz und die Maedchen helfen entweder ihren Muettern in der Kueche oder passen auf ihre kleinen Geschwister auf.
Wer jetzt wissen will, wo die Maenner sind, hier die passende Antwort. Es kommt auf den Mann drauf an. Manche helfen im Haushalt mit und andere wieder nicht. Genau wie in jeder anderen Familie auch.
Bei ashkenazischen Juden gibt es am Shabbat traditionelles Essen. Nach dem Kiddush (Segnung des Weines) gibt es die Challot (Shabbatbrote), Salate, Gefillte Fisch, Huehnersuppe und dann den Hauptgang mit Huehnchen / Fleisch und Kugel (Kartoffel - bzw. Nudelpasteten). Bei kurdischen und irakischen Juden werden ganze scharfgewuerzte Fisch serviert und danach mein Leibgericht Reis mit Kube (Fleischkroketten). Bei den Persern gibt es statt den Kroketten Gondi (Fleischklopse).
Sollte ich am Shabbat bei Chassidim eingeladen sein, bereite ich mich jedesmal auf ein schwerverdauliches Essen vor. Es gibt kaum Salate, sondern fast nur fettige Huehnersuppe und danach gleich den Hauptgang.
Im allgemeinen beginnen Chassidim ihre Gebet sehr spaet, so auch am Freitag Abend zu Shabbatbeginn. Der Synagogendienst zieht sich dann dementsprechend in die Laenge und wir essen spaet. Im Sommer beginnen wir manchmal erst gegen 21.30 Uhr mit dem Essen.
Am Shabbat selbst, das gleiche Spiel. In den Synagogen wird erst spaeter mit dem G-ttesdienst begonnen und bis in die Mittagszeit gebetet. Dass Chassidim erst so spaet beginnen, hat vor allem talmudische sowie kabbalistische Gruende. Im Talmud Traktat Berachot und in der Kabbalah heisst es naemlich, dass sich jemand auf das Gebet richtig vorbereiten soll. Alltaegliche Gedanken sollen erst aus dem Kopf verschwinden und es wird meditiert. Erst danach ist der Kopf frei fuer die richtige Kavanah (Konzentration) im Gebet. Es wird nicht mit der Hauruck - Methode gebetet, wie es so litvishe Art ist (um es einmal "rassistisch" auszudruecken). Ich hoffe, die Litvisher haben meinen chassidischen Sarkasmus jetzt nicht zu ernst genommen.
In diesen Woche bin ich bei guten Freunden von mir, bei Satmarer Chassidim, eingeladen. Dies zwingt mich wieder, mich anstaendig anzuziehen und auch so zu benehmen. Das Treffen kommt mir gelegen, denn ich will meine Freunde ueber die Chassidut Satmar naeher ausquetschen und von ihnen eine Empfehlung fuer die Teilnahme an einem sogenannten TISCH bei der Chassidut Toldot Aharon.
Ein chassidischer Tisch findet bei den meisten chassidischen Gruppen am Freitag Abend nach 22.00 Uhr statt. Dann versammeln sich die Chassidim der jeweiligen Gruppe in der Synagoge oder der Beit Midrasch (relig. Lehrhaus) und der Rebbe der Gruppe haelt einen Vortrag und teilt sein Essen mit den Chassidim. Gesungen wird auch.
Bei einigen chassidischen Gruppen sind auch Frauen willkommen. Eine mir bekannte Ausnahme bildet hier die Chassidut Gur, die keine Frauen zulaesst.
Ich habe mich nach dem Tisch von Toldot Aharon erkundigt, da ich gerade ueber diese extreme chassidische Gruppe schreibe. Sie sind eine aeusserst geschlossene Gruppe, lassen aber Auswaertige zu ihrem Tisch zu. Dort gelten extrem strenge Bedingungen. Natuerlich muss man halachischer Jude sein, sich richtig anstaendig anziehen und sollte nicht unbedingt die Chassidim anreden. Yiddishkenntnisse waeren von Vorteil, aber Hebraeisch geht auch.
Man riet mit auch, eine Empfehlung von anderen Chassidim zu bekommen, um die ich meine Satmarer Freunde bitten will. Sicher werde ich mich wie ein Alien fuehlen, aber ich bin optimistisch. Schon oefters hatte ich Kontakt mit Toldot Aharon Frauen und merkte nach einigen Saetzen, dass sie total nett waren.
Freunde von mir meinten, ich solle lieber zu Karlin oder dem Kaliver Rebben gehen. Die waeren offener und da waere mehr Fun. Na, mal sehen. Toldot Aharon ist sicher interessant und man kommt dort nicht jeden Tag hin. Chassidut Karlin und der Kaliver Rebbe kommen spaeter dran.
Jeden Donnertag am Spaetnachmittag unterrichte ich eine kleine Gruppe Schueler der nationalreligioesen NOAM - Schule. Die Kinder wohnen in einem nationalreligioesen Stadtteil und sobald ich diesen donnerstags betrete, stellen sich bei mir sofort Hungergefuehle ein. Nicht nur das, auch merkt man sofort, dass der Shabbat naht. Der Shabbat kuendigt sich jede Woche mit seiner eigenen einzigartigen Atmosphaere an.
Donnerstags abends wird fuer den Shabbat vorgekocht und der Essensgeruch breitet sich vor allem in den religioesen Stadtteilen aus. Religioese Familien sind zu der Zeit im vollen Arbeitseinsatz und die Maedchen helfen entweder ihren Muettern in der Kueche oder passen auf ihre kleinen Geschwister auf.
Wer jetzt wissen will, wo die Maenner sind, hier die passende Antwort. Es kommt auf den Mann drauf an. Manche helfen im Haushalt mit und andere wieder nicht. Genau wie in jeder anderen Familie auch.
Bei ashkenazischen Juden gibt es am Shabbat traditionelles Essen. Nach dem Kiddush (Segnung des Weines) gibt es die Challot (Shabbatbrote), Salate, Gefillte Fisch, Huehnersuppe und dann den Hauptgang mit Huehnchen / Fleisch und Kugel (Kartoffel - bzw. Nudelpasteten). Bei kurdischen und irakischen Juden werden ganze scharfgewuerzte Fisch serviert und danach mein Leibgericht Reis mit Kube (Fleischkroketten). Bei den Persern gibt es statt den Kroketten Gondi (Fleischklopse).
Sollte ich am Shabbat bei Chassidim eingeladen sein, bereite ich mich jedesmal auf ein schwerverdauliches Essen vor. Es gibt kaum Salate, sondern fast nur fettige Huehnersuppe und danach gleich den Hauptgang.
Im allgemeinen beginnen Chassidim ihre Gebet sehr spaet, so auch am Freitag Abend zu Shabbatbeginn. Der Synagogendienst zieht sich dann dementsprechend in die Laenge und wir essen spaet. Im Sommer beginnen wir manchmal erst gegen 21.30 Uhr mit dem Essen.
Am Shabbat selbst, das gleiche Spiel. In den Synagogen wird erst spaeter mit dem G-ttesdienst begonnen und bis in die Mittagszeit gebetet. Dass Chassidim erst so spaet beginnen, hat vor allem talmudische sowie kabbalistische Gruende. Im Talmud Traktat Berachot und in der Kabbalah heisst es naemlich, dass sich jemand auf das Gebet richtig vorbereiten soll. Alltaegliche Gedanken sollen erst aus dem Kopf verschwinden und es wird meditiert. Erst danach ist der Kopf frei fuer die richtige Kavanah (Konzentration) im Gebet. Es wird nicht mit der Hauruck - Methode gebetet, wie es so litvishe Art ist (um es einmal "rassistisch" auszudruecken). Ich hoffe, die Litvisher haben meinen chassidischen Sarkasmus jetzt nicht zu ernst genommen.
In diesen Woche bin ich bei guten Freunden von mir, bei Satmarer Chassidim, eingeladen. Dies zwingt mich wieder, mich anstaendig anzuziehen und auch so zu benehmen. Das Treffen kommt mir gelegen, denn ich will meine Freunde ueber die Chassidut Satmar naeher ausquetschen und von ihnen eine Empfehlung fuer die Teilnahme an einem sogenannten TISCH bei der Chassidut Toldot Aharon.
Ein chassidischer Tisch findet bei den meisten chassidischen Gruppen am Freitag Abend nach 22.00 Uhr statt. Dann versammeln sich die Chassidim der jeweiligen Gruppe in der Synagoge oder der Beit Midrasch (relig. Lehrhaus) und der Rebbe der Gruppe haelt einen Vortrag und teilt sein Essen mit den Chassidim. Gesungen wird auch.
Bei einigen chassidischen Gruppen sind auch Frauen willkommen. Eine mir bekannte Ausnahme bildet hier die Chassidut Gur, die keine Frauen zulaesst.
Ich habe mich nach dem Tisch von Toldot Aharon erkundigt, da ich gerade ueber diese extreme chassidische Gruppe schreibe. Sie sind eine aeusserst geschlossene Gruppe, lassen aber Auswaertige zu ihrem Tisch zu. Dort gelten extrem strenge Bedingungen. Natuerlich muss man halachischer Jude sein, sich richtig anstaendig anziehen und sollte nicht unbedingt die Chassidim anreden. Yiddishkenntnisse waeren von Vorteil, aber Hebraeisch geht auch.
Man riet mit auch, eine Empfehlung von anderen Chassidim zu bekommen, um die ich meine Satmarer Freunde bitten will. Sicher werde ich mich wie ein Alien fuehlen, aber ich bin optimistisch. Schon oefters hatte ich Kontakt mit Toldot Aharon Frauen und merkte nach einigen Saetzen, dass sie total nett waren.
Freunde von mir meinten, ich solle lieber zu Karlin oder dem Kaliver Rebben gehen. Die waeren offener und da waere mehr Fun. Na, mal sehen. Toldot Aharon ist sicher interessant und man kommt dort nicht jeden Tag hin. Chassidut Karlin und der Kaliver Rebbe kommen spaeter dran.
Sonntag, Dezember 17, 2006
Chassidische Gruppen
B"H
Viele Menschen wissen mit Chassidim bzw. Litaim (Litvish) und deren Kleidung nichts anzufangen. Hier nochmals eine Beschreibung:
Ausserhalb Israels, New York, London, Antwerpen oder Manchester, ist vielen Menschen leider oft unkannt, dass die Chassidut nicht nur aus Chabad (den Lubawitscher) besteht. Allgemein ist es das, was die Leute sehen, denn Chabad hat sich fast ueberall auf der Welt niedergelassen.
Doch die Chassidut war von Beginn an sehr vielfaeltig und unterteilt sich in viele Gruppen. Die groessten bzw. bekanntesten Gruppen wie Breslov, Satmar, Vishnitz, Belz, Chabad, Karlin, Zanz, Bobov oder Gur (Ger in Jiddisch), habe ich in meine Links (siehe rechts) aufgenommen.
In Jerusalem (sowie auch in New York - Borrough Park, Williamsburgh etc.) gibt es bestimmte Stadtteile, welche nur von Chassidim bewohnt werden. Danach folgen Bezirke, die nur von einer Gruppe bewohnt sind oder ganze Ortschaften, in denen sie sich niedergelassen haben.
Der bekannteste Stadtteil in Jerusalem ist Mea Shearim (Hundert Tore). Zumindest liest man dies in allen Reisefuehrern. Mittlerweile gehoert das aber schon laengst der Vergangenheit an, denn es gibt viel mehr chassidische Stadtteile wie Sanhedria, Kiryat Belz oder Vishnitz.
Touristen laufen meistens etwas amuesiert, ratlos oder erstaunt durch Mea Shearim. Sie sehen anscheinend komisch verkleidete Leute mit langen schwarzen Maenteln, Frauen mit Peruecken auf dem Kopf, Maenner mit langen Schlaefenlocken und unterschiedlichen schwarzen Hueten auf dem Kopf. Geschweige denn der Pelzmuetze (dem sogenannten Streimel) am Shabbat oder an den Feiertagen.
All das wirkt fremd und man fuehlt sich in eine andere Welt zurueck versetzt; in die Zeit des osteuropaeischen Staedtels.
Wieso diese komische Kleidung und ueberhaupt ?
Mit der Lehre des Baal Shem Tov begannen sich chassidische Gruppen in Osteuropa zu bilden. Vor allem in Galizien, Polen und Ungarn. In jeder Stadt oder jedem Dorf, wo Chassidim lebten, bildeten sie eine Gemeinde / Gruppe mit einem geistigem Oberhaupt. Dem Rebben oder auch Admor genannt. Die Gruppen selbst sind nach den jeweiligen Ortsnamen benannt. (Ausser vielleicht Chabad, die eigentlich Lubawitscher heissen (aus dem Ort Lubawitsch / Russland). Der Name Chabad kommt aus der Kabbalah und steht fuer eine Abkuerzung von Chochma, Bina, Daat (Weisheit, Verstehen, Wissen).
Die Kleidung der Chassidim ist ganz einfach eine alte Tradition ihrer jeweiligen Herkunft aus Osteuropa. Jede Gruppe hat ihre eigene Kleidung und Tradition und wer sich besser auskennt, der sieht sofort, wer zu welcher Chassidut gehoert.
Die groesste Gruppe Israels sind die Gerer Chassidim (aus Polen). Schwarzer runder Hut, schwarzer oder dunkelblauer laengerer Mantel, dreiviertellange Hosen, in welcher in Knielaenge schwarze Socken stecken. Diese Art von Kleidung hat den Gerern den Spitznamen "die Kosaken"eingebracht. Die in die Hose gesteckten Socken stammen daher, dass es frueher im Staedtel ueblich war, die Hosen nicht durch den Schlamm auf den ungepflasterten Strassen schmutzig zu machen.
Die Belzer und Vishnitzer kann man an der Kleidung kaum auseinander halten, doch haben die Huete einen versteckten Unterschied.
Chabadnikkim erkennt man sofort an dem Knick (Kneitsch auf Jiddisch) im Hut. Eine Tradition des Rebben. Verheiratete Maenner tragen einen langen schwarzen Mantel, ledige nur eine normale Jacke. Der Streimel wurde bei Chabad schon vor langer Zeit abgeschafft.
Neben der Kleidung gibt es Hunderte weiterer Unterschiede und Traditionen. Auch, welche Gruppe mit einer anderen befreundet oder verfeindet ist.
Ueber den Gruppen, ausser Chabad und Breslov, steht in Israel die "Edah HaCharedit ". Diese ist ein Vorstand, der aus Gruppen wie Satmar, Vishnitz oder Toldot Aharon besteht. Die "Edah "ist fuer viele Dinge zustaendig, u.a. Kashrut, die Vergabe von Haredi - Koscherzertifikaten. Die Gerer und Belzer dagegen haben sich vor Jahren der Agudath Israel angeschlossen. Einer Organisation, welche in der Knesset vertreten ist. Die Edah HaCharedit andererseits lehnt den Staat Israel ab.
Fuer Aussenstehende ist es unmoeglich in chassid. Gruppen aufgenommen zu werden geschweige denn einzuheiraten. Ausnahmen: Chabad und Breslov. Jedoch nur bis zu einem gewissen Grad.
Wer will, der kann in Belzer oder Gerer Yeshivot lernen, doch wird niemals richtiges Mitglied werden.
Persoenlich habe ich sehr viel mit Belz zu tun. Privat und auch im Job. Vor einigen Jahren noch arbeitete ich fuer die Gerer Chassidim. Bisher habe ich fast nur gute Erfahrungen gemacht. Vielleicht liegt das daran, dass ich sehr viel ueber Chassidut und Religion ueberhaupt gelernt habe. So faellt es mir leicht mit den Leuten zu kommunizieren.
Vor einiger Zeit war ich zu einer Hochzeit der etwas extremen Gruppe Toldot Aharon eingeladen. Deren Admor (Rebbe) nahm die Trauung hoechstpersoenlich vor. Das war mir dann aber doch etwas zuviel und ich habe abgesagt.
_______________________________________
Edah HaCharedit: Hauptsitz in Mea Shearim. Erster Vorsitzender ist derzeit Rabbi Moshe Sternbuch.
Agudath Israel: Hauseigene Partei ist Yahadut HaTorah
Viele Menschen wissen mit Chassidim bzw. Litaim (Litvish) und deren Kleidung nichts anzufangen. Hier nochmals eine Beschreibung:
Ausserhalb Israels, New York, London, Antwerpen oder Manchester, ist vielen Menschen leider oft unkannt, dass die Chassidut nicht nur aus Chabad (den Lubawitscher) besteht. Allgemein ist es das, was die Leute sehen, denn Chabad hat sich fast ueberall auf der Welt niedergelassen.
Doch die Chassidut war von Beginn an sehr vielfaeltig und unterteilt sich in viele Gruppen. Die groessten bzw. bekanntesten Gruppen wie Breslov, Satmar, Vishnitz, Belz, Chabad, Karlin, Zanz, Bobov oder Gur (Ger in Jiddisch), habe ich in meine Links (siehe rechts) aufgenommen.
In Jerusalem (sowie auch in New York - Borrough Park, Williamsburgh etc.) gibt es bestimmte Stadtteile, welche nur von Chassidim bewohnt werden. Danach folgen Bezirke, die nur von einer Gruppe bewohnt sind oder ganze Ortschaften, in denen sie sich niedergelassen haben.
Der bekannteste Stadtteil in Jerusalem ist Mea Shearim (Hundert Tore). Zumindest liest man dies in allen Reisefuehrern. Mittlerweile gehoert das aber schon laengst der Vergangenheit an, denn es gibt viel mehr chassidische Stadtteile wie Sanhedria, Kiryat Belz oder Vishnitz.
Touristen laufen meistens etwas amuesiert, ratlos oder erstaunt durch Mea Shearim. Sie sehen anscheinend komisch verkleidete Leute mit langen schwarzen Maenteln, Frauen mit Peruecken auf dem Kopf, Maenner mit langen Schlaefenlocken und unterschiedlichen schwarzen Hueten auf dem Kopf. Geschweige denn der Pelzmuetze (dem sogenannten Streimel) am Shabbat oder an den Feiertagen.
All das wirkt fremd und man fuehlt sich in eine andere Welt zurueck versetzt; in die Zeit des osteuropaeischen Staedtels.
Wieso diese komische Kleidung und ueberhaupt ?
Mit der Lehre des Baal Shem Tov begannen sich chassidische Gruppen in Osteuropa zu bilden. Vor allem in Galizien, Polen und Ungarn. In jeder Stadt oder jedem Dorf, wo Chassidim lebten, bildeten sie eine Gemeinde / Gruppe mit einem geistigem Oberhaupt. Dem Rebben oder auch Admor genannt. Die Gruppen selbst sind nach den jeweiligen Ortsnamen benannt. (Ausser vielleicht Chabad, die eigentlich Lubawitscher heissen (aus dem Ort Lubawitsch / Russland). Der Name Chabad kommt aus der Kabbalah und steht fuer eine Abkuerzung von Chochma, Bina, Daat (Weisheit, Verstehen, Wissen).
Die Kleidung der Chassidim ist ganz einfach eine alte Tradition ihrer jeweiligen Herkunft aus Osteuropa. Jede Gruppe hat ihre eigene Kleidung und Tradition und wer sich besser auskennt, der sieht sofort, wer zu welcher Chassidut gehoert.
Die groesste Gruppe Israels sind die Gerer Chassidim (aus Polen). Schwarzer runder Hut, schwarzer oder dunkelblauer laengerer Mantel, dreiviertellange Hosen, in welcher in Knielaenge schwarze Socken stecken. Diese Art von Kleidung hat den Gerern den Spitznamen "die Kosaken"eingebracht. Die in die Hose gesteckten Socken stammen daher, dass es frueher im Staedtel ueblich war, die Hosen nicht durch den Schlamm auf den ungepflasterten Strassen schmutzig zu machen.
Die Belzer und Vishnitzer kann man an der Kleidung kaum auseinander halten, doch haben die Huete einen versteckten Unterschied.
Chabadnikkim erkennt man sofort an dem Knick (Kneitsch auf Jiddisch) im Hut. Eine Tradition des Rebben. Verheiratete Maenner tragen einen langen schwarzen Mantel, ledige nur eine normale Jacke. Der Streimel wurde bei Chabad schon vor langer Zeit abgeschafft.
Neben der Kleidung gibt es Hunderte weiterer Unterschiede und Traditionen. Auch, welche Gruppe mit einer anderen befreundet oder verfeindet ist.
Ueber den Gruppen, ausser Chabad und Breslov, steht in Israel die "Edah HaCharedit ". Diese ist ein Vorstand, der aus Gruppen wie Satmar, Vishnitz oder Toldot Aharon besteht. Die "Edah "ist fuer viele Dinge zustaendig, u.a. Kashrut, die Vergabe von Haredi - Koscherzertifikaten. Die Gerer und Belzer dagegen haben sich vor Jahren der Agudath Israel angeschlossen. Einer Organisation, welche in der Knesset vertreten ist. Die Edah HaCharedit andererseits lehnt den Staat Israel ab.
Fuer Aussenstehende ist es unmoeglich in chassid. Gruppen aufgenommen zu werden geschweige denn einzuheiraten. Ausnahmen: Chabad und Breslov. Jedoch nur bis zu einem gewissen Grad.
Wer will, der kann in Belzer oder Gerer Yeshivot lernen, doch wird niemals richtiges Mitglied werden.
Persoenlich habe ich sehr viel mit Belz zu tun. Privat und auch im Job. Vor einigen Jahren noch arbeitete ich fuer die Gerer Chassidim. Bisher habe ich fast nur gute Erfahrungen gemacht. Vielleicht liegt das daran, dass ich sehr viel ueber Chassidut und Religion ueberhaupt gelernt habe. So faellt es mir leicht mit den Leuten zu kommunizieren.
Vor einiger Zeit war ich zu einer Hochzeit der etwas extremen Gruppe Toldot Aharon eingeladen. Deren Admor (Rebbe) nahm die Trauung hoechstpersoenlich vor. Das war mir dann aber doch etwas zuviel und ich habe abgesagt.
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Edah HaCharedit: Hauptsitz in Mea Shearim. Erster Vorsitzender ist derzeit Rabbi Moshe Sternbuch.
Agudath Israel: Hauseigene Partei ist Yahadut HaTorah
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