Mittwoch, Oktober 15, 2008

Die Anstandsbrücke

B"H

Nachdem ich zum vergangenen Sukkot einen Artikel mit dem Titel "Die Anstandsstraße" verfasste, lautet der diesjährige Bericht "Die Anstandsbrücke".

Der Jerusalemer ultra - orthodoxe Stadtteil Mea Shearim unterliegt einmal wieder mehr extremen Veränderungen und seit gestern ist sie nun in Betrieb, die Anstandsbrücke.

Nicht, das Mea Shearim nur der einzige haredische Stadtteil wäre; er ist vielleicht der Bekannteste, aber dennoch nur einer von vielen neben Ramat Shlomo, Sanhedria, Kiryat Belz, Kiryat Zanz, Kiryat Mattersdorf, Romema, Ge'ulah, Bucharin, Makor Baruch, Bait Vagan, etc. Aber gerade in Mea Shearim steigen die meisten relig. Sukkotevents neben jenen in der Altstadt. Chassidim wissen ausgiebig zu feiern und niemand kommt da mit; weder Nationalrelig. noch die litvischen Haredim. Im Gegenteil, gerade die Litvischen besiedeln Mea Shearim und tanzen wie wild mit den Chassidim.

An den Zwischenfeiertagen des Sukkot (Laubhüttenfestes) sind die Hauptstraße Mea Shearims sowie dessen lokaler Markt mit den Synagogen der Neturei Karta und Avraham Yitzchak in der Mitte durch eine Absperrung samt Plastikplane getrennt. Aus Anstandsgründen, sodass sich Männlein und Weiblein nicht zu nahe kommen. Eine Gasse für verheiratete Paare gibt es ebenso, doch war gestern abend alles dermassen schlecht ausgeschildert, dass mir nie recht klar war, wo jetzt die Verheirateten entlangspazieren.

An den Zugängen der Mea Shearim Street stehen extra private Wachposten sowie einige Chassidim der extremen chassidischen Gruppe Toldot Aharon. Mit Megaphonen ausgerüstet rufen sie dazu auf, den Geschlechteranstand einzuhalten. Zuvor gab es aufgrund eines Posters an den Hauswänden des Stadtteiles Aufsehen, dass dieses Mal offensichtlich keine auswärtigen Besucher zugelassen werden. Dieses erwies sich zumindest gestern als viel zu übertrieben ist und ich machte die Erfahrung, dass jeder anständig angezogene Jude sehr wohl Zutritt hatte.

In einigen Synagogen herrscht nochmals eine extra interne Kontrolle, die vor ungebetenen Besuchern schützen soll.
Nichtjuden sind unerwünscht und das vor allem aus Missionsgründen. Aber überhaupt hat Mea Shearim keine Lust mehr auf fanatische Christen, die da meinen, in den Straßen für eine Judenbekehrung beten zu müssen. Bei solch einem Schauspiel wurde ich einmal unfreiwillig Zeuge und wer soetwas sieht, der rennt vor dieser Art Christen auf und davon. Das war einfach nur noch widerlich.

Gestern abend fuhr ein Bus mit den derzeit anwesenden Christen durch Mea Shearim und diese fingen hinter ihren Fenstern umgehend begeistert an zu lächeln und zu winken. Dem ehemaligen aschkenazischen Oberrabbiner Israel Lau fiel sogar eine Tussi vor wenigen Jahren einmal um den Hals. Er sei ein "Mann G - ttes" - so gab sie ekstasisch von sich. Was man sich hier alles von solchen Leuten bieten lassen muß ist unbeschreiblich. Gut, dass sie nur im Bus passierten und nicht ausstiegen, sonst hätte man sie geschmissen.

Trotz Regenbeginn war die Atmosphäre in Mea Shearim kaum zu übertreffen. Tausende auswärtiger sowie lokaler Besucher gaben sich die Synagogenklinken in die Hand. Mit einer Freundin ging ich zu dem begehrtesten chassidischen Tisch Mea Shearims, den Toldot Aharon. Dort war alles restlos überfüllt, aber als erfahrene Tischbesucher wissen wir über die Metallgestelle zu klettern und so ergatterten wir einige gute Plätze. Zu lauter chassidischer Musik, gespielt von der hauseigenen Band, tanzten die Chassidim im Erdgeschoß. Im Korridor, dem Zugang zur Frauenempore, hing ein Schild in hebräischer und englischer Sprache aus:
"Frauen mit Perücken haben keinerlei Zutritt, wenn sie ihre Perücke nicht wenigstens mit einem Tichel bedecken !"

Die Toldot Aharon als Gruppe lehnen die allgemein übliche Kopfbedeckung der Frau, die Perücke, grundsätzlich ab. In der Vergangenheit wurden sogar einige Mea Shearimer Perückengeschäfte abgefackelt. Das Schild jedoch überraschte mich dennoch, obwohl, die Satmarer Frauen dürften weniger Probleme haben, denn am Schabbat sowie den Feiertagen tragen sie immer ein Tichel (ein kleines weisses Tuch) auf ihrer Perücke. Das ist so Tradition und auch die Chassidut Dushinsky steht dem nicht nach.

Wie gesagt sind einige Straßen nach Geschlechtern getrennt. Auch in Bnei Brak und Ramat Beit Shemesh ist dies der Fall. Vor der großen Breslover Synagoge in der Mea Shearim Street aber steht die größte Attraktion überhaupt: Eine Holzbrücke trennt Männlein und Weiblein an einer Straßenkreuzung.

Wer in die Breslover Synagoge sowie in den lokalen Mea Shearim Markt zu den Toldot Avraham Yitzchak will, der gehe als Mann über die Brücke und als Frau unter der Brücke hindurch. Ein Unternehmen, was sich jedoch als vollkommen überflüssig erweist, denn am Brückenende stoßen die Geschlechter eh wieder aufeinander. Als ich das Wachpersonal befragte, wo ich denn jetzt langgehen soll, kam nur ein Schulterzucken. Ja, das wisse man jetzt auch nicht und hier passieren, sei schon okay. Oder etwa doch nicht ?
Wer steigt da noch durch ?

Irgendwie landeten wir doch noch im Markt bei den Avraham Yitzchak, die gerade beim Soundcheck waren. Heute abend gehe ich erneut und diesesmal zu Karlin - Stolin, Dushinsky sowie den Boyanern. Photos werde ich, wenn alles gutgeht, auch noch in den Blog stellen.

Tagsüber läuft sehr viel in der Jüdischen Altstadt und wer als Nichtjude alles geniessen will, der hat dort und in der Neustadt vor dem Rathaus am Safra Square Chancen. Außerdem gibt Chabad am morgigen Donnerstag abend ein riesen Konzert im Cardo vor der Zemach Zedek Synagoge.

Kommentare:

  1. "Nichtjuden sind unerwünscht"

    Wie kontrolliert man denn, ob jemand ein Nichtjude ist oder nicht, wenn er durch seine Kleidung nicht schon auffällt?
    Mich würde die sicher auch nie als Jüdin anerkennen.

    Gruß
    Yael

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  2. B"H

    Es gibt da recht viele Mittel und Wege. Oberflaechlich betrachtet kann man diverse Kleinigkeiten schon am verhalten entdecken.

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  3. B"H

    Und wer war nun fuer die STrassenteilung nach Geschlchtern samt Anstandsbruecke verantwortlich ???

    Die Toldot Aharon sowie die Mishkenot HaRoim !!!

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  4. Dürfen Nichtjuden grundsätzlich keine chassidischen Synagogen betreten, oder wird das nur in Mea Shearim so gehandhabt?

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  5. B"H

    Aus persoenlicher Erfahrung vermag ich zu sagen:

    Bei fast all meinen Besuchen chassidischer Synagoge, egal wo und bei welcher Gruppen, wurde ich auf die ein oder andere Weise zu irgendeinem Zeitpunkt angesprochen.
    Nicht unbedigt direkt, wie ich heisse und woher ich komme, sondern mehr durch die Blume. Heisst, Fragen zum Judentum. So fand jeder schnell die Identitaet des anderen heraus.

    Grundsaetzlich beschraenken sich chassidische Gruppen entweder auf die eigene Gesellschaft oder auf andere Juden, nicht jedoch auf Nichtjuden. Du findest des gleiche Schema ebenso bei Chabad in Deuschland oder anderswo.

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