Donnerstag, Dezember 11, 2008

Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?

B"H

"Wie werde ich Mitglied einer chassidischen Gruppe ?"
Diese Frage stellte mir ein amerikanischer Leser meines englischen Blogs.

Besonders in der heutigen Zeit scheinen nicht wenigerelig. Juden eine Mitgliedschaft in einer chassidischen Gruppe in Erwägung zu ziehen. Hierfür hat sicher jeder seine privaten individuellen Gründe.

Die Frage an sich fand ich besonders interessant, denn diesen Schabbat bin ich bei einer Familie in Beit Shemesh eingeladen, die der chassidischen Gruppe "Toldot Avraham Yitzchak", einer Abspaltung der extremen Toldot Aharon, beigetreten ist. Gerne würde ich über die Familie mehr schreiben, will jedoch erst um Erlaubnis fragen. Die Aufnahme ging recht schnell und reibungslos, was wohl daran lag, dass besagte Familie vorher schon Mitglied einer anderen chassidischen Gruppe war. Also nicht mehr ganz neu und unerfahren auf dem Gebiet war.

Ich täte jedem, der solch einen Schritt wagen will, raten, sich vorher eingehend zu erkundigen. Nicht gleich auf die erste chassidische Gruppe losstürzen, sondern sich Zeit lassen und bei mehreren Gruppen umschauen. Mit den Mitgliedern reden, dem Rebben und unter den Frauen redet man mit der Rebbitzen (Frau eines chassidischen Rebben). Keinesfalls voreilige Entschlüsse treffen und vor allem bedenken, dass eine etwaige Mitgliedschaft in anderen Gruppen außer Breslov oder Chabad einen einschneidenden Schritt im Leben bedeutet. Plötzlich ist man nicht mehr das "freie" Individuum, sondern ist gezwungen, sich Gruppenregeln zu unterwerfen. Entscheidungen eines Rebben zu befolgen und es kann nicht so einfach gesagt werden, dass mir dies und das nicht passt. Anfangs wird man eh beäugt und man sollte schon die Kraft und den Willen haben, sich durchzubeissen.

Man sollte sich über Folgendes im Klaren sein:

1. Inwieweit kann ich mit ein - bzw. unterordnen ?

2. Welche Ideologie liegt mir ?

3. Wie geschlossen oder offen sollte die Gruppe sein ?

4. Will ich eine große, vielseits anonyme Gruppe wie, z.B. Gur, Satmar oder Belz, oder will ich den Rebben treffen und nahe bei ihm sei, wie bei den Avraham Yitzchak. Bei Belz hingegen stehen Tausende Chassidim an und nur wenige haben direkten Kontakt mit dem Rebben.

5. Wie wird sich mein Leben ändern und was sind meine Ziele ?

6. Als Single beizutreten setzt voraus, mich schnellstens nach einem Ehepartner umzuschauen.

7. Kann ich dem etwaigen Gesellschaftsdruck standhalten ?

8. Vielleicht erst einmal auf Probe chassidisch leben …

9. Vor einer Mitgliedschaft werden eh Probezeiten angesetzt.

10. Mit welchen Erwartungen komme ich ?


Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und sich zu informieren. Außerdem sollte man sich selber testen und wissen, wo die eigenen Schwächen liegen. Diese Einsichten sind besonders wichtig in Bezug auf den aufkommenden Gesellschaftsdruck sowie der Realität, dass eine chassidische Gruppe nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen bedeutet, sondern der Alltag oft hart ausschaut.



Ganz rechts: Der Rebbe der Toldot Avraham Yitzchak aus Mea Shearim - Rebbe Shmuel Yaakov Kahn.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Informativen Artikel.

    Wissen muss man auch:
    1) Kann ich als Chassid meinen Beruf noch ausüben? Was sind die Einschränkungen? Wovon werde ich leben?
    2) Welche Werte, die ich jetzt habe, werden von der Gruppe nicht geschätzt/nicht respektiert? (Z.B. Liebe zur Natur, Toleranz gegenüber Kranken und Behinderten, gegenüber anderen Rassen, Wert der einzelnen gegenüber Abstammung, Mitgift, Familie, "Sippenhaftung" etc-)

    3) Welche Privilegien geniesse ich als Gast, die ich als "Einheimischer" nicht hätte?

    4) Kann ich es meinen Kindern zumuten, in dieser Gruppe aufzuwachsen? Mit welchen Nachteilen müssten sie ggf. fertig werden? (z.B. ev. Diskriminierung von seiten der "Alteingessenen", mangelnde Allgemeinbildung, etc.)

    5) Falls single: Was ist falsch mit den Shidduchim, die man mir vorschlagen wird ? Warum haben sie in ihrer eigenen Gruppe niemanden gefunden?

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  2. B"h

    Ein grossartiger und sehr realistischer Zusatz.

    1. Einige Gruppen erlauben das Weiterarbeiten. Sogar den Job an einem Computer. Dies geschieht bei Gruppen wie den Avraham Yitzchak oder bei Ruzhin - Boyan.

    2. Geborene Chassidim haben oft ganz andere Werte, eben weil sie anders aufgewachsen sind.

    3. Bestimmt viele, denn als Besucher habe ich mich nicht unbedingt an alle Regen zu halten und habe die Freiheit auszuweichen.

    4. Kinder sind eine schwierige Sache und ich werde das Avraham Yitzchak Paar danach befragen, denn sie sind mit einigen Kindern zur Gruppe gestossen. Ich hoffe, dass ich einiges generell ueber sie veroeffentlichen kann und werde nachfragen.
    Bei ihnen war es u.a. so, dass der Mann einem Rebben nahe sein wollte und deswegen eine kleines Gruppe suchte. Die Frau hingegen war gluecklich in ihrer vorherigen Gruppe.

    5. Die super extremen Toldot Aharon haben ihre eigenen Schidduch - Regeln:
    Dort muss man der Braut riesige Summen zahlen und wer sich das nicht leisten kann, der bekommt halt einen "minderen" Schidduch. Falls ueberhaupt kein Geld da sein sollte, bekommt man halt einen sephardischen Juden, was die unterste Stufe ueberhaupt ist.

    Klar sein sollte, dass derjenige, der einen Newcomerin die Gruppe heiratet, definitiv einen Grund hat, warum ihn zuvor niemand anderes wollte.:-)))

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