Dienstag, Dezember 02, 2008

"Goral HaGra"



B"H


HALACHA:

Die Halacha verbietet Obduktionen und wenn diese tatsächlich aus rechtlich klärenden Gründen ausgeführt werden müssen, beginnt eine immense relig. Bürokratiewelle ihre Bahnen zu ziehen. Wie anders soll man sonst auch Todesfolgen bestimmen oder zum Beispiel Leichen anhand des DNA identifizieren ?

Bezüglich einer Opferidentifizierung besitzt ausgerechnet das Judentum eine vielleicht etwas mysteriös klingende Lösung, die "Goral HaGra – Das Schicksal des Gra" genannt wird. Der GRA steht an dieser Stelle für den Vilna Gaon (Rabbi Eliyahu ben Shlomo Zalman, 1720 – 1797). Bevor ich aber zum eigentlichen Thema, nämlich dem "Goral HaGra" komme, sollte zuerst die Problematik erläutert werden.

Genetische Tests und deren entsprechende halachische Gültigkeit sind zum Streitpunkt zahlreicher medizinischer Diskussionen geworden. Genetische Tests werden insbesondere zur Personenidentifizierung angewandt bei:

- Zweifel an der Vaterschaft,

- vor Beerdigungen, wenn die Leiche optisch nicht identifizierbar ist,

- bei Erbschaftsfragen

- eine Frau, die sich wiederverheiraten will und der tote Ehemann nicht anders zu identifizieren ist. Sie kann sich erst dann neu verheiraten, wenn die Leiche des vorherigen Gatten einwandfrei identifiziert worden ist.

Die bisherige halachische Regelung besagt, dass wir bezüglich der Identifizierung talmudische Vorschriften anwenden und keine genetischen Tests durchführen. Rabbi Chaim Pinchas Scheinberg, zum Beispiel, lehnt genetische Tests im Falle der erneut heiratswilligen Frau sowie die Verwendung der Testergebnisse in Erbschaftsfragen vollkommen ab. Es existiere kein halachisches Fundament genetische Tests auszuführen.

Einer der spektakulärsten Fälle, in denen die talmudische Methode der Personenidentifizierung Anwendung fand, geschah zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges im Jahre 1948. Eine Gruppe bestehend aus 35 Soldaten wurde zum Schutze von Siedlungen in Gush Etzion (Gegend nahe Jerusalems) entsandt und dabei kam die Gruppe auf tragische Weise ums Leben. Nach Ende des Krieges wurden die Leichen entdeckt, konnten jedoch nicht mehr einwandfrei identifiziert werden. Anhand des mysteriösen "Goral HaGra" identifizierte der damalige bekannte Jerusalemer Rabbiner Aryeh Levin die Leichen, welche danach beerdigt werden konnten. Beim "Goral HaGra" geht es darum, durch ein etwas kompliziertes Verfahren einen bestimmten Thoraparagraphen herauszufinden, welcher die Identität einer unkenntlichen Leiche festlege. Rabbi Scheinberg betrachtet genetische Tests als erlaubt, wenn eine Erforderlichkeit zur Identitätsbestimmung aufgrund einer Leichenbestattung besteht. Insgesamt jedoch besitzen genetische Tests nur limitierte halachische Gültigkeit und sollten nicht nur als alleiniges Mittel zur Identitätsbestimmung genutzt werden.



Vilna Gaon (Rabbi Eliyahu ben Shlomo Zalman, 1720 – 1797)


DEFINITION des "Goral HaGra":

Nicht, dass die Art der Leichenidentifizierung aufgrund bestimmter Thoraverse (Goral HaGra) nicht schon vor der Zeit des Vilna Gaon (1720 – 1797) bekannt war. Schon 200 Jahre zuvor beschrieb Rabbi Sirero diese Methode. Bis zum heutigen Tage haben wir keinerlei Ahnung, warum die Prozedur nach dem Vilna Gaon benannt worden ist bzw. welche Rolle dieser dabei spielt. Bekannt ist nur, dass der Vilna Gaon die Prozedur seinen Schülern mitteilte und diese wiederum das Geheimnis an ihre Anhängerschaft weitergaben. Solange, bis die Methode den Titel "Goral HaGra" annahm.

Derlei Arten der Schicksalsbestimmung wurden schon in viel früheren Generationen angewendet. Der Maharikash sowie der Shevet Mussar beschreiben das spezielle Öffnen der Thora oder der Propheten, um einen bestimmten Vers durchzuschauen und danach zu handeln. Der Chida kommentiert diesbezüglich zum Schulchan Aruch (Code of Jewish Law) 179, dass diese Methode erlaubt ist.

Aktuell ist das "Goral HaGra" vielleicht mit dem Verfahren des "Iggeret HaKodesch" bei der chassidischen Gruppe Chabad identisch. Bei Chabad nimmt man die 29 Bände, welche die Briefe des siebten und letzten Lubawitscher Rebben Menachem Mendel Schneerson enthalten, steckt einen kleinen Zettel mit einer Frage zwischen die Buchseiten, öffnet das Buch genau dort und schaut auf den gedruckten Satz, auf welchen der Zettel weist. Genau dort stehe dann die Lösung für ein Problem privater Natur. Mit dem "Goral HaGra" verhält es sich theoretisch ähnlich. Man betet vorher ausgiebig, öffnet dann die Thora oder das Buch der Propheten an irgendeiner Stelle und schaut genau dort den Inhalt durch.
Der berühmte Rabbi Aharon Kotler, welcher bekannt für die Nutzung des "Goral HaGRa" war, benutzte genau diese Methode als Rabbi Moshe Feinstein ihn bat, in die USA und nicht nach Israel zu ziehen. Rabbi Kotler schlug die Thora an einer wahllosen Stelle auf (Schemot / Exodus 4:27) und dort sprach G – tt zu Aharon, gehe und begrüsse Moshe in der Wüste.

So ging Rabbi Aharon nach Amerika (zu Moshe Feinstein).

Worum handelt es sich also bei dem "Goral HaGra" ? Um ein geheimes mysteröses Verfahren, das fast ausschließlich nur von Juden auf einem besonders hohen relig. Level (z.B. Rabbi Aryeh Levine, Rabbi Aharon Kotler, etc.) ausgeübt werden darf oder um eine Art Orakel für den Hausgebrauch ?
Bei Chabad ist das "Iggeret HaKodesch" sicherlich schon zur Alltäglichkeit geworden. Mit dem "Goral HaGra" hingegen verhält es sich wesentlich komplizierter und nicht ein jeder sollte sich die Thora vornehmen, wahllos eine Seite aufschlagen und nun nach Lösungen suchen. Überhaupt hört man heute aus jüdisch – relig. Kreisen ausgesprochen wenig zum "Goral HaGra". Genau gesagt eigentlich gar nichts.

Kommentare:

  1. Soviel ich verstanden habe, hat im genannten Fall niemand überprüft, ob die Resultate des "Goral ha Gra" tatsächlich richtig waren.

    Allerdings: wenn es funktionieren würde, wäre das vielleicht eine einmalige Möglichkeit, 1 Million Dollar zu verdienen. Ein Amerikaner hat 1 Million Dollar ausgesetzt für den fall, dass man ihm die Richtigkeit eines "übernatürlichen Phänomens" nachweist. Ich nehme an, das Goral hagra würde in diese Kategorie fallen.

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  2. B"H

    Der Fall von Rabbi Aryeh Levine und seiner Art der Identifizierung ist der Bekannteste. Damals, im Jahre 1948, konnte auch niemand etwas nachpruefen, denn die Medizin war laengst nicht soweit wie heute.

    Ich glaube eher nicht an solche Sachen. Ich meine, Du kannst jede Seite aufschlagen und irgendwo etwas herauslesen oder interpretieren.

    Manchmal wartest Du bei einer Entscheidung auf irgendein Zeichen G - ttes und wenn Du dann eines zu sehen glaubst, muss dies nich bedeutetn, dass jetzt die Antwort gefunden ist. Ich hoerte einmal von Rabbi Mordechai Machlis dass manchmal Situationen entstehen, in denen Du meinst, ein Zeichen zu interpretieren, aber nur in die falsche Richtung laeufts, weil G - tt jemanden testen will.

    Bei solchen Dingen ist also immer vorsicht geraten.:-)

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