Freitag, Juli 11, 2008

Juden brauchen kein Medium

B"H

Die bekannten griechischen Philosophen Aristoteles sowie Plato machten sich ausführliche Gedanken über G – tt, das Schicksal der Welt oder die Erschaffung bzw. Existenz überhaupt. Platos Theorie war es, dass es einen sogenannten "dritten Mann" gebe müsse, der zwischen G – tt und Seiner Erschaffung, sprich den Menschen, eine Verbindung herstelle. G – tt allein könne nicht mit den Menschen direkt kommunizieren und umgekehrt. Die späteren jüdischen Philosophen Philo und Shlomo Ibn Gvirol nahmen Platos Theorie auf und führten sie weiter aus. Zum Beispiel betrachtete Ibn Gvirol den g – ttlichen Willen als eine Art "Medium" zwischen G – tt und den Menschen. Die Juden zur Zeit Philos und auch Ibn Gvirols erkannten diese Theorien jedoch nicht an. Genauso wenig übrigens wie heutzutage.

Warum ?
Eine der existentiellen Grundlagen des Judentums ist es, dass wir keinerlei Medium benötigen, um mit G – tt zu kommunizieren. G – tt und wir Menschen besitzen die Möglichkeit, direkt eine Verbindung miteinander einzugehen. Ohne Medium und ohne irgendeinen Hokuspokus dazwischen. Die christliche Welt jedoch pocht auf Medien / vermenschlichte Götter und stimmte den Theorien Philos und Ibn Gvirol eifrig zu. Wohlweislich, denn deren Konzepte unterstützen unbeabsichtigt christliche Glaubensphilosophien. Ganz im Gegensatz zum Judentum, denn dort sind wir gezwungen, unseren menschlichen Intellekt zu benutzen. Jeder von uns wurde erschaffen, um eine direkte Verbindung mit G – tt einzugehen, was wir anhand der Thoramitzwot in der Lage sind zu tun. In der Thora gab G – tt Seinen Willen preis und wir können diesem folgen oder auch nicht. Einer Zwischenstation hingegen bedürfen wir nicht. Und dieses ist gerade das Einzigartige und Grandiose am Judentum.

Allerdings führt uns die "Direktheit" auch zu der Erkenntnis, dass wir individuell sowie auch kollegial für unsere negativen Taten zur Verantwortung gezogen werden. Im Judentum ist nicht nur die Rede von der individuellen Bestrafung, sondern auch von der kollegialen, welche das gesamte jüdische Volk betrifft. Beispiel: Wir verhalten uns nicht gemäß der Thora und somit wird das Land Israel bestraft. Unsere Feinde triumphieren; jedenfalls solange, bis wir Jude uns eines Besseren besinnen.
Aber ein Medium oder überhaupt einen menschlichen G – tt ?
Um Himmels Willen, NEIN.

Nun kann man bei dieser ganzen Argumentation zwei Themen einwerfen.

1. Die Rolle des Zaddik (Gerechten) im Chassidismus.
Wird dem Zaddik nicht nachgesagt, er verfüge über spezielle Kräfte und vermittele oder baue eine Verbindung zwischen G – tt und seinen Chassidim auf ? Allein der Zaddik habe im Chassidismus die Macht, die Welt gen G – tt emporzuheben ?

2. Warum rennen viele Juden ständig zu den Gräbern großer jüdischer Gelehrter (Rambam, Rabbi Akivah, Rabbi Yitzchak Luria, etc.) sowie unserer Vorfahren (Avraham, Rachel und allen weiteren) ? Es vergeht kaum ein Tag, an dem in relig. israel. Kreisen nicht für die Fahrt zu irgendeinem der Gräber geworben wird.
Einmal kam ich zum Grabe des Rambam (Maimonides) in Tiberias am See Genezareth und was sah ich ? Besonders sephardische Juden stürzten sich auf die Grabplatte und begannen wie wild zu beten. Beten zum Rambam oder zu wem hier ? Den Rambam benutzen, um bei G – tt für uns einzutreten ?

Zu beiden Punkten hätte ich eine Menge zu sagen, doch ich fasse mich kurz.
Zuerst einmal stimme ich mit dem absoluten "Zaddik – Konzept" des Chassidismus nicht überein. Wir sind alle nur Menschen und jeder von uns hat folglich seine Stärken und Schwächen. Auch der Zaddik, der noch so Gerechte.
Des Weiteren gibt es auch im Chassidismus selber Streitpunkte um die Rolle des Zaddik. Rabbi Yaakov Yitzchak Horowitz (der Seher von Lublin), 1745 – 1815, sowie dessen Lehrer, Rabbi Elimelch von Lejansk, bauten die Rolle des Zaddiks meines Erachtens nach zu weit aus. Aber nicht nur meines Erachtens nach, denn der einstige Schüler des Sehers von Lublin, Rabbi Yaakov Yitzchak Rabinowicz von Przysucha (Jiddisch: Peschis'cha) ,1765 – 1814, lehnte sich seinerzeit gegen die für ihn überzogenen Zaddik – Theorien seines Lehrers auf und gründete sein eigenes Movement, das Peschis'cha – Movement aus dem so bekannte chassidische Gruppen hervorgehen wie Gur, Biale, Rimanov, Kosnitz oder Sassov. Nicht jeder also stimmt mit dem uneingeschränkten Zaddik – Prinzip überein. Und heutzutage stellt sich eh die reale Frage, welcher chassidische Rebbe denn überhaupt noch ein richtiger Zaddik ist. Jemand sagte mir, dass es heute eher lautet: "Der Rebbe ist nicht mehr unbedingt der Zaddik selbst, sondern der Nachfahre bzw. Sohn eines Zaddik".

Zum zweiten Punkt und der ewigen Fahrt zu den Gräbern der Zaddikim.
Es mag sein, dass am Grab der Vorväter, des Rambam oder eines anderen, kabbalistisch betrachtet eine stärkere Verbindung zu G – tt vorhanden sein mag. Obwohl dies im allgemeinen auch wieder vieler jüdischer Grundlagen widerspricht, die da lauten, dass G – tt überall und für jeden gleichermassen zugänglich ist, wenn der Mensch denn nur eine Verbindung sucht. Aber einmal angenommen, es gebe Orte, an denen dies verstärkt der Fall sei, wie, z.B., der Tempelberg in Jerusalem, wenn er denn in jüdischer Hand ist (aber auch ohne Tempel verlor der Platz niemals an seiner extremen Bedeutung und Verbindung zu G – tt).

Aber selbst wenn ich eines der bekannten Gräber besuche, bedeutet sie noch lange nicht, dass der Rambam alle meine Probleme und Nöte löst. Ich muß schon allein mit G – tt und mir selber klarkommen und benötige hierzu keinen Dritten.

1 Kommentar:

  1. "Eine der existentiellen Grundlagen des Judentums ist es, dass wir keinerlei Medium benötigen, um mit G – tt zu kommunizieren."

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    Nun, nicht nur des Judentums...

    Die (gedankliche) Erfindung dieses "Mediums" bedarf es, wenn der menschliche Geist (=Ego) sich irgendeine Bedeutung anmaßen muss, um sich nicht der Un-Besonderheit seiner eigenen Existenz (zumindest westlicher Prägung) stellen zu müssen.

    So gesehen ist dies nicht nur die Grundlage des Judentums, sondern des gesamten existierenden Universums.


    Liebe Grüße
    S. A. Köhler / Leipzig

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