Dienstag, April 21, 2009

Haredim und der Holocausttag

B"H

Haredische (ultra - orthodoxe) Foren reagieren bei diversen Themen sekundenschnell. Schon wenige Minuten nach dem zweiminütigen Sirenenton zum nationalen Holocaustgedenktag "Yom HaShoah" kam die Mitteilung eines Forenteilnehmers, dass die säkulere Presse wieder einmal im haredischen Stadtteil Ge'ulah (in Jerusalem) eingefallen sei, um mit Kameras auf der Lauer zu liegen. Wer von den Haredim steht beim Sirenenton und wer nicht ? Etwas später laufen dann im nationalen TV wieder Berichte von "den" Haredim, die da alles ignorieren. Selbst das Gedenken an den Holocaust.

Die gleiche Diskussion findet in Israel seit Jahren statt: Warum bleiben so viele Haredim beim Sirenenton nicht stehen und gedenken der Opfer ? Warum gehen sie einfach weiter als sei nichts geschehen ? Alle anderen (außer Palästinenser, die sich dazu oft noch beim Klang der Sirenen lustig machen) bleiben auf der Stelle stehen. Muss jeder von uns, der Bürger des Staates Israel ist, automatisch sämtliche Verhaltensmuster und Verordnungen einhalten ?

Vor Jahren habe auch ich mich geärgert, wenn einige der Haredim den Sirenenton ignorierten, doch später lernte ich die genauen Gründe kennen. Ich wünschte nur, dass auch andere Leute sich mit dem Thema auseinandersetzen, um so mehr Einblicke zu gewinnen als stur die stereotypen säkuleren Pressemitteilungen zu studieren.

Nebenbei erwähnt sei, dass es Haredim gibt, die sich beim Sirenenton hinstellen und nicht alle von ihnen gehen anscheinend stur ihrer Wege. Und nicht jeder ist Antizionist oder Mitglied der Neturei Karta; dennoch, in einigen Kreisen wird das vom Staat festgelegte Datum des Yom HaShoah nicht akzeptiert. Immer wieder kommt in der allgemeinen Gesellschaft die Frage auf, ob sich nicht eher der Tisha Be'Av (9. Des jüdischen Monat Av / ca. Juli - August) besser eignet. Gerade der 9. Av symbolisiert den Leidensweg des jüdischen Volkes, denn an dem Tag wurden beide Tempel zerstört, Pogrome ausgerufen und der Erste Weltkrieg begann. War der Krieg die Einleitung der Shoah überhaupt ?

Es mag sich naiv anhören, doch mein Kompromiss wäre, dass sich Haredim, die sich in dem Moment der Sirene in nicht - haredischen Stadtvierteln aufhalten, hinstellen und nicht einfach weiterlaufen, wenn der Sirenenton beginnt. Im weitgehend haredischen Bnei Brak, im haredischen Beitar oder in Mea Shearim hingegen kann jeder machen was er will.

Einmal sagte mir eine chassidische Frau, welche der Gruppe um den Chatam Sofer angehört, dass, sobald die Sirenen zu vernehmen seien, sie sich hinsetze und Psalmen zur Ehre der Opfer lese. "Und was machen all die Leute die stehen ?" fragte sie mich.

8 Kommentare:

  1. Esther5:57 PM

    Juden sagen Kadish fuer die ermordeten. 2 minuten stilstehen ist eine tradition von goyim.

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  2. B"H

    Ich finde ein nationales israelisches Gedenken fuer angebracht, nur sollte es vielleicht eher am Tisha Be'Av stattfinden.
    Jeder hat seine eigene Art und Weise mit dem Geschehenen umzugehen und wer Kaddisch oder Psalmen sagen will, der soll das tun. Immerhin aber gibt es genauso Haredim, die zum Sirenenton stehen und die Nationalrelig. tun dies sowieso.

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  3. Die Shoa war ein singulären Ereignis und dafür sollte es auch einen eigenen Gedenktag geben. An Tisha BeAv gedenkt man - wie Du geschreiben hast - ja auch anderen Ereignissen. Das Gedenken an die Shoa würde somit in den Hintergrund treten.

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  4. B"H

    Die Shoah war nur ein kleiner Teil riesiger Pogrome an Juden. Im Mittelalter kamen Tausende von Juden um und von den Kreuzrittern ganz zu schweigen. Zwar wird die Shoah immer hervorgehoben, dennoch sollte man nicht vergessen, dass es unzaehlige weitere Massenmorde gab. Vielleicht nicht unbedingt mit sovielen Opfer und dermassen organisiert, dennoch steht der Holocaust nicht allein.

    Und wer am Tisha Be'Av die traditionellen Kinot betet, der wird sich weitere Massenmorde bewusst, denn der Inhalt der Gebete zeugt davon.

    Tisha Be'Av waere demnach eine gute Loesung alle Katastrophen des jued. Volkes auf einem Tag zusammenzufassen.

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  5. Diese Gedanken hätte man sich vielleicht vor der Schaffung eines eigenen Gedenktages machen können, aber jetzt den Shoah-Gedenktag abzuschaffen käme doch einer Demütigung der Überlebenden gleich.

    Damit wären wir auch bei einem entscheidenen Unterschied zwischen der Shoah und anderen historischen Katastrophen. Während Ereignisse wie z.B. die Zerstörung des Tempels oder die Kreuzzüge in ferner Vergangenheit stattfanden, sind die Überlebenden der Shoah bzw. die zweite Generation noch unter uns. Vielleicht kann man in 50 oder 100 Jahren über eine Zusammenlegung der Gedenktage diskutieren, heute halte ich es für unangebracht und außerdem auch gar nicht nötig. Was ist schließlich so schlimm an einem Gedenktag und zwei Minuten Stillstehen?

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  6. B"H

    @Gernot

    Es ware ja keine Abschaffung des Holocausttages, sondern eine Verlegung. Und zwar eine Verlegung auf ein Datum, welches schon seit Moshe ein schwarzes Datum fuer das jued. Volk darstellt.
    Ich erinnere nur daran, dass es an dem Tag war als die Spione zurueckkamen und den Israeliten saemtliches Negative ueber Israel (ihre zukuenftige Heimat) berichteten. Daraufhin brachen viele der Zuhoerer in Jammern und Klagen aus.
    Nicht, dass die Spione Falsches berichteten, sondern vielmehr uebertrieben sie das Gesehene und vertrauten nicht auf die Macht G - ttes.
    G - tt "sagte" daraufhin: "Ihr jammert und klagt um Nichts. Ich will Euch zeigen, welche Gruende zum Klagen dieser Tag in Zukunft fuer Euch bereithaelt.
    Tisha Be'Av waere, der Religion zufolge, der perfekte Erinnerungstag und ein allgemeiner Trauertag ist er sowieso schon. Allein aufgrund beider Tempelzerstoerungen.
    Zu Zeiten des Meschiach jedoch wird der 9. Av in einen heiteren Feiertag umgewandelt, denn der Dritte Tempel wird dann stehen.

    Soweit ein kurzer Ausflug in die Religion.

    Natuerlich gibt es in Israel noch unzaehlige Ueberlebende, aber seitdem die Diskussion um eine Verlegung entstand, hoerte ich noch kein einziges Wort des Protestes seitens der Ueberlebenden.

    Zum Stehen waehrend der Sirene:
    Das jetzige Datum des Yom HaShoah leitet sich vom Aufstand im Warschauer Ghetto ab und wurde vom neugegruendeten Staat Israel festgelegt. Da viele Haredim diesen Staat nicht anerkennen, lesen die alles vom Staat festgelegte ab.
    Nicht alle, aber manche.

    Zweitens ist die haredische Art der Trauer kein grosses Brimborium mit Sirene, sondern es findet daheim in aller Stille statt. Mit Psalmen und Gebet.
    Nicht, dass es die haredische Gesellschaft nichts angeht, doch sind es gerade sie, die Hunderttausende eben aus ihrer gesellschaft im Holocaust verloren.

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  7. Ich befand mich Erev HaShoa in MeaShearim und konnte nur schwerlich die Sirene hoeren. Viele Haredim blieben stehen

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  8. B"H

    Ich befand mich in der Nationalbibliothek und dort standen alle anwesenden Haredim auf !

    Ein Chassid jedoch sagte mir, dass er daheim sitze und bete, wenn die Sirenen ertoenen. Nur in der Oeffentlichkeit stelle er sich hin.

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