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Donnerstag, Oktober 04, 2012

Chassidisches Judentum und warum es viele Konvertiten in den Chassidismus zieht




Kurz zum Videoinhalt:


Seit der Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels durch die Römer ist es einem Juden unmöglich, sämtliche 613 Gebote der Thora einzuhalten. Einerseits, weil sich viele der Gebote auf den Tempeldienst beziehen und da der Dritte Tempel noch nicht erbaut worden und der Meschiach noch nicht angekommen ist, gelten diesbezügliche Gesetze momentan nicht.

Zweitens kann ein Jude selbst mit dem Dritten Tempel und Meschiach nicht alle 613 Mitzwot erfüllen, denn vieles bezieht sich nur auf jüdische Männer oder die Cohanim (Tempelpriester und Nachfolger Aharons, welche, u.a., für die Tempelopferungen verantwortlich waren). Den Dienst der Cohanim darf kein anderer Jude ausführen. Unter 770 versteht man das Haus des letzten Lubawitscher (Chabad) Rebben Menachem Mendel Schneerson, welcher im Juni 1994 verstarb.


B"H

Ich selber wollte einmal Mitglied einer chassidischen Gruppe werden. Warum ? Weil ich auf einer Yeshiva (relig. Schule) lernte und in der chassidischen Ausrichtung des Judentums das perfekte Judentum an sich sah. Außerdem hatte (habe ich bis heute) viele Freunde in chassidischen Kreisen und eine Zeit lang wollte ich mein Leben genau so leben. Alles andere Weltliche erschien vollkommen unwichtig und mir machte es nichts aus, in alten Schuhen herumzulaufen oder nicht toll in den Urlaub fahren zu können.

Nach fast zwei Jahren in der Gesellschaft merkte ich, dass all das doch nicht mein Leben war und ich "stieg aus". Vielleicht gedanklich nie so ganz, doch heute führe ich ein anderes Leben. Dennoch spielen zahlreiche chassidische Richtlinien, Bräuche und Gedanken in meinem Leben eine starke Rolle und ich käme nie auf den Gedanken, mich dem nationalrelig. Judentum oder anderweitigen Ausrichtungen anzuschliessen.

In meiner Blogvergangenheit berichtete ich mehr als häufig von meiner Vergangenheit und den Erfahrungen, die ich machte. Weitaus nicht alles, doch dies ist momentan Thema eines Buches, an dem ich schreibe.

In den vergangenen Jahren machte ich in Jerusalem immer wieder die Erfahrung, dass es gerade Konvertiten zum Judentum zum chassidischen Judentum zieht. Nach ihrer offiziellen orthodoxen Konversion wollen sie chassidische Leben und einige Gruppen (u.a. Satmar, Toldot Avraham Yitzchak, Alexander) sind bereit, Konvertiten aufzunehmen. Nach einer längeren Probezeit, die in den meisten Fällen zwei oder drei Jahre dauert. Bei Chabad oder den Neureligiösen der Breslover Ausrichtungen (nicht zu verwechseln mit den original Breslover Chassidim aus Mea Shearim / Jerusalem, welche keine neuen Leute aufnehmen) braucht niemand auf eine Warteliste gesetzt zu werden, sondern man ist, in gewissem Maße, sofort Mitglied. Natürlich nicht im inneren Chabad Zirkel, denn der beinhaltet ausschliesslich gebürtige Chabadnikim. Man mag es kaum glauben, doch so offen, wie sich die Lubawitscher geben, sind sie nicht, denn auch bei ihnen herrschen strenge Hierarchien und ein Neurelig. hat, genau so wie in anderen Gruppen, weniger Chancen. Bedeutet, Neureligiöse sind innerhalb der Gruppe eingeschränkt und nie so akzeptiert, wie die gebürtigen Chassidim der Gruppe.

Wenn ich mir so ansehe, wie sich viele Konvertiten zum Judentum an die chassidischen Gruppen drängen, frage ich mich, ob da nicht eine gehörige Portion FASZINATION mitspielt. Die Leute scheinen allein von der chassidischen Kleidung fasziniert zu sein. Die Kleidung, die Tische mit dem chassidischen Rebben, die Musik, die Lieder, einfach alles. Da will man gerne mitmachen und man ist sich sicher, genau dieses Leben führen zu wollen.

Es gibt Konvertiten, die werden offiziell aufgenommen und führen ein Leben in der Gruppe. Andere scheitern an den hohen Anforderungen der Gruppe. Der chassidische Alltag jenseits der Tische und tollen Gesänge ist nicht einfach. Vor allem nicht für einen Neuling. Die Umgebung beobachtet und richtet einen und man selbst muss plötzlich auf viele Dinge im Leben verzichten. Zuerst mag man sich einreden, dass das halt am Anfang immer so ist und man lebe sich schon ein. Dies jedoch kann oft ein Trugschluss sein und es ist keine Schande aufzugeben. Der Chassidismus ist nicht für alle Juden und wer nicht nach den strengen Gruppenregeln leben kann, der hat die Möglichkeit, sich immer noch dem LIGHT CHASSIDISMUS wie den Carlebachern zuzuwenden. Nicht jeder muss unbedingt Mitglied irgendeiner Gruppe sein.

Ein Chassid sagte mir vor einiger Zeit, dass seine Gruppe RUDZHIN – BOYAN keine neuen Mitglieder aufnehme, eben weil die Gruppe schlechte Erfahrungen gemacht hat. Viele Interessierte verwechseln den chassidischen Alltag mit dem Glamour des chassidischen Tisches und der Kleidung. Seit einiger Zeit treibt sich ein holländischer Konvertit in Jerusalem herum, der von Gruppe zu Gruppe wechselt und niemand will ihn haben. Offiziell verkündet er, dass er Mitglied bei den Boyanern sei, was nicht stimmt. Mein Boyaner Bekannter erzählte mir, dass besagter Holländer noch nicht einmal zum Rebben vorgelassen worden ist, weil er keinen allzu normalen Eindruck mache. Laut eigenen Worten lernt der Holländer derweil in einer auf Neureligiöse ausgerichtete Yeshiva bei den Belzer Chassidim, aber ob er dort wirklich noch lernt, entzieht sich meiner Kenntnis. Ganz einfach, weil der Holländer sich jede Woche einer anderen Gruppe anschliessen will und bis heute allein dasteht.

Solche Fälle gibt es und wer einfach nur so eine Art HINGEZOGENHEIT verspührt ohne bereit ist, Opferungen zu erbringen, der scheitert am Ende. In meinem Fall besuche ich, nach wie vor, chassidische Synagogen, habe viele chassidische Freunde und Bekannte und lerne viel Chassidismus. Entweder mit einem Rabbiner in einer Gruppe der allein. Vielleicht bin ich deswegen kein so direkter Aussteiger, habe aber dennoch den Vorteil, dass ich mich nirgendwohin reinquetsche, wo ich nicht hingehöre und von daher die Leute viel lockerer Angehe. Und denen wiederum gefällt das, wohin gegen ihnen das Herumgeschleime und die Anbiederei der Neureligiösen auf den Keks geht.

Links:


Es ist wichtig zu wissen, wo man steht

Doppelleben

Kleiderwechsel im Hauseingang

Montag, Februar 13, 2012

A Life Apart: Chassidim in America

A 90-minute film, A Life Apart: Hasidism in America, is the first in-depth documentary about a distinctive, traditional Eastern European religious community. In an historic migration after World War II, Hasidism found it most vital center in America. Both challenging and embracing American values, Hasidim seek those things which many Americans find most precious: family, community, and a close relationship to God. Integrating critical and analytical scholarship with a portrait of the daily life, beliefs, and history of contemporary Hasidic Jews in New York City, the film focuses on the conflicts, burdens, and rewards of the Hasidic way of life. 


Freitag, Mai 28, 2010

Schabbat Schalom



B"H

Eine Woche voll Demonstrationen liegt hinter uns. Aschkelon, Yaffo und Jerusalem waren die Brennpunkte der Woche und ich berichtete darüber auf fast all meinen Blogs. Vielleicht sogar mehr auf Englisch als auf Deutsch.

Anfang nächster Woche gehe ich auf eine chassidische Hochzeit der Enkeltochter von Freunden von mir aus dem ultra - orthodoxen Mea Shearim / Jerusalem. Alle sind happy und morgen in der Synagoge wird "Schabbat Chatan" gefeiert. Der Bräutigam wird zur Thora aufgerufen und nach dem G - ttesdienst gibt es in aschkenazischen Kreisen Essen für die Gemeinde. Dies kann je nach Geldbeutel recht unterschiedlich erfolgen: Die Einen geben "lediglich" ein Stück Kugel (Pastete) aus. Andere schmeissen ein ganzes Essen a la Catering.

Am vergangenen Schabbat sprach ich mit der Braut und die ist happy. Auch weil sie offensichtlich der Meinung ist, endlich zum Kreise der erwachsenen Frauen am Schabbestisch dazu zugehören. Allerdings frage ich mich immer, ob alles tatsächlich so voller Freude sein kann, wenn man den Typen, den man da heiratet, eigentlich gar nicht richtig kennt. 
Und was ist mit der Hochzeitsnacht ?

Der "Schulchan Aruch - Code of Jewish Law" schreibt Sex im Dunkeln vor, aber macht die Dunkelheit alles soviel erträglicher ?
Eine Bäckereikollegin meinte, dass säkulere Paare sich ja im Grunde genommen auch nicht kennen. Oder die ganzen One - Night - Stand Geschichten. Das sei nichts anderes. Wenn kenne man denn heute noch ? Außerdem sei Ruchele (Jiddisch für Rachel" ja so erzogen worden und was anderes wolle sie gar nicht.
Das stimmt !

Naja, ich werde einmal sehen, wie die Hochzeit abläuft. Nicht nur dann, sondern auch das Leben danach.

"Schabbat Schalom" an alle Leser !

Mittwoch, März 10, 2010

Bilbulim - Verwirrungen

B"H

"Die heutige jüdische Welt ist total voll Irrungen und Wirrungen, so liebt es eine Freundin von mir aus dem ultra - orthodoxen Mea Shearim (Jerusalem) zu sagen. Soviele Juden finden zurück zur Orthodoxie, doch findet eine Menge unter ihnen keinen richtigen Weg (Derech). Stattdessen hopst eine immense Anzahl ohne groß nachzudenken in den Chassidismus, ohne erst einmal das jüdische Basiswissen zu erlangen. Man kann sich nicht einfach so mir nichts dir nichts einen schwarzen Hut überstülpen und einen Kaftan anziehen, wenn das Grundwissen der Thora, Halachot (Gesetze) und sonstiges noch gar nicht richtig gelernt bzw. verinnerlicht worden sind. Wenn ich kaum etwas an Wissen vorweise und daraufhin folglich nicht viele Gesetze einzuhalten in der Lage bin, nenne ich mich nicht "chassidisch". Wie kann es denn sowas geben ?"

Meine Freundin hat, wie ich finde, absolut Recht und HIER berichtet jemand "live" von seinen Erlebnissen. 

Einem ernsthaften Baal Teschuva (Jude, der im späteren Verlauf des Lebens religiös wird) oder Konvertiten zum Judentum sei es anzuraten, zuerst ein fundiertes Basiswissen aufzubauen. Thora, Halachot und alles Jüdische stehen dabei auf dem Programm, um einen Weg sowie seine Identität zu finden. Nicht jeder ist gleich bzw. trägt dieselben Vorstellungen in sich. Allerdings kann sich erst für einen Weg entschieden werden, wenn genügend Wissen vorhanden ist. Wie ansonsten soll ich mich zurecht finden ? Ich schmeisse mich nicht einfach so in einen Kaftan oder in die haredische (ultra - orthodoxe) Welt und verkünde lauthals (so sehe ich das vielerseits auf FACEBOOK), ich sei bei den chassidischen Gruppen Boyan, Satmar oder Karlin Mitglied. Im Internet lassen sich derlei Phantasien leicht ausleben, aber wie schaut es mit der Wirklichkeit aus ? Keine der Gruppen hat den Angeber bzw. Schreihals je akzeptiert und derjenige beruft sich auf falsche Tatsachen. In einigen Fällen ist derjenige noch nicht einmal halachischer Jude. Die "exotische fremde" Kleidung der Chassidim mag viele Phantasien und Träume hervorrufen, wie von einem "perfekten" Lebensstil. Dies jedoch sind Einbildungen und mit der chassidischen Realität hat derlei Exotik wenig zu tun.

Im Grunde genommen kann ich die Leute verstehen, denn irgendwie wurde auch ich anfangs von einigen "Attraktionen" beeinflusst. Die fromme Mea Shearim Gesellschaft weckt Phantasien, aber holt einen ebenso schnell aus der Scheinwelt in die Wirklichkeit zurück. Und das in einigen Fällen rigoros. Von daher kann ich nur empfehlen, stets auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Es gibt Leute, die springen einfach in etwas hinein, ohne davon die geringste Ahnung zu haben. Der "Neuankömmling" nennt sich dann "Bochur" (Yeshivastudent) und schmeisst auch sonst nur so mit jiddischen Ausdrücken um sich. Je weniger die säkulere Außenwelt begreift, desto überlegener freut er sich. "Yeah, Satmar hört sich gut an und antizionistisch war ich ja schon immer. Ergo bin ich Satmar !"

An alle Newcomer: Die chassidische Gruppe Satmar besteht nicht allein aus dem Antizionismus. Hat sich jemand einmal die Mühe gemacht, die Thorakommentare des ersten und im Jahre 1979 verstorbenen Satmarer Rebben Yoel Teitelbaum z"l zu lernen ? Dessen Kommentare sind brilliant, doch habe ich wenig von ihnen begriffen. Jedenfalls bisher. Beim Nachlesen bin ich schnell zu dem Entschluss gekommen, dass ich dazu einen Rabbiner brauche, um das zu interpretieren.

Es ist so einfach sich Satmar zu nennen oder Satmarer Bräuche zu halten, doch um dort Mitglied zu werden, muss man akzeptiert werden. Antrag stellen, eine Probezeit mitmachen und nicht einfach seine Mitgliedschaft vorausposauen, ohne die Anforderungen je erfüllt zu haben.
Heute nenne ich mich Satmar, morgen renne ich zum Amschinover Rebben nach Beit Vagan (Jerusalem) und morgen zu Erloi in Katamon (Jerusalem), aber wo befinde ich mich dann eigentlich ?

Das ist genau der Grund, warum ich keiner chassidischen Gruppe beitrete. Ich bin nicht dazu in der Lage, mich nach NUR EINEM REBBEN zu richten. Stattdessen schaue ich mich gerne bei verschiedenen Gruppen um; man mag es "fehlende Verantwortungsbereitschaft" nennen. Trotzdem besteht ein gravierender Unterschied: Nämlich, dass ich mich nicht stolz und arrogant SATMAR nenne.
Ich bin kein Mitglied der größten chassidischen Gruppe der Welt (Satmar), so what !
Aus Angabe oder eingebildeten Gründen heraus stopfe ich mich in keine haredische Klamotten; was ich dagegen tue sind chassidische Bräuche zu halten und es mag sein, dass ich über so manche Gruppierung mehr weiss als ein neu Hinzugekommener, der sich einbildet, dabei zu sein und in seiner Phantasiewelt lebt.

Chassidisches Leben bedeutet Arbeit. Nicht jedermann ist dazu in der Lage überhaupt chassidisch zu leben und scheitert somit oder schliesst sich dem "Chassidismus Light" an wie Chabad (Lubawitsch). Zumindest gelten viele Baalei Teschuva bei Chabad als "light".
Eine Rabbanit (Frau eines Rabbiners) einer meine Yeshivot, auf denen ich lernte, sagte einmal zu mir, dass jemand, der von heute auf morgen streng relig. wird, dies nie lange durchhält. Das fromme Leben ist ein langwieriger Prozess und ich streife mir nicht eben mal schnell einen Kaftan über. Genaus traf ich auf Leute, welche die ganze Prozedur nur als Angabeshow abzogen. Aufmerksamkeit suchten sie und mehr nicht.

An Purim vor zwei Wochen traf ich eine Mea Shearim Familie wieder, die ich seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen hatte. Vor meiner Krise und Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1998 waren wir einmal eng befreundet gewesen. Wegen der Krise haute ich, ohne mich zu verabschieden, ab, denn ich wollte mich nicht blamieren oder mir Vorwürfe anhören. Circa ein Jahr später schrieb ich der Family eine Postkarte aus Berlin und murmelte etwas von Krise und Entschuldigung. Nach meiner Aliyah vor fast zehn Jahren brachte ich nicht mehr den Mut auf, anzurufen. Ferner wollte ich nicht wieder in den Mea Shearim Strom gesogen werden und hielt mich deshalb fern. Mehr oder weniger. An Purim dann ging ich in die Synagoge und traf auf die Nachbarin der Familie. Die fing gleich an, daraufloszureden und rief nach der Frau (der Family). Unser Wiedersehen verlief positiver als erwartet und sie gab mir ihre Telefonnummer (die immer noch die alte ist). Sie lud mich sofort ein; auch für Pessach. Viel habe sich geändert. Die Kinder seien fast alle unter der Haube und so. Ich sagte meiner Freundin, dass ich nicht mehr SO sei. Anders halt. Sie hielt dagegen, ich solle mich nicht schämen anzurufen.
Einerseits will ich nicht erneut in etwas hineinspringen, andererseits aber rief ich sie an, denn es ist wichtig, miteinander zu reden und die Gründe darzulegen. Was ich jedoch tue ist, dass ich allesgelassen und langsam angehe.

Einer weiblichen Person, die ernsthaft in Erwägung zieht, einem chassidischen Lebensstil zu folgen, rate ich auf alle Fälle das Judentum zu lernen und gründlich kennen zulernen. Ob das nun nationalrelig., Chabad, Breslov oder litvisch ist. Kennen lernen bevor ich mich für anderweitige chassidische Gruppen interessieren. Sämtliche Synagogen sollten einmal zum G - ttesdienst abgeklappert und die chassidische Gesellschaft ausgekundschaftet werden. A la "Ist das überhaupt etwas für mich ?" Ansonsten macht man sich lächerlich, wenn von einer tollen Frömmigkeit berichtet wird, doch derjenige keine Halachot kennt. Wie will man denn fromm sein, wenn kein Thorawissen vorhanden ist ? "Ich halte Schabbat, aber die Gesetze kenne ich nicht". Ein Irrsinn und Selbstbetrug.
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Allgemein folgt zu dem Thema ein weiteres Guest Posting von jemandem, der mit dem strengsten Beit Din (rabbinisches Gericht) konvertierte und sich jetzt in der chassidischen Welt befindet. Auch er will zu falschen Vorstellungen sowie Baalei Teschuva und Konvertiten etwas verfassen !

Sonntag, März 07, 2010

Gastbeitrag: Der Weg in die Chassidut als Baal Teschuva oder Konvertit zum Judentum

B"H

Ein Bekannter von mir verfasst für meinen englischen Blog einen Gastbeitrag zum Thema:

http://shearim.blogspot.com/2010/03/guest-posting-gair-tzedek-or-baal.html

Wie werde ich als Baal Teschuva (geborener Juden und später im Leben religiös geworden) oder als Konvertit zum Judentum Teil der chassidischen Welt. Der Beitrag dreht sich um die Akzeptanz und den Weg in die Chassidut in Israel sowie um die chassidische Welt von Mea Shearim.

Donnerstag, Juni 18, 2009

Aruch HaSchulchan und nicht Schulchan Aruch

B"H

Jene Leser, die meinen Blogs schon länger folgen wissen, dass ich häufig über die Baalei Teschuva (Juden, die erst im Verlauf ihres Lebens religiös werden) berichte. Sobald ich auf meinem englischen Blog mit dem Thema beginne, bekomme ich nicht selten bissige Kommentare von Leuten, die behaupten, dass dies alles so nicht stimmen täte. Ich gehe allerdings bei jenen Kommentarschreibern davon aus, dass es sich selbst um Baalei Teschuva handelt und sie sich zu rechtfertigen suchen.


Insbesondere in der haredischen Gesellschaft (in gewissem Masse ebenso bei den Nationalreligiösen) sind die erst später "frum" Gewordenen genauso wie Konvertiten zum Judentum nicht immer vollständig gesellschaftsfähig. In anderen Worten, diese zwei Gruppen der Newcomer in die ggf. haredische Gesellschaft haben es schwer, sich zu behaupten.
In der Regel werden sie mit anderen Baalei Teschuva oder Konvertiten verheiratet. Gelegentlich erhalten sie eine "Frum From Birth - in die haredische Gesellschaft hineingeborene / n Frau / Mann", doch muss man dabei sofort die Umstände betrachten. Bei derlei hineingeborenen Ehepartnern handelt es sich vorwiegend um Geschiedene oder Problemfälle. Jene also, die in der eigenen Gesellschaft als schwer oder gar nicht mehr vermittelbar gelten.

Chassidische Gruppen nehmen Newcomer auf, doch auch hier gibt es Unterschiede. Zwar kann ein Konvertit zum Judentum oder ein Baal Teschuva ein anerkanntes Mitglied in einer chassidischen Gruppe werden (wenn die Aufnahmebedingungen bestanden werden), doch richtig respektiert wie ein hineingeborenes Mitglied ist der Newcomer nicht. Selbst nicht bei Chabad !

Ich befasse mich mit dem Thema und allem möglichem Religiösen sowie Gesellschaftlichem drumherum seit weit mehr als zehn Jahren und meine, zum Thema einiges berichten zu können. Jedenfalls was Israel anbelangt !

Zahlreiche geborene Chassidim sagen mir, dass in ihren Gruppen Neuzugänge aufgenommen werden, aber das alles sei nicht das Gleiche als wenn jemand in die Gruppe hineingeboren ist. Eine Frau der extremen chassidischen Toldot Aharon aus Mea Shearim (Jerusalem) behauptete mir gegenüber, dass man schon in einen chassidischen Gruppe hingeboren sein mujss, um richtig chassidisch sein zu können.
In all den Jahren bekam ich viele Ansichten mitgeteilt und bin selber Zeuge, was sich bis heute tut. Warum aber komme ich jetzt wieder auf das Thema zurück ? Am vergangenen Schabbat war ich in Mea Shearim eingeladen und dort gab, wie so üblich, das Thema "Baalei Teschuva" abermals zur Sprache. Deswegen plane ich einige weitere Beiträge zu den Meinungen aus chassidischer Sicht.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Newcomer (egal, ob Konvertit oder Baal Teschuva) teilweise selbst mitbestimmt, wie die haredische Gesellschaft auf ihn reagiert. Wie bewegt er sich in der Gesellschaft ? Bleibt er ruhig und gelassen oder will er allen fanatisch beweisen, dass er besser (oder ebenbürdig) ist als alle anderen ?

Einmal war ich bei einem litvisch - haredischen Ehepaar im haredischen Jerusalemer Viertel Kiryat Mattersdorf eingeladen. Das frisch vermählte Paar (immerhin schon über 35 Jahre alt) hielt sich mehr als penibel an alle Vorschriften des Schabbat. Jedes kleinste Detail wurde eingehalten und alles pedantisch auf dem Tisch zurechtgerückt. Dass auch ja der Salzstreuer für die Challot (Schabbatbrote) nicht fehlte, etc.
Alles war so kleinkariert und bedrückend, dass keine Schabbatatmosphäre aufkam. Immer nur daran denken, bloß nichts falsch zu machen … Der Schabbat war so perfekt, dass er im Endeffekt dahin war.

Derlei Fanatiker sind mit die Schlimmsten.

Der Jerusalemer Rabbiner Mordechai Machlis berichtete uns einmal, dass nicht wenige säkulere amerikanische Juden ihn anrufen und genervt wissen wollen, was da in Jerusalem mit ihren Sprößlingen geschehen ist. Das Kind sei auf ein 1 - Jahresprogramm entsandt worden und nun kommt es als relig. Golem heim. Will allen nur noch vorschreiben, was zu tun und was zu lassen sei. Das gehe der Reformumgebung auf die Nerven. Da verlange das Kind doch tatsächlich von der Mutter eine koschere Küche. Vor einigen Monaten las ich das Buch "Freaking Out", in welchem die neuen relig. Juden (Baalei Teschuva) vorgestellt wurden. Leider bezog sich der Buchinhalt nur auf die USA und enthielt, jedenfalls für meinen Geschmack, zuviele trockene Statistiken.

Rabbi Machlis gab uns ein Fallbeispiel:
Einmal kam ein junger Baal Teschuva heim zu seiner Familie in die Staaten und berichtete begeistert davon, was ihm in Israel an Religiösem wiederfahren war. Sobald er daheim angekommen war, begann er seinen Eltern alles Halachische vorzuschreiben und machte auch vor dem Rabbi nicht Halt. Als der Rabbiner den jungen Mann darauf aufmerksam machte, dass sich die Gemeinde nicht nach dem Schulchan Aruch (Code of Jewish Law), sondern nach dem Aruch HaSchulchan richte, wusste der frischgebackene Baal Teschuva nicht mehr weiter. Von dem Aruch HaSchulchan hatte er noch nie gehört und hiermit komme ich zu einem weiteren Punkt: Baalei Teschuva sowie Konvertiten zum Judentum meinen vielerseits, dass ein Jahr oder auch zwei oder drei ausreichen, um nun Vorträge geben zu können. Wer das will, der sollte schon einige Lernzeit auf dem Buckel haben, um sich an gewisse Themen überhaupt erst heranzuwagen. Jahrelang dauern die Studien; nicht einmal pro Woche, sondern täglich mindestens 5 - 6 Stunden.

Es gibt viele Themen im Judentum, an die ich mich nicht heranwage (Beispiel: der halachische Standpunkt der Sterbehilfe, Medizinisches und vieles mehr) und wieder andere Themen, an die ich mich herantaste, nachdem ich wer weiß wieviel Infos dazu gesammelt habe. Nehmen wir den Rambam: Im Jerusalemer Israel Center gibt es eine Rambam - Lerngruppe, die schon zwanzig Jahre dort sitzt. Allein neunzehn Jahre studierten sie den "Führer der Unschlüssigen - Moreh Nevuchim", denn wer den Rambam begreifen will, der sollte, u.a., Aristoteles gewiss nicht auslassen.

Im Laufe der Zeit traf ich auf unzählige eifrige Yeshivaleute (reli. Schule), die nach wenigen Wochen anderen Juden versuchten vorzuschreiben, was halachisch Sache ist. Jeder hat irgendwo einmal angefangen und ich kann die enthusiastische Aufregung darüber verstehen. Man lernt etwas Neues und verspürt den Drang, es auch anderen mitzuteilen. Hierbei kommt es jedoch stets auf das WIE an. Lasse ich den Allwissenden heraushängen bzw. gehe anderen mit meinen Vorschriften / meinem Verhalten auf die Nerven ?

Ein Baal Teschuva sollte auf seinem Weg von einem erfahrenen Rabbiner begleitet werden. Gute Ratschläge einer erfahrenen Person sind unerläss, wenn man nicht unbedingt anderen und der Umwelt nervlich zur Last fallen will.

Donnerstag, Dezember 11, 2008

Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?

B"H

"Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?"
Diese Frage stellte mir ein amerikanischer Leser meines englischen Blogs.

Besonders in der heutigen Zeit scheinen nicht wenigerelig. Juden eine Mitgliedschaft in einer chassidischen Gruppe in Erwägung zu ziehen. Hierfür hat sicher jeder seine privaten individuellen Gründe.

Die Frage an sich fand ich besonders interessant, denn diesen Schabbat bin ich bei einer Familie in Beit Shemesh eingeladen, die der chassidischen Gruppe "Toldot Avraham Yitzchak", einer Abspaltung der extremen Toldot Aharon, beigetreten ist. Gerne würde ich über die Familie mehr schreiben, will jedoch erst um Erlaubnis fragen. Die Aufnahme ging recht schnell und reibungslos, was wohl daran lag, dass besagte Familie vorher schon Mitglied einer anderen chassidischen Gruppe war. Also nicht mehr ganz neu und unerfahren auf dem Gebiet war.

Ich täte jedem, der solch einen Schritt wagen will, raten, sich vorher eingehend zu erkundigen. Nicht gleich auf die erste chassidische Gruppe losstürzen, sondern sich Zeit lassen und bei mehreren Gruppen umschauen. Mit den Mitgliedern reden, dem Rebben und unter den Frauen redet man mit der Rebbitzen (Frau eines chassidischen Rebben). Keinesfalls voreilige Entschlüsse treffen und vor allem bedenken, dass eine etwaige Mitgliedschaft in anderen Gruppen außer Breslov oder Chabad einen einschneidenden Schritt im Leben bedeutet. Plötzlich ist man nicht mehr das "freie" Individuum, sondern ist gezwungen, sich Gruppenregeln zu unterwerfen. Entscheidungen eines Rebben zu befolgen und es kann nicht so einfach gesagt werden, dass mir dies und das nicht passt. Anfangs wird man eh beäugt und man sollte schon die Kraft und den Willen haben, sich durchzubeissen.

Man sollte sich über Folgendes im Klaren sein:

1. Inwieweit kann ich mit ein - bzw. unterordnen ?

2. Welche Ideologie liegt mir ?

3. Wie geschlossen oder offen sollte die Gruppe sein ?

4. Will ich eine große, vielseits anonyme Gruppe wie, z.B. Gur, Satmar oder Belz, oder will ich den Rebben treffen und nahe bei ihm sei, wie bei den Avraham Yitzchak. Bei Belz hingegen stehen Tausende Chassidim an und nur wenige haben direkten Kontakt mit dem Rebben.

5. Wie wird sich mein Leben ändern und was sind meine Ziele ?

6. Als Single beizutreten setzt voraus, mich schnellstens nach einem Ehepartner umzuschauen.

7. Kann ich dem etwaigen Gesellschaftsdruck standhalten ?

8. Vielleicht erst einmal auf Probe chassidisch leben …

9. Vor einer Mitgliedschaft werden eh Probezeiten angesetzt.

10. Mit welchen Erwartungen komme ich ?


Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und sich zu informieren. Außerdem sollte man sich selber testen und wissen, wo die eigenen Schwächen liegen. Diese Einsichten sind besonders wichtig in Bezug auf den aufkommenden Gesellschaftsdruck sowie der Realität, dass eine chassidische Gruppe nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen bedeutet, sondern der Alltag oft hart ausschaut.



Ganz rechts: Der Rebbe der Toldot Avraham Yitzchak aus Mea Shearim - Rebbe Shmuel Yaakov Kahn.

Montag, November 24, 2008

Der Chassidismus einst und heute

B"H

Frage von Ronen:

Was hat der zeitgenössische Chassidismus mit dem ursprünglichen Chassidismus zu tun? Wenn ich an Chassidismus denke, dann sehe ich den Baal Shem Tov vor mir, der den materiell armen und deswegen spirituell armen Jiddelechs den rechten Weg zugänglich und weisen wollte - und dann sehe ich die Chabadniks vor mir, die den spirituell armen Jiddelechs von heute unter die Arme greifen wollen ... ist verständlich, was ich meine? Was einst revolutionär war, ist heute reaktionär ... wer ist dem Urchassidismus am nächsten? Wieviel hat noch mir Baal Shem Tov zu tun? Wieviel Interesse hat ein Durchschnitts-Chasid an seinem jüdischen Nächsten, der nicht auf seiner Linie ist?



Kleine Betrachtung:

Ich weiß, was Du meinst mit dem "nicht auf einer Linie liegen".
Beliebtes Beispiel: CHABAD
Zuerst bemerkt man es nicht oder weniger, aber wer bei Chabad ist, der sollte auf strenger Linie liegen und nicht mit auch noch so einer winzigen Idee gegen den Strom schwimmen. Wobei oftmals gegen den Strom schwimmen schon mit einem intensiveren Interesse an anderen chassidischen Gruppen beginnt oder plötzlich nicht "nur" der Baal Shem Tov, dessen Nachfolger - der Maggid von Mezritch - oder wiederum dessen Schüler Rabbi Schneur Zalman von Liadi bzw. anderweitige Chabad - Rebben zitiert werden. Bei Chabad sind grundsätzlich andere chassidische Aspekte unerwünscht ! Und wer nicht spurt, der kann auch schonmal hinausfliegen. So einfach ist das dann.

Was der heutige Chabadnik mit dem ursprünglichen Chassidismus zu tun hat ?
Kommt darauf an, wen Du meinst; einen "alten" Chabadnik, der schon seit mehreren Generationen mit Chabad verankert ist oder einen neu hinzu Gekommenen. Viele "Alte" von ihnen regen sich auf, dass gerade die Neurelig. + Neu - Chabadler mit einem "Gelaber" daherkommen, was die originalen Chabadnikim nervt. "Keinen Rebben gesehen, aber große Töne spucken", so die Meinungen einiger Chabanikim auf meinem engl. Blog.

Und was haben weitere "Durchschnitts – Chassidim" mit ihren "Nächsten"zu tun, die da eventuell nicht auf Linie liegen ? Insgesamt kommt es darauf an, wen man fragt oder besser, wen man trifft. Nicht jeder Chassid lehnt einen anderen wegen einer unterschiedlichen Ideologie ab. Und so mancher säkulerer Jude mag sich wundern, wie freundlich er oftmals in chassidischen Kreisen als Gast behandelt wird. Zum Beispiel schrieben mir zahlreiche Leser meines engl. Blogs was sie für einen tollen Schabbat bei den extremen Satmarer Chassidim in New York verbrachten. Genauso geht es mir oftmals in der haredischen / chassidischen Gesellschaft. Kaum jemand hackt auf mir herum.

Untereinander gehen die Chassidim manchmal nicht gerade zimperlich miteinander um und es kommt nicht selten zu Schlägerein. Hierbei geht es jedoch weniger um die Ideologie als um interne Politik zwischen den Gruppen. Übrigens sind derlei Vorfälle nicht neu, denn es gab sie schon fast gleichzeitig mit dem Aufkommen des Chassidismus. Besser gesagt entstanden die ersten ernsthaften Rivalitäten sofort nach dem Tode des Baal Shem Tov, wobei es um Führungspositionen.

Aber was genau ist eigentlich die richtige originale Chassidut des Baal Shem Tov und was seine Lehren ? Wie hier schon erwähnt, kann man dies heutzutage oft nicht einmal mehr genau definieren. Bei Chabad ganz besonders nicht, denn zuviel wurde vom Maggid von Mezritch (Rabbi Dov Baer Friedman, 1704 - 1772) und insbesondere vom Chabad - Gründer Rabbi Schneur Zalman von Liadi (1747 - 1812) eigeninterpretiert; bedeutet die Ideologie des Baal Shem Tov individuell interpretiert und deren ursprüngliche Bedeutung erweitert oder verfremdet. Wobei das Wort "verfremdet" vielleicht nicht unbedingt zu angebracht erscheinen mag. Vielmehr könnte man genauso sagen, dass Rabbi Schneur Zalman der Chassidut eine neue Zentralität und somit neue Inhalte gab.
Dabei kann man ebenso behaupten, dass andere chassidische Rabbis diverse Baal Shem Tov - Ideologien weiter ausbauten. Dies geschah jedoch nicht auf eine einzige Gruppe wie Chabad bezogen, sondern meistens auf eine chassidischen Yeshiva (einen chassidischen Rebben), aus welcher unzählige Rabbis verschiedener Gruppierungen hervorgingen. Beispiel: Aus der Schule des Seher von Lublin, Rabbi Yaakov Yitzchak Horowitz (1745 - 1815), gingen u.a. die Gruppen Satmar, Lelov, Ropschitz oder Belz hervor. Hierbei wird der Unterschied deutlich. Nicht nur eine chassidische Auslegung sollte untermauert werden wie bei Chabad, sondern ein Rabbiner lehrte und dessen Schüler, die später selber Rabbiner wurden, gründeten vielfach chassidische Dynastien. Und zahlreiche dieser Dynastien arbeiteten zusammen. In der Vergangenheit oftmals mehr als dies heute der Fall sein mag, aber insgesamt kapselte sich ideologiemässig kaum jemand so ab wie Chabad. Und dies ist wiederum nicht auf den Meschiach bezogen, denn viele meinen, der Meschiach habe bei Chabad schon immer eine Rolle gespielt. Zumindest so wie heute mit dem teilweise stattfindenden "Schneerson - Kult".
Im Ursprung unterscheidete sich Chabad als lithauische Chassidut von ihren ukrainischen, polnischen oder ungarischen Gegenparts in der Art und Weise, dass z.B. die Rolle des Rebben als eher leitend angesehen wurde. In Lithauen nahm der Rebbe niemals die hohe Position ein wie in Ungarn etc. Weniger ein Zaddik (Gerechter) war er, aber stattdessen ein Lehrer und Unterweiser. Eine Verehrung wie in den südlicheren Gefilden Osteuropas gab es im Norden nicht oder wenn, dann weniger.

Ganz klar verwandelte sich der eigentliche Chassidismus im Laufe der Zeit. Aus den ehemaligen einzelnen Rabbiner wurden ganze Dynastien. Kleinere und große und fast alle Rabbis gaben ihre Kommentare ab und legten Bestimmungen für die jeweilige Ausrichtung oder Gruppe fest. Viele, so auch ich, sagen, dass in der Vergangenheit einmal alles besser war. Da gab es noch herausragende Rebben, Emunah (Glaube), Spiritualität und irgendwie doch noch eine als heil geltende chassidische Welt. All das im Hintergrund russischer Pogrome und Landbesitzverschiebungen. Ganz zu schweigen vom späteren Holocaust und somit der Vernichtung bzw. der Vertreibung der Chassidim.

Was hat sich heute allgemein verändert ?
Sicher, die Basisideologien des Baal Shem Tov werden beibehalten. Bei Chabad hingegen kommt mir mittlerweile alles nur noch zu Chabad vor. Der Alter Rebbe (Rabbi Schneur Zalman) hier, der letzte Rebbe dort. Ansonsten gibt es die Kabbalah einschließlich des ZOHAR als Chabadkost mit eigener Auslegung. Demnach wissen heute einige der originalen Chabadnikim noch einiges von anderweitigen chassidischen Gruppen. Die neurelig. Szene dagegen kann nichts mehr bestimmen und meint, Chabad sei alles und genug. Ohne zu wissen, worum es in der Chassidut eigentlich geht und was die Gruppen, Rebbes, Ideologien ausmachen. Die heutige Chabad Szene der Neureligiösen täte ich auf alle Fälle als Gehirnwäsche bezeichnen. Womit ich nicht unbedingt den kleinen Lubawitscher (Chabad) – Vortrag um die Ecke meine, sondern jene, die sich dazu entschliessen, aktiv bei Chabad mitzuwirken bzw. Mitglied zu werden. Wer auf so jemanden trifft, der sollte sich bewusst sein, dass derjenige keine Ahnung von anderweitigen chassidischen Auslegungen besitzt. Falls doch, dann nur in ganz seltenen Fällen.

Die heutigen Gruppen exstieren auf unterschiedlicher Basis. Insgesamt mussten sich alle nach dem Holocaust neu formieren, was insbesondere in den USA (hierbei New York) nicht einfach und garantiert nicht billig war. Man stelle sich vor, dass die Mehrzahl der Chassidim umgekommen war und kein oder kaum noch Bares vorhanden war. Was also geschah ? Die Rebbes fanden wohlhabende Spender und mit ihrer Hilfe bauten sie ihre Chassidut wieder auf. Damit kommt die Frage auf, inwieweit die Gruppen sich von den Spendern abhängig machen bzw. inwieweit die Spender, auch wenn sie selbst nie in Erscheinung treten, auf die Gruppe Einfluß nehmen / können. Hinzu kommt, ob der Rebbe tatsächlich noch der große Boss ist oder sein gruppeneigenes Beit Din (rabbinisches Gericht) die Richtlinien festlegt und der Rebbe somit zur Exekutive anstatt zur Legislative wird.

All diesen Thesen kann ich Dir nicht beantworten, denn das variiert von Gruppe zu Gruppe und die Gruppen werden diese Infos kaum nach außen tragen. Es kann sogar vorkommen, dass der Rebbe selber nur als seine Art Marionette fungiert und in Wirklichkeit ganz andere Leute aus der Gruppe die Fäden ziehen. So behaupten viele Chassidim hinter vorgehaltener Hand, dass in der Chassidut Gur der hauseigene Knessetabgeordneter Yaakov Litzmann das große Sagen hat.

Tatsache ist, dass es meist so ist, dass der älteste Sohn eines Rebben (nicht immer, aber oft) die Nachfolge übernimmt. Was aber, wenn der Sohn alles andere als so weise wie sein Vater ist ? Was, wenn kein anderer zur Nachfolge ansteht und die Chassidut nun einen Trottel (den Sohn) bekommt und dieser kaum in der Lage ist, etwas von sich zu geben ? Soll man ihn trotzdem verehren und halt lieber keine Bücher verfassen lassen ? Gilt hier die Familienehre der Rebben vor der Weisheit ?
Mancherorts ist das wirklich so, andernorts auch wieder nicht.
Es gibt chassidische Gruppen von denen bekannt ist, dass ihr Rebbe nicht gerade ein "Talmid Chacham – weiser Gelehrter" is, sondern ein einfacher Mensch ohne tolle Fähigkeiten. Wie man das bestimmen kann, gestand mir ein älterer Chassid: "Du must schauen, wieviele Leute bei einem Rebben anstehen, um ihn um Rat zu fragen. Steht niemand an oder wollen die Leute nur einen Segen, na, dann weißt Du, dass der Rebbe keine Geistesgröße ist".
Und meines Erachtens nach erleben wir gerade das heute viel zu oft. Selbst in den bekannten chassidischen Gruppen. Das wiederum liegt am System, wenn der Sohn oder ein Cousin das Ruder übernimmt und nicht der Weiseste aus der Gruppe.

Diejenigen, die mit den Schriften des Rabbi Yehoshua Heschel von Apta (1748 – 1825) vertraut sind, wissen, wie der Rabbi einen Zaddik (Gerechten) definiert. In seinem Buch "Ohev Israel" schreibt er, dass ein Zaddik sich diese hohe Position nicht alleine aussucht, sondern sie ihm vom Himmel gegeben wird.
Aber was ist mit all den chassidischen Rebben heute ? Haben sie wirklich ihre Position vom Himmel bekommen ?
Einerseits schon, denn schließlich geschieht nichts auf der Welt ohne G – tt.

Viele der chassidischen Rebbes tun sicherlich großartige Dinge und halten die Mitzwot (Gesetze), aber sind sie deshalb automatisch Zaddikim ? Obwohl Rabbi Nachman von Breslov sich selbst als "Zaddik HaDor – Als der Gerechte seiner Generation" proklamierte, predigte er dennoch einen weiteren Gedanken: Im Grunde genommen hat jeder das Zeug zum Zaddik. Er muß nur daran arbeiten.

Für mich ist ein chassidischer Rebbe eher eine Authorität und eine Respektperson. Er kann eine herausragende Figur mit hervorragenden relig. Kenntnissen sein, was ihn jedoch für mich nicht unbedingt zu einem "Heiligen" macht. Eine Person mit großem Charisma, das ist alles. Ist das so schlimm ? Warum sollte er automatisch ein Zaddik sein ?

Heutzutage muß der gewöhnliche Chassid sowie der Rebbe der Gruppe mit ganz anderen äußeren Einflüssen kämpfen. Mit weltlichen Angelegenheiten genauso wie mit finanziellen. Der Rebbe ist auf Spenden angewiesen und fast jeder Rebbe reist ein paar Mal pro Jahr herum, um Geld einzusammeln.
Der einfache Chassid hingegen nimmt seine angeborene Zugehörigkeit zu oft als selbstverständlich hin. Viele Male ohne Enthusiasmus, sondern einfach nur so, weil er halt hineingeboren worden ist.

Die einstigen chassidischen Ideale sind mit der Zeit vielerorts verloren gegangen und heute wird zuviel Wert auf Weltliches gelegt. Eingeschlossen Materielles und anderweitiger Besitz.
Chassidim, die real eingestellt sind, geben dies umunwunden zu und es ist gewiß kein Geheimnis. Und leider haben wir derzeit keinen so richtig großen und weisen chassidischen Rebben wie Rabbi Elimelech von Lejansk oder Rabbi Simcha Bunim von Peshis'cha (Przysucha).
Kurz gesagt, es fehlt an Charaktären, was sehr bedauerlich ist.

Donnerstag, Oktober 23, 2008

Ist Schweigen immer Gold ?

B"H

Es gibt Dinge, die regen mich furchtbar auf. Besonders in dem Moment, wenn es um die religiöse Welt geht. Beispiel: Wenn einige Leute meinen so ungemein heilig, religiös, fromm, selbstgerecht oder was auch immer zu sein. So sehr, dass die jüdischen Mitmenschen nicht mehr mitkommen und sich als "minderwertig" zu erweisen scheinen.

Ich nehme mich als Beispiel, die da überwiegend in Hosen herumläuft und mit teilweise "rebellischem" Verhalten daherkommt. Ich verbringe nicht fast meine ganze Zeit mit Tehillim (Psalmen) und ständigem Gebet. Ich bete, aber ich stelle mich nicht vor aller Leute hin, um eine "Ich muß mich jetzt beweisen - Show" abzuziehen.

Aber meine Intension ist es hier nicht, mich über eine gewisse Inakzeptanz meiner Person gegenüber aufzuregen. Über solche banalen Problemchen bin ich längst hinweg. Vielmehr geht es darum, dass so manche Religiöse glauben, sie seien so heilig, aber sich dennoch nicht schämen, mit einem widerwärtigen Verhalten zu glänzen und damit schlimmer wirken als jeder Säkulere oder selbst G - tteslästerer. Sobald einige Juden (oder auch potentielle Juden) meinen, das Licht zu sehen, und sich entschliessen, entweder zum Judentum zu konvertieren oder ein Baal Teshuva (geborener Jude, der im Verlauf des Lebens relig. wird) zu werden, meinen sie fast nur noch von Gerechtigkeit, Kedusha (Heiligkeit) und Chesed (Wohltätigkeit) befallen zu sein.

Aber ich will genauso anmerken, dass nicht ALLE so handeln und ich keinesfalls verallgemeinern will.

Ein Baal Teshuva zu sein beinhaltet nicht nur die Thoramitzwot einzuhalten (sich langsam daran zu gewöhnen und nichts zu überstürzen) und auf einer regulären Basis zu beten, sondern es bedeutet genauso dass derjenige seinen eigenen Charakter zum Besseren, in die Richtung der Thora, verändern soll. Also ein innerer persönlicher Umdenkprozeß in einem selber stattfindet. Und viele Leute scheinen dieses grundsätzliche Prinzip nicht zu begreifen und fahren stattdessen unentwegt damit fort, anderen zu zitieren, was ihr spezieller Rabbiner sie lehrte. Anscheinend zählt nur noch, was der Rabbi sagte und es wird so zitiert, dass alles andere falsch erscheint und nur noch der Baal Teshuva recht hat.
Andererseits, wenn man sich ihr Verhalten anschaut, bekommt man einen völlig anderen Eindruck. Und dieser ist alles andere als religiös. Und ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass so mancher Konvertit zum Judentum niemals hätte konvertieren sollen und stattdessen lieber ein Christ hätte bleiben sollen. Einige Konvertiten meinen nach der Konversion anderen Juden in der Manier eines Drill Sergeant Befehle erteilen zu müssen.

All meine Angaben beziehen sich nicht nur auf die litvisch - haredische Gesellschaft, sondern genauso auf die chassidische Welt.
Und überhaupt, wo sind die ernsthaften aufrichtigen Chassidim aus der Vergangenheit geblieben ? Wenn nur der Baal Shem Tov für einen Tag zurückkommen täte und sich das Chaos anschaue. Wie chassidische Gruppen sich teilweise bekriegen und wo sogar ein Topf voll Tscholent (Fleischsuppe mit Erbsen und Kartoffeln am Schabbat) einen Streit vom Zaume brechen kann (so wie es an Sukkot zwischen den Toldot Aharon und den Toldot Avraham Yitzchak der Fall war).

Ich habe noch viel mehr zu dem Thema zu sagen, aber vorher muß ich mich noch darauf besinnen, alles in einem guten objektiven Stile zu formulieren. Soll ich Namen nennen oder lieber alles im "Short Story Stil" verfassen ?

Nicht Mea Shearim, sondern die litvisch amerikanische Welt wird diesesmal mein Thema sein.

Und erneut die Angabe: Nicht alle sind gemeint und es soll nicht verallgemeinert werden.

Einige Leute sagten mir sogar, dass nicht alle Probleme der relig. Gesellschaft offengelegt werden müssen und man stattdessen Stillschweigen bewahren sollte. Warum etwas öffentlich machen ? Wen interessiert das denn ? Wäre es nicht besser, mit dem Leben fortzufahren und Geschichte Geschichte sein zu lassen ? Was kann man denn schon bewirken ? Warum all die Energien und Zeit verschwenden ?

Meinerseits versuchte ich zu schweigen, aber all das Verhalten ging mir auf die Nerven. Ich kann nicht einfach dasitzen und so tun als geschehe nichts. "Morgen ist ein neuer Tag und lassen wir einmal alles gutsein". Es gibt definitiv Themen und Inhalte, die ausgesprochen werden müssen, nur bleibt die Frage, wie weit man dabei gehen darf und soll. Sind Leute involviert die ich kenne ? Gegebenenfalls Freunde und was geschieht, wenn diese dadurch verletzte oder geschädigt werden ?

Diese Fragen sind mir äußerst wichtig und daher ist es nicht immer leicht, die beste Lösung oder überhaupt eine Lösung zu finden.

Sonntag, September 07, 2008

Erfahrungen und Gedanken


Mea Shearim


B"H

Ein paar Dinge stehen für mich seit spätestens gestern unerschütterlich fest. Jemand, der sich mehr als ausgiebig mit der chassidischen Gesellschaft beschäftigt, sollte darauf verzichten, andere Leute in die Gesellschaft mit hineinzunehmen. Die beste Devise lautet immer, man gehe allein.

Das größte Problem besteht darin, Außenstehenden jeder Art die professionellen Definitionen sowie die Chassidut mit allem was dazu gehört klarzumachen. Dies ist eine Schwierigkeit, die mir in keinem Blog und auf keiner Site gelingen kann. Ich kann auch von niemandem erwarten, dass er plötzlich absolut professionell dasteht und alle Zusammenhänge restlos versteht. Einige derjenigen, die ich einmal zu speziellen chassidischen Events mitgenommen habe, meinten plötzlich, sie wüßten, was Sache ist und begannen anderen Leuten etwas zu erklären. Völlig verdreht und halb aus der Luft gegriffen.

Gestern nahm ich drei weitere Mädels mit nach Mea Shearim. Meine Erfahrung ist: "Einmal und nie wieder !"

Zuerst kam morgens niemand aus dem Bett und danach ging das Ankleiden los. Was soll man bloß anziehen ? Nachdem alle abmarschbereit dastanden, sagte ich der Hälfte, sie solle ihre Kleidung wechseln, denn man geht nicht in kurzem Rock und ohne Ärmel los. Dabei verzichtete ich sogar schon, die Abmarschbereiten auf die sockenlosen Füsse aufmerksam zu machen. So laufen die Nationalrelig. herum, aber nicht Mea Shearim. Als Frau bedecke man seine Füße und renne nicht barfuß in Badeschlappen umher. Hinzu kam, dass mein eigentliches Ziel die Synagoge der Neturei Karta war.

Da alle so herumgetrödelt hatten und sich auf keine Kleidung einigen konnten, kamen wir viel zu spät zum Morgengebet Schacharit. Bei der Neturei Karta war schon alles dicht und auch bei einer weiteren Gruppe waren schon die Türen geschlossen. Dafür gab es dort für die Frauen im Erdgeschoß einen Kiddusch (Segnung des Weines), an dem ich aber nicht teilnehmen wollte, weil wir viel zu spät eintrafen. Peinlich.

Zwei der Mädels gingen dann doch noch hinauf in die Synagoge zum Beten und ich blieb mit einer Freundin zurück vor dem Kidduschraum. Sie wollte in den Raum gehen und uns wegen der Hitze ein Glas Wasser besorgen. Also ging sie zu einem der umherstehenden Mädels (ca. 14 Jahre alt) und fragte sie, ob sie in den Raum gehen dürfe, um Wasser zu besorgen. Das chassidische Mädchen drehte ihren Kopf zur Seite und antwortete nicht. Meine Freundin drehte fast durch wegen solch eines Verhaltens. Sie ging einfach in den Raum hinein und kam mit zwei Bechern kalter Cola wieder heraus. In dem Raum habe man sie freundlich behandelt, nur halt das Mädel draußen nicht.

Mein Freundin sagte zu mir, dass es genau solch eine mieses Verhalten sei, was die Säkuleren die Haredim (Ultra - Orthod.) hassen läßt und was sie ebenso von der Religion abschrecke. Genau solche Leute.

Ich sagte ihr, dass sie vollkommen recht habe und die Erziehung vieler Haredim einfach nur gräßlich sei. Mit Erziehung meine ich die Schule sowohl als auch die Eltern. Jedoch insbesondere die Schule.



Chassidische Kinder in Mea Shearim


Judentum bedeutet, sich einem anderen Juden gegenüber anständig zu verhalten. Und wenn jemand eine Frage stellt, dann beantworte sich sie. Jeder Jude ist gleich; ob dies in der säkuleren Ben Yehudah ist oder in Mea Shearim. Man dreht nicht einfach so den Kopf weg, nur weil da jemand nicht so ist wie ich. Nicht so "heilig" wie ich. Und weil ich so "heilig" bin, brauche ich mich nicht mit anderen abzugeben. Unsere Aufgabe besteht darin, anhand des Umgangs mit anderen Leuten einen Tikun (Reparatur der Seele sowie der Welt) auszulösen und G - tt erschuf nun einmal verschiedenartige Menschen. Meine Aufgabe ist es nicht, mich in meinen eigene Hinterhof zurückzuziehen und auf alle anderen herabzusehen.

Zwischenzeitlich waren die anderen zwei Mädels vom Beten zurück und wir machten uns alle auf den Weg zum Mittagessen. Zusammen waren wir bei einer chassidischen Familie in einem der Hinterhöfe eingeladen. Auf dem Weg dorthin sammelte ich mehrere kleine Handzettel auf. Überhaupt war Mea Shearim wieder einmal voll Zettel gestreut und alle beinhalteten zwei Themen, über welche ich in meinem deutschen chassidischen Blog schreibe genauso wie auf meinem englischen Blog. Der Streit zwischen den beiden chassidischen Gruppen Machnovke und Belz sowie über die Anschuldigungen bezüglich des Oberrabbiners der Kotel (Klagemauer).

Auf Nachfrage hin versuchte ich einem der Mädels den Grund zu erklären, warum der Kotel Rabbi von vielen abgelehnt wird. Daraufhin sagte eine weitere Anwesende, dass dies ja alles nur "Laschon Harah - üble Nachrede sei".

Okay, vielleicht. Doch stimmen die Anschuldigungen und ich meinte, dass nicht alles in die Laschon HaRah gezogen werden kann. Es gibt Dinge, die muß man aussprechen. Und selbst wenn jemand vorgibt, relig. zu sein, bedeutet dies noch lange nicht, dass er ein Heiliger ist. Jeder Mensch hat so seine Fehler und wenn wir uns die jüdische Geschichte ansehen, dann hat es schon immer korrupte Rabbiner gegeben. Selbst zu Tempelzeiten. Und ich kann nicht ohne jegliches Wissen die Realität ablehnen oder absichtlich übersehen wollen. Einfach weghören und mich um nichts scheren.

Mit dieser Stimmung kamen wir dann zum Mittagessen, wobei sich alles wieder etwas besserte als wir erst einmal im Wohnzimmer saßen. Dort trafen noch ein paar israelische relig. Seminarmädels dazu und nach ca. einer Stunde des Wartens begannen wir mit dem Essen. Mit einer älteren Dame, die neben mir saß und die in Mea Shearim lebt, begann ich eine Diskussion über die Mitteilungsposter an den Hauswänden (Fakshivilim). Sie meinte, dass man vor einiger Zeit im Stadtteil Zettel verteilt habe, auf denen bekanntgegeben wurde, dass das Hechscher (Koscherzertifikat) des Chatam Sofer Defizite habe und man lieber andere Sachen essen solle. Meine Gesprächspartnerin habe diese Nachricht in gutem Glauben an andere weitergegeben und im Nachhinein habe sich herausgestellt, dass das ja alles nicht stimme. "Man weiß ja oft nie genau, was richtig oder falsch sei, meinte sie. Ständig müsse man sich ausführlich erkundigen und das gehe einem erst auf den Geist".

Mittlerweile hatte unsere Gastgeberin mit am Tisch Platz genommen und begann eine Rede über anständiges relig. Benehmen. Vorher hatte sie mich schon in eine Ecke gezerrt und mir gesagt, dass ja einige der Mädels nicht richtig anständig angezogen sei. "Ich kann nicht auf alles aufpassen", meinte ich zur Gastgeberin, worauf sie zurückgab, dass sie selbst noch nicht einmal einen Segen über das Essen (Beracha) ohne Strümpfe an den Füssen sagt.

Irgendwie bekam ich den Beginn einer weiteren kleinen Katastrophe erst gar nicht mit. Eine der anderen Seminargirls ging zur Gastgeberin in die Küche und beide kamen kurz darauf aufgeregt zurück ins Wohnzimmer, in dem wir alle um den Eßtisch saßen. Die Gastgeberin meinte, dass das so ja alles nicht ginge. Sie gehe auch nicht in ein Restaurant ohne zu bezahlen; und genauso verhalte es sich mit G - tt. Wenn ich esse, dann muß ich hinterher G - tt für die Nahrung danken und diverse Segen sagen.

Anscheinend wollte das Mädchen sich ohne Segen verabschieden. Sie fühle sich nicht gut. Das ließ unsere Gastgeberin zwar gelten, doch vor dem Gehen wird ein Segen gesagt. Basta !

Die junge Frau, so um die Zwanzig begann zu heulen und ich dachte mir, dass diese Szene ein besonders gutes Beispiel für die Krisen der Baalei Teshuva (jene geborenen Juden, die erst im späteren Verlauf ihres Lebens religiös werden) darstellt. Okay, nehmen wir an, es ging dem Mädchen tatsächlich nicht gut; als Baalat Teshuva jedoch halte ich mich an Regeln und sage einen Segen oder tue wenigstens so. Schließlich ging sie hysterisch davon und wer als geborener Haredi will sich mit soetwas herumärgern.

Es geht nicht darum, ob sie krank war oder nicht; es geht um ihre Weigerung und ihre Krise.

Die Gastgeberin begann uns folgende Story zu erzählen:

Einmal sei ihr das Gleiche wiederfahren. Da habe sich auch eine Anwesende geweigert, einen Segen nach dem Essen zu sagen. Die Gastgeberin meinte, dass sie entweder den Segen sage oder sie für das Essen bezahle.

"Naja, meinte die Verweigerin, bezahlen ginge ja nicht, weil es Schabbat sei".

Gastgeberin: "Dann sag den Segen".

Gast: "Nö, ich bin nicht religiös".

Das ging ewig so hin und her, bis die Frau endlich den Segen sagte.

Monate später sei sie wieder erschienen, doch diesmal als relig. Seminargirl und verkündend, dass sie ihr Leben nun geändert habe.

Unsere Gastgeberin ist unheimlich nett und manchmal tut sie mir schon leid, mit dem, was sie sich alles anhören muß. Die Chassidut ist nun einmal ihr Leben und sie bemüht sich wenigstens, Auswärtige einzuladen.

Nach dem wir alle unseren Segen sagten, verabschiedeten wir uns und ich machte mich noch auf den Weg zu Rabbi Mordechai Machlis, wo ich bis nach der dritten Schabbatmahlzeit (Se'udat Shlishit) blieb. Kurz nachdem ich dort angekommen war, entbrannte eine heftige Diskussion. Rabbi Machlis erzählte folgende Story:

Am Morgen, bei seiner Kotel - Minyan stand ein japanischer Tourist in der Nähe. Dieser schrieb einen Zettel und wollte diesen danach in eine der Mauerritzen der Klagemauer stecken. Ein Haredi rannte auf ihn zu und schrie ihn an, dass das Schreiben am Schabbat verboten sei.

Wie hätte die richtige Reaktion gegenüber dem Japaner aussehen sollen ?

Jemand der Gäste im Machlis - Haus meinte, dass vor der Kotel (Klagemauer) überall Schilder stehen, auf denen auf gewisse Verbote (Photografieren, Rauchen, Telefonieren, Schreiben, etc.) am Schabbat aufmerksam gemacht wird.

Rabbi Machlis jedoch meinte, dass man zum Japaner hätte gehen können, um ihm ruhig mitzuteilen, er solle seinen Zettel woanders schreiben und danach wiederzukommen.

Jemand meinte, dass das vielleicht der einzige Kotelbesuch des Japaner war und was der jetzt für einen Eindruck habe.

Ich hielt eine Rede und sprach drei Dinge an:
Erstens stehen überall Warnschilder und wieso zeigen viele säkuleren Juden sowie Nichtjuden keinen Respekt gegenüber der Klagemauer und gegenüber relig. Juden ? Wer in den Vatikan will, der ziehe sich auch anständig an und befolge spezielle Regeln. Wo bleibt der Respekt der anderen und wieso müssen relig. Juden immer nur anderen Respekt zollen ?

Haredim wollen vermeiden, dass ihre Kinder negativ beeinflusst werden und was sollen sie denken, wenn da an so einem "heiligen" Platz jemand das Schreiben beginnt ?

Und was, wenn ich Gnade walten lasse, ohne etwas zu sagen ? Stehen dann nicht nächste Woche noch mehr nichtjüdische Besucher herum, welche die Regeln brechen ?

Sicher hätte man den Japaner nicht anschreien müssen, aber irgendwann reicht es den Relig. auch, wenn da stets jemand kommt und immer wieder die Regeln bricht.



Gäste im Machlis - Haus


Soviel zu meinem gestrigen Schabbat und heute muß ich mich erst einmal erholen !

Sonntag, Juli 13, 2008

"Beauty ist IN"

B"H

Die Rolle der Frau im orthodoxen Judentum ist zwar halachisch mehr oder weniger definiert, doch schauen die Realitäten dermaßen unterschiedlich aus, dass die Rolle der Frau niemals aus stereotypem Blickwinkel betrachtet werden darf. Noch dazu, wo die betroffenen Frauen selber verschiedene Ansichten über ihre Rolle sowohl als auch ihr Dasein pflegen. Selbst wenn eine Frau strengen Gruppenregeln (wie bei der Chassidut Satmar oder den Toldot Aharon) unterliegt, so bedeutet dies noch lange nicht, dass sie sich jetzt da furchtbar unwohl fühlt und nach Hilfe schreit.

Eines jedoch ist geschichtlich erwiesen:
Die Rolle der Frau im Judentum unterlief im Laufe der Jahrtausende einen gravierenden Wandel. Bestimmt waren Sarah oder Leah nicht immer so hausmütterlich mit ihren Gatten Avraham und Yaakov, wie sich dies heute viele ultra - orthod. Männer gerne wünschen. Und, wie ich schon mehrmals aufführte, gab es auch zu talmudischer Zeit große jüdische Frauen und vorher sogar Prophetinnen. Selbst Rivka (Rebekka) und Miriam waren bekannte Prophetinnen.

Später kamen dann Raschis drei Töchter hinzu, die den Talmud lernten, da ihr Vater keinen Sohn zeugte. Und so entschloß sich Raschi, eben seinen Töchtern höhere jüdische Studien zu lehren. Gracia Mendes (geb. 1505) war so mit die letzte Frau, welche das Judentum bzw. die jüdische Geschichte gravierend mit beeinflußte. War es doch gerade ihr zu verdanken, dass Juden der Inquisition entkamen und sich in Israel ansiedelten. Die erste Zionistin ?

Danach trat auf fraulicher Ebene Ruhe ein und schon zur Zeit des Chassidismus spielte die Frau nur noch eine untergeordnete Rolle. Außer Adel, der Tochter des Baal Shem Tov. Es wird uns zwar in chassidischen Stories immer soviel über ehemalige und zeitgenössische Zadkaniot (großartige gerechte Frauen) berichtet, nur sollte man sich den genauen Inhalt vor Augen führen, der da im Wesentichen lautet: eine gute Hausfrau.

Neulich sprach ich das Thema "Geschlechtertrennung in öffentlichen Bussen" an und schon laufen viele auf meinem engl. Blog Sturm. Ob das denn in Israel tatsächlich so chaotisch sei ?

Persönlich mache ich immer wieder die Erfahrung, dass es darauf ankommt, mit wem eine Frau spricht. In der nationalrelig. Szene stellt man sich alles so völlig emanzipiert vor, was nicht immer den Tatsachen entspricht. Ich erlebte schon viele solcher Paare, bei denen es konservativer zuging als in jeder haredischen (ultra - orthod.) Gesellschaft.

Zweites Beispiel: Die Haredim (Ultra - Orthod.).
Gerade ihnen wird immer vorgeworfen, ihre Frauen wie Putzlappen zu behandeln. Man schaue sich nur den Stundenplan der Mädchenschulen an. Was gebe es denn da schon groß zum lernen.

Das ist alles richtig und mit dem Lehrplan für Mädchen, selbst bei den Nationalrelig., stimme ich nicht unbedingt überein. Aber wie es so ist im Laufe der Jahrzehnte; Gesellschaften, egal welche, unterliegen veränderungen. So auch die ultra - orthod. bzw. orthod. Gesellschaft. In der regulären israel. sowie amerikanischen Gesellschaft taten sich innerhalb des letzten Jahrzehnts große Wandel auf. Die Frau lernt mehr und ist auch schon einmal Akademikerin. Insbesondere Amerikanerinnen, aber auch genügend Israelinnen. Im nationalrelig. Bereich mehr als anderswo. Doch die litvisch - haredischen Amerikanerinnen haben aufgeholt und viele sind heutzutage Anwältinnen, Psychologinnen und dergleichen. Auf israelischer Seite hapert es diesbezüglich, denn hier lernen weibliche Harediot fast ausschließlich auf den Beit Yaakov - Schulen, welche in Israel einem schwachem bildungsmäßigem Standard unterliegen.

Aber nicht nur die Bildung macht es aus. Auch auf die Beziehung des Ehepaares kommt es an und im Alltag sind Frauen stärker im Kommen. Keine noch so geschlossene Gesellschaft kann sich Erneuerungen verschliessen, selbst nicht bei extremen chassidischen Gruppen in Mea Shearim oder Bnei Brak. Und so sind derzeit Beauty - Salons ganz oben auf. Natürlich stehen sie nicht für jedermann ersichtlich in der haredischen Fußgängerzone und ggf. mit allem Schnickschnack im Fenster. Nein, in der Ultra - Orthodoxie geht man solche Verwöhnungen wie Pediküre, Manuküre oder Schminke behutsam an. Kein Aufheben machen, es sei denn, man führt seine Erneuerungen bei den Freundinnen zur Schau.

Mehr oder weniger immer zufällig fiel mein Blick auf kleine mit Gardinen verborgene Lädchen, die Schminke anbieten. Perückengeschäfte hingegen sind weitaus auffälliger, doch nicht jeder kann einfach so hineingehen und sich bedienen. Die Geschäfte in Bnei Brak wollen schon auf Nummer Sicher gehen, dass da niemand einkauft, der nicht unbedingt in die haredische Gesellschaft gehört.

Auch in den Beauty - Salons muß die Schminke so aufgetragen werden, dass die Frau hinterher nicht als geschminkt zu erkennen ist. Die Frauen selber haben sich daraus eine Mode gemacht und viele haredische Männer scheinen dies zu akzeptieren. Ausnahmen, wie einige Rabbis, bestätigen die Regel.

Es gibt haredische weibliche Mode, wobei die meisten Frauen natürlich ihren eigenen Stil entwickeln, da es an Modellvorbildern fehlt. Schmuck und Schminke, dies sind schon seit geraumer Zeit der Renner in der israel. haredischen Gesellschaft. Zaghaft, aber doch sichtbar.

Hoffentlich halten die kleinen Umschwünge an.

Freitag, Juli 11, 2008

Juden brauchen kein Medium

B"H

Die bekannten griechischen Philosophen Aristoteles sowie Plato machten sich ausführliche Gedanken über G – tt, das Schicksal der Welt oder die Erschaffung bzw. Existenz überhaupt. Platos Theorie war es, dass es einen sogenannten "dritten Mann" gebe müsse, der zwischen G – tt und Seiner Erschaffung, sprich den Menschen, eine Verbindung herstelle. G – tt allein könne nicht mit den Menschen direkt kommunizieren und umgekehrt. Die späteren jüdischen Philosophen Philo und Shlomo Ibn Gvirol nahmen Platos Theorie auf und führten sie weiter aus. Zum Beispiel betrachtete Ibn Gvirol den g – ttlichen Willen als eine Art "Medium" zwischen G – tt und den Menschen. Die Juden zur Zeit Philos und auch Ibn Gvirols erkannten diese Theorien jedoch nicht an. Genauso wenig übrigens wie heutzutage.

Warum ?
Eine der existentiellen Grundlagen des Judentums ist es, dass wir keinerlei Medium benötigen, um mit G – tt zu kommunizieren. G – tt und wir Menschen besitzen die Möglichkeit, direkt eine Verbindung miteinander einzugehen. Ohne Medium und ohne irgendeinen Hokuspokus dazwischen. Die christliche Welt jedoch pocht auf Medien / vermenschlichte Götter und stimmte den Theorien Philos und Ibn Gvirol eifrig zu. Wohlweislich, denn deren Konzepte unterstützen unbeabsichtigt christliche Glaubensphilosophien. Ganz im Gegensatz zum Judentum, denn dort sind wir gezwungen, unseren menschlichen Intellekt zu benutzen. Jeder von uns wurde erschaffen, um eine direkte Verbindung mit G – tt einzugehen, was wir anhand der Thoramitzwot in der Lage sind zu tun. In der Thora gab G – tt Seinen Willen preis und wir können diesem folgen oder auch nicht. Einer Zwischenstation hingegen bedürfen wir nicht. Und dieses ist gerade das Einzigartige und Grandiose am Judentum.

Allerdings führt uns die "Direktheit" auch zu der Erkenntnis, dass wir individuell sowie auch kollegial für unsere negativen Taten zur Verantwortung gezogen werden. Im Judentum ist nicht nur die Rede von der individuellen Bestrafung, sondern auch von der kollegialen, welche das gesamte jüdische Volk betrifft. Beispiel: Wir verhalten uns nicht gemäß der Thora und somit wird das Land Israel bestraft. Unsere Feinde triumphieren; jedenfalls solange, bis wir Jude uns eines Besseren besinnen.
Aber ein Medium oder überhaupt einen menschlichen G – tt ?
Um Himmels Willen, NEIN.

Nun kann man bei dieser ganzen Argumentation zwei Themen einwerfen.

1. Die Rolle des Zaddik (Gerechten) im Chassidismus.
Wird dem Zaddik nicht nachgesagt, er verfüge über spezielle Kräfte und vermittele oder baue eine Verbindung zwischen G – tt und seinen Chassidim auf ? Allein der Zaddik habe im Chassidismus die Macht, die Welt gen G – tt emporzuheben ?

2. Warum rennen viele Juden ständig zu den Gräbern großer jüdischer Gelehrter (Rambam, Rabbi Akivah, Rabbi Yitzchak Luria, etc.) sowie unserer Vorfahren (Avraham, Rachel und allen weiteren) ? Es vergeht kaum ein Tag, an dem in relig. israel. Kreisen nicht für die Fahrt zu irgendeinem der Gräber geworben wird.
Einmal kam ich zum Grabe des Rambam (Maimonides) in Tiberias am See Genezareth und was sah ich ? Besonders sephardische Juden stürzten sich auf die Grabplatte und begannen wie wild zu beten. Beten zum Rambam oder zu wem hier ? Den Rambam benutzen, um bei G – tt für uns einzutreten ?

Zu beiden Punkten hätte ich eine Menge zu sagen, doch ich fasse mich kurz.
Zuerst einmal stimme ich mit dem absoluten "Zaddik – Konzept" des Chassidismus nicht überein. Wir sind alle nur Menschen und jeder von uns hat folglich seine Stärken und Schwächen. Auch der Zaddik, der noch so Gerechte.
Des Weiteren gibt es auch im Chassidismus selber Streitpunkte um die Rolle des Zaddik. Rabbi Yaakov Yitzchak Horowitz (der Seher von Lublin), 1745 – 1815, sowie dessen Lehrer, Rabbi Elimelch von Lejansk, bauten die Rolle des Zaddiks meines Erachtens nach zu weit aus. Aber nicht nur meines Erachtens nach, denn der einstige Schüler des Sehers von Lublin, Rabbi Yaakov Yitzchak Rabinowicz von Przysucha (Jiddisch: Peschis'cha) ,1765 – 1814, lehnte sich seinerzeit gegen die für ihn überzogenen Zaddik – Theorien seines Lehrers auf und gründete sein eigenes Movement, das Peschis'cha – Movement aus dem so bekannte chassidische Gruppen hervorgehen wie Gur, Biale, Rimanov, Kosnitz oder Sassov. Nicht jeder also stimmt mit dem uneingeschränkten Zaddik – Prinzip überein. Und heutzutage stellt sich eh die reale Frage, welcher chassidische Rebbe denn überhaupt noch ein richtiger Zaddik ist. Jemand sagte mir, dass es heute eher lautet: "Der Rebbe ist nicht mehr unbedingt der Zaddik selbst, sondern der Nachfahre bzw. Sohn eines Zaddik".

Zum zweiten Punkt und der ewigen Fahrt zu den Gräbern der Zaddikim.
Es mag sein, dass am Grab der Vorväter, des Rambam oder eines anderen, kabbalistisch betrachtet eine stärkere Verbindung zu G – tt vorhanden sein mag. Obwohl dies im allgemeinen auch wieder vieler jüdischer Grundlagen widerspricht, die da lauten, dass G – tt überall und für jeden gleichermassen zugänglich ist, wenn der Mensch denn nur eine Verbindung sucht. Aber einmal angenommen, es gebe Orte, an denen dies verstärkt der Fall sei, wie, z.B., der Tempelberg in Jerusalem, wenn er denn in jüdischer Hand ist (aber auch ohne Tempel verlor der Platz niemals an seiner extremen Bedeutung und Verbindung zu G – tt).

Aber selbst wenn ich eines der bekannten Gräber besuche, bedeutet sie noch lange nicht, dass der Rambam alle meine Probleme und Nöte löst. Ich muß schon allein mit G – tt und mir selber klarkommen und benötige hierzu keinen Dritten.

Mittwoch, Juli 09, 2008

Das überflüssige Konkurrenzgehabe

B"H

Zur Einweihung der neuen Jerusalemer Brücke sahen wir es wieder einmal so richtig schön "live". Die Haredim (Ultra - Orthod.) protestierten schon im Vorfeld gegen die ihrer Meinung nach "unanständige" Kleidung der Tänzerinnen, welche an der Einweihungsshow mitwirken sollten. Nein, so könne keine Frau herumtanzen und da der haredische Bürgermeister Uri Lupolianski keinen Ärger mit seiner eigenen Riege (die ihn allerdings nicht als Haredi anerkennt) haben wollte, gab er rasch nach. Die Tänzerinnen der Einweihungsshow trugen Anstand.

Der haredische Protest hatte eines mit der neuen Brücke gemeinsam: Beides ist / war überflüssig.

Da hatte die antizionistische Dachorganisation "Edah HaCharedit" auf großen Postern (Fakshivilim) ihre eigene Mitgliederschaft vor einer Teilnahme an der Einweihungsgfeier gewarnt. Nicht wegen der gegebenen Unanständigkeit, sondern weil es eben eine zionistische Feier ist und ein anständiger Haredi sich nicht in solch sündenvolle Gesellschaft begibt. Wer weiß, auf welche Gedanken er da kommen kann.
Trotz der Edah - Ankündigungen erspähte ich viele Satmarer Chassidim und ein anderer Chassid gab mir seinen Kommentar, dass die Satmarer immer überall hinrennen, um rumzuschnüffeln und sich hinterher aufzuregen. Nur das Schlechte suchen sie, um später loszukeifen. Der Chassid regte sich gewaltig bei mir darüber auf.

Warum aber das ganze Anstandsgehabe um die Jerusalemer Brücke ? Was steckt dahinter ?

Ein fortwährender interner Konkurrenzkampf natürlich. Ein Kampf, den man als gänzlich Unbeteiligter kaum wahrnimmt.

Seit vielen Jahren wollen chassidische Gruppen in Bnei Brak (bei Tel Aviv) eindrucksvoll beweisen, dass sie viel ernsthafter bei der Sache sind als ihr Gegenpart Mea Shearim in Jerusalem. Mea Shearim hingegen will es Bnei Brak einmal so richtig zeigen, wer hier der Herr im Hause ist. Und somit zeigen beide Stadtteile soviel Protest wie nur möglich. Was sie dabei für einen Eindruck bei der säkuleren bzw. nationalrelig. Bevölkerungen erwecken, ist ihnen vollkommen egal. Je absurder die haredischen Forderungen, desto besser steht ein Rebbe da, wenn es den erwarteten Erfolg gibt. Die Stadtverwaltungen geben nach; nicht nur aufgrund von Konfliktvermeidungen, sondern hier geht es auch um die lokale Wirtschaft. Zeige sich die Stadtverwaltung stur, rufen die Haredim Boykotte aus und dann steht die heimische Wirtschaft dumm da.

Den meisten chassidischen Gruppe geht es heute weniger um die Inhalte des Baal Shem Tov als um den Machtausbau ihrer eigenen Position. Wer kennt denn heutzutage noch die wahren Inhalte der einstigen chassidischen Lehre ? Und wer redet überhaupt noch von G - tt ?

Für mich ist der Chassidismus die optimale Lebensform. Doch der wahre Chassidismus und kein egoistisches Machtgerangel.

Mittwoch, Dezember 05, 2007

Faszination "Gesellschaftsdruck"

B"H

Die soziologische Literatur macht sich zum Thema "Interne Gesellschaftsstrukturen der chassidischen Gruppen" rar. Jeder, der meint, etwas zu sagen zu haben, kennt die Chassidim nur aus anderweitiger Literatur oder hat einmal kurz mit ihnen gesprochen. Über die Chassidut Satmar gibt es sogar Bücher, in denen der Autor seinen Aufenthalt bei der chassidischen Gruppe beschrieb. Alles wunderbar, doch nicht das, was ich unbedingt suche. Interessante Studien bezüglich der internen chassidischen Gesellschaft gibt es bei einigen Psychologen der jüd. - amerik. Brandeis - University. Alles in allem aber bleiben soziologische Details eine Rarität.

Was macht die chassidische Gesellschaft aus und warum entschliessen sich Tausende Chassidim einem Rebben und einer bestimmten Ideologie zu folgen ?

Mit der Ideologie des Chassidismus habe ich keinerlei Probleme, denn ich selbst habe mich ihr angeschlossen. Aber unbedingt einem einzigen Rebben bzw. den Idealen einer einzigen chassidischen Gruppe zu folgen, liegt mir fern.

Die erste chassidische Gruppe, die mich massiv missionieren wollte, war, wie könnte es anders sein, Chabad (Lubawitsch). Nach einigen Stunden Unterricht bei Chabad fragte man mich natürlich, ob ich Mitglied werden wolle. Ich lehnte mehrere Male ab und man gab sich enttäuscht. Wie bei Chabad, lernte ich ebenso bei Breslov. Hier zwei Links zur Chassidut Breslov:

http://hamantaschen.blogspot.com/2007/02/chassidut-breslov-teil-1.html

http://hamantaschen.blogspot.com/2007/02/chassidut-breslov-teil-2.html,

Bei Breslov wollte mich jedoch keiner missionieren.
Einige Zeit verbrachte ich mehr oder weniger intensiv bei den extremen Satmarer Chassidim, aber dort beschränkte man sich darauf, mir klarzumachen, dass nur das haredische (ultra - orthod.) Leben das einzig Wahre sei.

Meine letzte intensive Missionsattacke bekam ich von der Chassidut Belz. Die Mission hält an, denn ich kenne einige Belzer, bin ihnen aber bisher immer elegant entwichen.
Nein, eine Gruppe ist nichts für mich und ein Leben nach den Regeln des Rebben ist undenkbar. Allerdings frage ich mich sehr intensiv, wie andere Menschen sich jenen Idealen anschliessen können. Zum einen sind dort die neu Hinzugekommenen, die andere Beweggründe haben als jene, welche in die Gruppe hineingeboren wurden.

Vor ein paar Monaten fragte ich einen Freund, der sich ebenso mit den Chassidim beschäftigt, warum die Chassidim ihrem Rebben folgen. Aus relig. Sichtweise heraus heißt es dazu, dass der Rebbe ein Zaddik (Gerechter) ist. Das Konzept des Zaddik ist im Chassidismus mehr als aktuell und besteht seit dem Baal Shem Tov. Richtig populär machte es jedoch erst der große Rabbiner, Rabbi Elimelech von Lejansk.

Der relig. Grund ist klar, aber wie kommen die Chassidim dazu, dem Rebben zu folgen ? Mein Freund gab den Denkanstoß, dass sich der Rebbe und seine Chassidim wie eine Symbiose verhalten. Sie brauchen ihn und er braucht sie. Ohne diese Tatsache gebe es schließlich die chassidische Gruppe nicht.

Aber ich möchte noch zwei weitere Beispiele für meine Theorien nennen.

In der Jerusalemer Fußgängerzone Ben Yehudah befindet sich ein Chabad - Center. Dort gibt es u.a. eine Suppenküche und Shiurim (Unterricht) werden auch angeboten. Einige junge Chabad - Chassidim leben in dem Center und um dies zu können, wird von ihnen erwartet, sich den Chabad - Regeln unterzuordnen. So gibt es für sie einen festen Stundenplan für den gesamten Tag. Wann wird aufgestanden, wann wird gebetet, wann gegessen und wann gelernt. Das Thema "Freizeit und Ausgehen" wird bei dem Zeitplan fast übersehen.

Zweites Beispiel ist die extreme chassidische Gruppe Toldot Aharon.

Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, haben alle Mitglieder der Toldot Aharon jedes Jahr im Dezember eine Vollversammlung. Dann gibt der Rebbe, in dem Fall Rabbi David Kahn, einen Vortrag und verliest genauso seine neuen Erlässe für die Gruppenmitglieder.

Toldot Aharon ist einzigartig, denn ALLE Mitglieder müssen die hauseigenen Gesetzte - die TAKANOT - erfüllen. In den Takanot ist zum Beispiel geregelt, wie man sich anzieht, die Kinder erzieht und auch mit wem man sich anfreunden darf. Wer die Frauen der Toldot Aharon trifft, der wird schnell feststellen, dass keine einzige Frau sich mit Frauen aus anderen Gesellschaften anfreundet. Toldot Aharon - Frauen sind IMMER unter sich. Sie reden mit ihren Mitmenschen, doch anfreunden tun sie sich nicht. Noch nicht einmal mit den Frauen von Satmar, wo doch ausgerechnet Satmar die Gruppe Toldot Aharon finanziell unterstützt. Toldot Aharon - Frauen bleiben unter sich. Punkt.

Vor knapp einer Woche fand in der großen Synagoge der Toldot Aharon in Mea Shearim eine weitere Vollversammlung statt. ALLE gebürtigen Mitglieder unterschreiben bei der Gelegenheit erneut die Takanot. Wer nicht unterschreiben will, der gehört automatisch nicht mehr zur Gruppe. Soweit mir bekannt ist, müssen Neuzugänge in die Gruppe nicht immer die internen Takanot unterschreiben, denn irgendwie kann man nicht die Einhaltung aller Regeln von ihnen verlangen wie von einem Mitglied, welches von Geburt an mit dabei ist.
Hinter diese Aussage setzte ich jedoch ein Fragezeichen, denn ich weiß um deren 100%ige Richtigkeit nicht.

Wie kommen Menschen dazu, sich diversen Regeln des Rebben bzw. der Gruppe zu unterwerfen ?

Im Prinzip tun wir alle nichts anderes, denn jeder paßt sich bestimmten Gesellschaftsstrukturen an. Allerdings ist mir im Fall von Toldot Aharon unerklärlich, wie man sich bereit erklären kann, auf Freundschaften außerhalb der Gruppe zu verzichten ?
Selbst wer nicht mit externen Ideen oder Menschen konfrontiert werden möchte, kann dennoch Freundschaften nach außerhalb pflegen. Mit gleichwertigen Religiösen, versteht sich.

Offiziell heißt es dazu, dass diese Regel aus den Takanot deshalb erlassen wurde, weil der Rebbe ein Auseinanderfallen der Gruppe vermeiden will. Doch soweit ich die weiblichen Mitglieder der Toldot Aharon und ihrer Splittergruppe Avraham Yitzchak kennen lernte, geben sich zwar viele Frauen moderner als zuvor, aber es denkt niemand daran, ernsthaft zu rebellieren geschweige denn der Gruppe den Rücken zu kehren. Warum also all die Vorsichtsmaßnahmen ? Ist es eine Diktatur ?

Das Wort "Diktatur" scheint wenig angebracht, denn jedes Mitglied hat die Freiheit zu entscheiden, etwas zu unterschreiben oder nicht. Warum also unterschreiben sie ? Weil sie es nicht anders kennen und halt so aufgewachsen sind ?
Hineingeboren zu sein heißt, seine Heimat zu haben. Und will man überhaupt auf die Takanot verzichten, denn schließlich sind diese ja der Inhalt der Toldot Aharon ?

Eine nichtrelig. Freudin sagte mir einmal, dass all diese Leute anscheinend nicht in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich deswegen einen Rebben suchen, der ihnen alles vorbestimmt. Dies Ansicht mag in vielen Fällen der Wahrheit entsprechen, doch wenn, dann eher bei den Neureligiösen.

Bei unserem letzten chassidischen Tisch am vergangenen Shabbat konnten eine andere Freundin und ich uns wieder von einem besonderen Verhalten der Frauen der Toldot Aharon sowie der Avraham Yitzchak - Gruppe überzeugen. Hier wird so richtig das alte vielleicht immer noch allzu aktuelle Vorurteil bestätigt: Frauen lieben Schmuck und sobald sie ihn haben, sind sie hin und weg.

Findet bei den beiden chassidischen Gruppen eine Hochzeit statt, dann ist die junge Braut absolut glücklich, wenn sie Dreierlei vom Bräutigam bekommt: eine neue Armbanduhr (vorzugsweise in Silber oder kupferfarben), neue glänzende Ohrringe sowie mindestens zwei glänzende Ringe. Aber nicht immer bedarf es einer Hochzeit; auch junge Teenie - Mädchen zeigen sich gerne gegenseitig ihre neuesten Schmuckerrungenschaften.

Gesellschaftszwang, Rebbes, Takanot…
Die chassidische Gesellschaft wird weiterbestehen und kaum ein Gruppenmitglied wird rebellieren. Sollte jemand nicht in diese Gesellschaftsform passen, dann kann er sich von ihr entfernen. Nicht immer ist das so einfach bzw. machbar, das gebe ich zu.

Aber vielleicht sehen die Mitglieder selbst die Takanot als keinen besonders gravierenden Eingriff in ihr Leben und falls ja, dann kann man ganz langsam und vorsichtig einen Umbruch von innen heraus wagen. Dazu bedarf es viel Zeit und Geduld und vor allem guter Freunde und viel Unterstützung innerhalb der Gruppe.
Seit geraumer Zeit schon versuchen die Frauen der Toldot Aharon einen Musikunterricht an ihren Schulen genehmigt zu bekommen. Bisher ohne Erfolg, doch ist es schon eine gewaltige Errungenschaft, dass sich überhaupt Frauen zusammentun, um diesen Vorschlag zu unterbreiten.

Vielleicht ist das interne Leben nach den Takanot oder anderen Regeln gar nicht so lebenseingreifend wie wir von außen denken.
Jedenfalls bleibt es ein faszinierendes Thema.

Sonntag, August 05, 2007

Soziologischer Aspekt ueber die Spaltung von chassidischen Gruppen

B"H

Bisher war ich immer der Meinung, dass es einer Tragoedie gleicht, wenn sich zwei oder mehrere Soehne eines chassidischen Rebbes ueber die Nachfolge ihres Vaters streiten. Ganz aktuelle Faelle bilden hier die Gruppen Satmar (New York), Bobov (New York) und Vishnitz (Bnei Brak).

Da ich ganz gut mit einigen Belzer Chassidim befreundet bin, fragte ich dort gleich einmal nach, denn Belz und Gur sind soweit von etwaigen Spaltungen ihrer Gruppen verschont geblieben. Bei Belz gab man mir die Auskunft, dass der derzeitige Belzer Rebbe eh nur einen einzigen Sohn hat und somit keine Spaltung oder ein etwaiger Streit in Frage kommt. Bei Gur wird die Nachfolge automatisch vom Vater festgelegt. Andere Gruppen, wie das beruehmte Beispiel Toldot Aharon zeigen, lassen den Nachfolger eines Rebben von ihren Mitgliedern waehlen, was fast nie ohne Streit ausgeht.

Fuer mich ist es faszinierend zu sehen, wie sich ploetzlich ehemalige Freunde und sogar Verwandte bekriegen, nur weil beide Parteien zwar einer chassidischen Gruppe angehoeren, aber dennoch zwei unterschiedlichen Rebben folgen. Was hat das fuer Auswirkungen und ist es wirklich solch eine grosse Tragoedie ?
Vor einigen Wochen sprach ich darueber bei Rabbi Mordechai Machlis und er gab zu bedenken, dass nicht selten die Spaltung einer chassidischen Gruppe in eine weitere sogar von Vorteil fuer die Chassidim sei. Wie das ?
Der Fall Toldot Aharon sowie Toldot Avraham Yitzchak hat es mir veranschaulicht.

Wie in jeder anderen Gesellschaftsform auch, gibt es ebenso unter Chassidim verschiedene Charaktaere. Der eine entwickelt seine eigene Persoenlichkeit und der andere laesst sich gerne fuehren und schaut zu einem Ideal auf. Der eine sucht Charisma, der andere Bescheidenheit.
Die genauen Gruende, welche zur Spaltung jener beiden Gruppe fuehrten, kenne ich noch nicht. Offiziell stritten sich die zwei Soehne des verstorbenen Rebbes um dessen Nachfolge. Die Mitglieder entschieden sich fuer den juengeren der beiden Brueder und der aeltere gruendete seine eigene Chassidut und zog nicht wenige Mitglieder mit sich in seine neue Dynasty.

Beide Brueder unterscheiden sich aeusserlich von ihren Charaktaeren her. Die Chassidim ihrerseits bevorzugen den einen oder den anderen Charakter und entschieden so ueber ihre Zukunft. Es ist nichts Nachteiliges daran zu sehen, dass bei Toldot Aharon grosse Bedeutung darauf gelegt wird, jegliche Arroganz zu vermeiden. Ich habe in meinem Leben noch nie so bescheidene Leute kennen gelernt, wie deren Mitglieder. Niemand haelt sich fuer besser als der andere. Ein Verhalten, welches auch in den Takanot (Gesetzen) der Gruppe festgelegt ist. Selbst der Rebbe und seine Frau fuehren ein aeusserst bescheidenes Leben.

Bei ihrer Abspaltung Toldot Avraham Yitzchak scheint dies etwas anders zu sein. Der Rebbe nimmt, allem Abschein nach, eine groessere Fuehrungsposition ein und wird auf eine andere Art und Weise verehrt. Nicht mehr als bei Toldot Aharon, doch gibt es gravierende Unterschiede. Nichts davon ist zu positiv oder negativ und jedes Gruppenmitglied, hat seine Entscheidung gefaellt. Anscheinend genau nach den Charaktaeren, die er fuer richtig oder besser gesagt fuer wichtig in seinem Leben haelt.

Toldot Aharon und Avraham Yitzchak sind an dieser Stelle reine Spekulation, dennoch veranschaulichen sie die Vorteile einer Spaltung.

Allgemein gesprochen bevorzugt die eine Seite einen strengen Rebben, die andere einen kameradschaftlichen usw. Was also, wenn ich mich in einer Gruppe befinde, in der ich das genaue Gegenteil von dem habe, was mir liegt ? Ist dann nicht eine Spaltung von Vorteil ? Ich finde ja.
Grosse Probleme kommen in dem Moment auf, in dem ein regelrechter Krieg zwischen beiden Parteien ausbricht und es sogar zu Gewalt kommt.

Die ersten Querelen gab es schon fruehzeitig im 18. Jahrhundert. Ein ganz beruehmter Fall stellt das Verhaeltnis des Seher von Lublin (Rabbi Yaakov Yitzchak Horowitz) und dessen ehemaligen Schueler, Rabbi Yaakov Yitzchak Rabinowicz von Przysucha (Peshis'cha) dar. Trotzdem die zwei einmal beste Freunde waren, wandte sich Rabbi Rabinowicz von seinem ehemaligen Lehrer aufgrund von Meinungsverschiedenheiten ab. Einer der Hauptgruende waren die unterschiedlichen Ansichten ueber die Rolle des Zaddiks (Gerechten) in der Chassidut.
Von beiden grossen Rabbis stammen heute die beruehmtesten chassidischen Gruppen ab. Vom Seher von Lublin kommen vor allem Satmar, Ropshitz und Belz und dem Pryzsucha – Movement folgen Gur, Alexander, Biale, Radomsk und viele andere.

Trotz vieler Spaltungen besteht der Chassidismus bis heute und wird dies auch in Zukunft tun. Zugegeben, es kann Tragoedien geben, doch muss man auch die positiven Seiten sehen. Manchmal ist ein Neubeginn alles andere als nur negativ zu bewerten.

Freitag, Mai 11, 2007

Zu wem gehoere ich ?

B"H

Als ich bei Chabad lernte und den Chabadnikkim mitteilte, dass ich zu einem Vortrag bei der Chassidut Breslov gehen will, meinten sie bei Chabad:
"Breslov, wozu das ? Bleib bei uns, denn wir sind die beste und intelligenteste Chassidut."

Als ich bei Breslov war und ihnen mitteilte, dass ich am naechsten Tag zu einem Vortrag bei Chabad gehe, meinten die Breslover zu mir:
"Chabad, wozu denn das ? Da geht man doch nicht hin. Bleib bei uns."

Am Sonntag passierte mir das Gleiche wieder. Ich erzaehlte einem Belzer Chassid, dass ich gerade ueber die Chassidut Toldot Aharon schreibe und zu ihnen gehe, um sie einiges zu fragen.
"Was Toldot Aharon ?, fragte der Belzer. Da geht man doch nicht hin. Wieso sehe ich dich nie bei Belz ? Wann kommst du ?"
Nun, ich habe persoenliche Verbindungen zu Belz und versprach ihm vorbeizuschauen.

Viele chassidische Gruppen versuchen andere Juden in ihre Gruppe zu kriegen oder zumindest in deren Synagogen. Was bei Weitem nicht heisst, dass ich absolutes Mitglied sein wuerde. Als nicht Belz geboren werde ich immer ein Aussenseiter bleiben. Aber immerhin soll ich in die Synagoge kommen und dann sehen wir weiter.

Meine chassidische Identitaet habe ich immer noch nicht gefunden. Chassidut - ja, Gruppe - kann mich nicht entscheiden. Ich mag vieles von jeder Gruppe und sehe mich nicht nur einem Rebben zugehoerig.
Ausserdem habe ich, was fuer die Chassidut ungewoehnlich ist, nicht das vollkommene Konzept, des Zaddik (eines Gerechten).

Vor allem Rabbi Nachman von Breslov und der grosse chassidische Rabbi Elimelech von Lizhensk betonten das Konzept des Zaddik. Juden muessen sich einem Gerechten anschliessen, der fuer sie bete. Da er ein Gerechter und Gelehrter sei, haetten seine Gebete eine groessere Auswirkung.
Rabbi Nachman von Breslov sagte ausserdem, dass theoretisch jeder das Potential zum Zaddik haette.

Mir mag es nicht ganz in den Kopf, dass ein Rebbe fuer mich betet. Nicht, dass ich es fuer unmoeglich halte, aber ich bin der Meinung, dass auch meine Gebete die ein oder andere Auswirkung haben koennte. Warum nicht ?

Jedenfalls hatte ich mit dem Belzer Chassid, der auch noch unser Koscher - Experte in der Baeckerei ist, eine sehr gute Diskussion und ich lernte einiges. Ja, ich werde in deren Synagoge kommen und zum Tisch des Rebben gehen.
Interessiert war er an meinen Blogs und ich hoffe, dass er das jetzt nicht unbedingt liest. "Wenn du ueber Belz schreibst, geben wir dir extra Berichte," so der Chassid.

Zum Schluss stellte er mir ausgerechnet die gleiche Frage, die mich andere Chassidim von unterschiedlichen Gruppen (ausser von Chabad) auch immer fragen. Die Frage erstaunt mich jedesmal wieder.
"Wann schreibst du ueber Satmar ?" so lautet die Frage.
Anscheinend ist die Chassidut Satmar fuer andere chassidische Gruppen so interessant. Ich frage mich warum. Vielleicht liegt es am Charisma des verstorbenen Satmarer Rebben Rabbi Yoel Teitelbaum und seiner Frau Feiga. Ich weiss es nicht.
Fuer mich ist Satmar nicht so aussergewoehnlich, denn ich habe in der Gruppe Freunde. Der Belzer war erstaunt das zu hoeren.
Jedenfalls soll ich ihm meinen zukuenftigen Satmar - Bericht in Englisch und Deutsch ausdrucken.

Chabadnikkim fragen mich nicht, denn die Chassidut Chabad und die Chassidut Satmar kann man nicht gerade als Freunde bezeichnen.