Montag, Dezember 26, 2011

Anstandskrieg in Beit Shemesh

B”H 

”Unterschätze niemals Deine Leser”, so lautet ein Bloggermotto von mir. Dennoch gibt es Momente, da bin ich mir wirklich nicht sicher, ob ich in der Lage bin, den genauen Knackpunkt einer Situation in einem Artikel zum Leser zu bringen. Gerade beim Thema “Frauen im ultra – orthodoxen Judentum”. 

Warum ? 

Erstens, weil fast jeder in der Diaspora lebende Juden unterschiedliche Vorstellungen von ultra – orthodoxen Juden in Israel hat. Nichtjuden sind gar noch mehr verwirrt. Hinzu kommt, dass die Medien eine oft ziemlich bizarre Wirklichkeit wiedergeben. Noch dazu, wenn es sich um deutsche Medien handelt, welche absolut keine Ahnung vom Judentum haben und jeden Haredi grundsätzlich mit einem nationalreligiösen Siedler gleichsetzen. 

Trotzdem will ich das Thema in meinen deutschsprachigen Blogs nicht auslassen, sonst kommen deutsche Medien auf den Plan und ziehen die jüdische Religion wieder einmal durch den Schmutz. 

Zum Thema “Geschlechtertrennung in israelischen Busse” berichtete ich zu aktuellen Gegebenheiten bereits hier: 

Warum benutzte Tanya Rosenblit einen Mehadrin Bus ?

Die Wahrheit über Tanya Rosenblit

Nachdem sich die Lage wieder beruhigt hatte, kam es vor wenigen Tagen erneut zum Knall, denn einige Haredim hatten im relig. Teil der Stadt Beit Shemesh (ca. 15km westlich von Jerusalem) ein 8 – jähriges nationalreligiöses Mädchen namens Na’ama Margolis angegriffen. Heisst, beschimpft, denn das Mädchen sei nicht anständig genug gekleidet gewesen und ihr Verhalten habe zu wünschen übrig gelassen. Die israelische Presse sowie die Nationalreligiösen stürzten sich auf den Fall und seither wird “Klein Na’ama” ständig vor die Kamera gezerrt. Es ist geradezu in Mode gekommen, die gesamte haredische Gesellschaft anzuklagen und selbst auf Facebook laufen Groups gegen Haredim. 

Als Hintergrundinformation muss man jedoch einiges wissen: Der haredische Stadtteil sowie der nationalrelig. Stadtteil liegen in Beit Shemesh eng beieinander und sind lediglich durch eine Brücke getrennt. Seit Jahren gibt es Zoff zwischen beiden Gesellschaftsgruppen und ich selbst habe erlebt, wie Nationalrelig. die Haredim beschimpfen und herausfordern. 

Warum ? 
Zuerst einmal geht der Zwist auf das Verhalten des relig. – zionistischen MIZRACHI Movements im Holocaust zurück. Darüber werde ich noch berichten. 

Zweitens fühlen sich zahlreiche Nationalreligiöse mit eigenen Komplexen behaftet, wenn sie Haredim sehen. Eine Art Neid kommt auf, denn die Haredim sind wohl relig. als es die nationalrelig. Gesellschaft zustande bringt. Dann ist jeder Grund Recht, den Haredim eines auszuwischen, um sich selber erhabener zu fühlen. Beit Shemesh war schon immer ein Pulverfass und beide Gesellschaftsrichtungen liegen dort so richtig im Clinch.



Na'ama Margolis

Photo: Kikar Shabbat

In einem nachfolgenden Artikel werde ich ausführlich auf die Situation eingehen und hier nur eine kurze Zusammenfassung der aktuellen Ereignisse: 

Die Stadtverwaltung Beit Shemesh, Bürgermeister Moshe Abutbul und die lokale Polizei entschieden, dass von nun an ca. 400 Videokameras in den Straßen aufgehängt werden, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Auch an der nationalrelig. Schule “Orot Banot”, in die Na’ama Margolis geht.

Seit mehreren Jahren hängen eine handvoll Fanatiker, die im Sprachgebrauch “Sikarikim” genannt werden, Anstandsschilder auf. Geschlechtertrennungen auf den Gehsteigen oder, wie in diesem angesprochenen Fall, Frauen sollen sich nicht vor einem bestimmten Lehrhaus versammeln, sondern die gegenüberliegende Straßenseite benutzen. 

Gestern sandte die Stadtverwaltung Beit Shemesh Ordnungshüter aus, um die Schilder zu entfernen. Wohlgemerkt, die Schilder hingen bereits einige Jahre herum, doch die Mehrheit der Haredim hielt sich eh nie an die Anordnungen, denn die Sikarikim gelten als idiotische Fanatiker, mit denen niemand etwas zu tun haben will. Gestern kamen die Schilder und in der darauffolgenden Nacht wurden sie von zahlreichen Haredim wieder aufgehängt. 

Die Mehrheit der Haredim macht bei dem Krieg gar nicht mit, sondern sagt, dass lediglich ein paar Fanatiker ständig ausflippen und sich aufspielen wollen. Belästigt jedoch fühlen sie sich von den israelischen TV – Stationen, die seit Tagen durch Beit Shemesh kreuzen, um alles aufzunehmen, was vor die Linse kommt. Die Kameras wirken provozierend und nun begann ein Krieg zwischen der Presse und den Nationalreligiösen auf der einen, sowie den Haredim auf der anderen Seite. 

Mittlerweile traf sich eine Gruppe Haredim mit Na’ama Margolis, um sich für ein paar ausrastende Fanatiker zu entschuldigen. 

Fazit: Die haredische Gesellschaft ist, wie immer, gespalten und einige Fanatiker wollen unbedingt mehr macht ausüben. Allerdings geht dies alles auf Kosten der gesamten haredischen Gesellschaft. 

Hier ein paar aktuelle Photos von dem Lehrhaus (Beit Midrasch) der chassidischen Gruppe Toldot Avraham Yitzchak und einem Anstandsschild vor dem Gebäude. Das Schild fordert Frauen auf, die gegenüberliegende Straßenseite zu benutzen.







Die Beit Midrash der Chassidut Toldot Avraham Yitzchak in Beit Shemesh



Das Anstandsschild vor der Beit Midrash.

Ehrlich gesagt überraschte es mich, dass das Schild ausgerechnet dort angebracht ist. Unzählige Male berichtete ich über die Toldot Avraham Yitzchak und habe Freunde, die dort Mitglied sind. War es nun die Gruppe, die das Schild anbrachte oder doch die Sikarikim ?



Alle Photos gibt es HIER !

Kommentare:

  1. Antworten
    1. B"H

      Hallo Serdar,

      ich bin absolut gegen diese Taliban - Frauen, die da meinen, das Judentum so toll original auszulegen und sich dabei selbst erhoehen. Andererseits koennen sie machen, was sie wollen, denn sie tun ja keinem weh und bleiben unter sich.

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  2. Miriam ich habe in meinem Blogbeitrag "Orthodoxe ganz un-orthodox!" https://serdargunes.wordpress.com/2012/01/25/orthodoxe-mal-ganz-un-orthodox/

    auf deinen Beitrag verwiesen.

    In Deutschland wird gerne ähnlich über fromme Muslime berichtet. Intressant wie sehr sich das ähnelt.

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  3. B"H

    Ich denke, dass die Toleranz in Deutschland bei allem etwas nachlaesst, was etwas ausserhalb der gesellschaftlichen Norm steht. Wobei ich es ziemlich rechthaberisch finde, wenn dt. Zeitungen sich ueber das orthodoxe Judentum auslassen und dann immer alles besser wissen wollen.

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