Mittwoch, April 30, 2008

Haben wir das Recht, den Holocaust zu hinterfragen ?

B"H

Bekanntlich beginnt in Israel in wenigen Stunden der nationale Holocaust - Gedenktag "Yom HaSchoah". Morgen (Donnerstag) setzen wir das Gedenken fort. Die Presse ist schon jetzt voll von Erlebnisberichten der Überlebenden und uns allen liegt der Tag jedesmal schwer im Magen.

Es ist ganz und gar nicht so, dass sich orthodoxe Rabbiner nicht mit dem Holocaust beschäftigen. Eher im Gegenteil, denn viele in diesen Tagen stattfindende Schiurim (relig. Vorträge) handeln von dem Thema. Auch Rabbi Mordechai Machlis schnitt bei einem gestrigen Schiur den Holocaust an. Dabei kam die beliebte Frage auf, ob Juden G - tt kritisieren oder hinterfragen dürfen. Haben wir das Recht, Seine Handlungen in Frage zu stellen, eben weil wir mit einer gehörigen Portion Unverständnis davor stehen ?

Rabbi Machlises Antwort lautet eindeutig:
"Ja, wir dürfen den Holocaust hinterfragen".

Schon der Prophet Jeremiah (Yirmeyahu) bat G - tt um Antworten, weil er dessen Vorgehensweisen nicht verstand. Was soll das ? Warum tut G - tt uns das an ? Wo bleibt die Logik ?
Eine Logik, welche wir mit unserem menschlichen Verstand nicht immer nachvollziehen können.

Eines ist beim Verständnis der Handlungsweisen G - ttes immer zu beachten. Als Menschen sehen wir nur einen kleinen Teil von einem Ganzen. Manchmal passieren uns Dinge, bei denen wir zuerst geschockt davorstehen und gar nichts begreifen. Nach einigen Jahren jedoch kann es durchaus geschehen, dass wir plötzlich einen deutlichen Sinn erkennen. Wäre uns dieses oder jenes nicht passiert, dann hätten wir heute nicht dies und das.

Im dem Moment als etwas geschah, waren wir nur imstande, ein Teil von einem Puzzle zu betrachten. Fügt sich aber zeitbedingt alles ineinander, ergeben die skurilsten Dinge manchmal einen Sinn.
Vielleicht verstehen wir in 100 oder mehr Jahren den Holocaust, wer weiß.

Im Talmud Traktat Berachot wird uns gleich zu Beginn gelehrt, dass G - tt den hinteren Teil Seiner Tefillin (Gebetsriemen) am Kopf Moshe zeigte. Demnach entstehe doch tatsächlich der Eindruck, dass G - tt dem Moshe Seinen Kopf zeigte। Wie kann das sein, wenn G - tt ein form - und gestaltloses unendliches Wesen ist ? Oder deutet uns die Talmudaussage etwas ganz anderes an ?

Die Tefillin (Gebetsriemen) am Kopf enthalten zwei herunterhängenden Lederriemen; einen rechts und einen links. Oberhalb der Tefillin jedoch sind beide Riemen in einem Knoten miteinander verbunden.
Vielleicht lehrt uns dies, dass es Dinge im Leben gibt, die für uns Menschen absolut logisch und nachvollziehbar sind. Und dann wiederum gibt es Handlungen von G - tt, die für uns absolut keinen Sinn ergeben und wir mit Schock und Unverständnis reagieren. Ja, manchmal sogar auf G - tt schimpfen und Ihm nicht für das Wiederfahrene vergeben.
Vielleicht wollte G - tt dem Moshe eben diese zwei Seiten des Lebens verdeutlichen. Da sind einerseits Dinge, die wir zu begreifen im stande sind und andererseits vollzieht sich das genaue Gegenteil. Und den Holocaust zu begreifen, sind wir nicht in der Lage, obwohl manche Menschen das Gegenteil behaupten.

Eine logische Erklärung haben wir nicht und ist es nicht gerade das, was uns Menschen wahnsinnig macht oder verzeifeln läßt. Wo sind Grund und Logik ?

Wir dürfen den Holocaust hinterfragen. Die Frage ist nur, ob uns das eine befriedigende Antwort einbringt.
"Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken" - so lautet eine Aussage G - ttes in den Propheten.
Was verstehen wir von der Welt, wenn wir nur in der Lage sind, ein einzelnes Puzzleteil zu sehen ?
Und wenn wir alles wüßten, wären wir dann nicht automatisch G - tt ?
Die unbestreitbare Tatsache ist, dass wir keine Antwort auf den Holocaust haben. Das können wir so stehenlassen oder auch nicht. Hinterfragen aber dürfen und sollten wir es allemal.

Und irgendwann
einmal fügen sich vielleicht das Bekannte und das Unbekannte zusammen und ergeben einen Sinn. Ganz so wie bei den zwei Gebetsriemen in einem Knoten.

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