Montag, September 22, 2008

Was gibt es da zu glotzen ?

B"H

Neulich wurde ich Zeuge einer Szene und ich muß ganz offen zugeben, dass ich recht froh darüber war, nicht zu sehr involviert gewesen zu sein.

Ich saß gerade mit einer Freundin zusammen als sich eine Bekannte zu uns setzte. Beide Frauen sind ursprünglich aus New York; meine Freundin ist für eine etwas längere Zeit als Touristin hier, wobei sie sich jedoch kürzlich entschloß, einmal etwas mehr Spiritualität in ihr Leben zu bringen und sich daher in einem haredisch – litvischen Frauenseminar einschrieb. Bei unserer hinzugekommene Gesprächspartnerin handelt es sich um eine farbige Amerikanerin, die zum Judentum konvertierte und seit wenigen Jahren ebenso in besagtem Seminar lernt. Übrigens handelt es sich bei dem Programm um eine relig. Schule für jüdische Frauen, die erst im späteren Verlauf ihres Lebens relig. geworden sind; um sogenannte "Baalei Teshuva".

Jedenfalls sagte unser Gegenüber, welche ca. Mitte Dreißig ist, zu meiner Freundin, dass diese nun endlich einmal ihren Kleidungsstil ändern solle. Man kann nicht in dem Seminar lernen und mit Hosen oder in sonst einem freaky New Yorker Klamottenstil herumlaufen. Mein Freundin solle sich gefälligst fromm anziehen: langer Rock, lange Ärmel, Strumpfhosen und eine fromme Frisur darf auch nicht fehlen. Was immer "fromme Frisur" hier bedeuten mag.

Falls sie das alles nicht tue, brauche sie sich man nicht wundern, wenn sie von den Religiösen angestarrt wird. Nicht nur von den Seminar – Girls, sondern von allen Frommen.
"Wenn Du akzeptiert werden willst, dann mußt Du Dich ändern, so die New Yorkerin. Und überhaupt läuft man als Frau nicht in Hose herum, denn damit begehst Du eine "Aveirah – Vergehen". Da wir uns im Monat Elul befinden, sollte man ja wohl alles daran setzen, um Aveirot (Vergehen im Plural) zu vermeiden.

Anmerkung: Im Monat Elul vor Rosh HaShana sind wir dazu aufgerufen, zu G – tt umzukehren, da Er uns am anstehenden Rosh HaShana richten wird.


Meine Freundin wurde fuchsteufelswild bei all den Forderungen unserer Gesprächspartnerin. "Ich habe von Euch total die Schnauze voll. Ihr Frommen labert mich nur voll wie ich mich zu verhalten habe und was ich tun soll. Wie ich mich anzuziehen habe, wie ich dasitzen soll, wie ich akzeptiert werde. Ich will gar nicht akzeptiert werden und gebe nichts darauf. Ich bin nur für ein paar Wochen hier und es ist mir egal was ihr mir alle sagt. Laßt mich doch alle in Ruhe !"

"Nun, antwortete unser Gegenüber angestrengt, wenn Du Dich nicht änderst, dann starren die Leute Dich auch weiterhin an. Wir sind hier nicht in New York und Jerusalem ist halt anders. Aber wenn Dir das alles nichts ausmacht …, bitteschön, ich lasse es Dich ja nur wissen".

"Ja, ich bin zufrieden mit meiner jetzigen Situation, erwiderte meine Freundin. Ich habe die Schnauze voll von dem Gelaber "zieh dies oder das an", "benimm Dich so und nicht so", "sag das nicht, denn das ist Laschon HaRah (üble Nachrede)". Ich kann gar nicht sagen, wie sehr Ihr mir alle auf den Geist geht. Ich will ich selbst sein und wenn ich mich in solch fromme Klamotten quetsche, dann bin ich jemand anderes. Und dann dieses "nanana" Getue; das bin nicht ich. Kapiert das keiner ?"

Meine Freundin redete sich mehr und mehr in Rage und unser Gegenüber stand dem nicht nach. Ich begann, unser Gegenüber zu bedauern, denn man merkte ihr an, dass sie alles tat, nur um akzeptiert zu werden. Mit Tränen in den Augen berichtete sie, dass sie von der relig. Gesellschaft nur angestarrt wird. Dabei wolle sie so sehr zum Jüdischen Volk dazu gehören".

"Wieso gaffen alle ? Weil Du farbig bist ?", erkundigte sich meine Freundin.

"Nun, ich könnte ja theoretisch aus Äthiopien kommen (Israel ist voll äthiopischer Juden), doch sieht man mir an, dass ich nicht daher komme. Und eine schwarze Amerikanerin ist nun einmal nicht jüdisch. Es sei denn, sie ist konvertiert. Und die Leute glotzen als sei ich eine Fremde, mehr nicht".

Ich sagte unserem Gegenüber, dass sie alles viel zu tragisch nehme. Für wen tue sie denn die Mitzwot ? Für sich selbst, G – tt oder die Nachbarn bzw. Umgebung ?

Nachdem unser Gegenüber gegangen war, klagte mir meine Freundin erst recht ihr Leid. Klar, sollte man solche Leute, die da pausenlos nach Akzeptanz der haredischen Gesellschaft jagen, bedauern. Die nämlich meinen, dass wenn sie nur allen zeigen, wie toll relig. sie sind, sie anerkannt werden. "Bin ich toll, kommen alle auf mich zu, umarmen und akzeptieren mich".

Ich sagte meiner Freundin, dass ich vor Jahren, ganz am Anfang meiner Yeshiva – Laufbahn, sicher auch einmal so gewesen sein könnte. Eine Stimmung, die jedenfalls nicht lange anhielt und mir schon bald zuwider wurde. So beschloß ich, die Mitzwot für G – tt und mich einzuhalten und nicht für die Nachbarn von gegenüber. Ich hatte es satt, der Akzeptanz hinterherzujagen. Wofür das alles ? Entweder die Leute akzeptieren mich so, wie ich bin oder sie lassen es bleiben. Und seitdem ich dieser Einstellung nachgehe (schon jahrelang), ist mein Leben wesentlich glücklicher geworden. Und wer mich halt nicht akzeptiert … okay, das muß jeder selbst entscheiden. Was soll ich tun , wenn dem nicht der Fall ist ?
Soll ich mich deswegen etwa umbringen ?

Ich renne keiner Gesellschaft hinterher und ich könnte mich auch keinesfalls mehr in solch einer Baalei Teshuva Umgebung bewegen, in der alle es so wahnsinnig GUT meinen. Man wolle einen ja nur aufmerksam machen und so. Man will ja nur behilflich sein und da ist es halt Pflicht, einen auf gewisse Verhaltensfehler aufmerksam zu machen. Man will ja schließlich nur das Beste, dabei will man das Beste für sich selbst und endlich einmal unterschlüpfrig das Gefühl bekommen, dass ich auch mal was zu sagen habe, wenn ich jemanden korrigiere. So sauge ich dann mein klein wenig Selbstwertgefühl ein.

Selbstwertgefühl ? Wieso denn das ?
Ich meine es doch nur herzensgut.
____________________________

Fortsetzung folgt !
Denn ein Ende ist nicht in Sicht.

Kommentare:

  1. Hi, Miriam:
    Ich hab deinen Artikel gelesen
    mit sehr vermischten gefühlen.
    so etwas zwischen verständnis
    für beide seiten, ärger und auch
    scham. Klar und ich reg mich über
    sowas auch auf.

    Weist du wenn ich sowas lese dann
    denke ich mir ich bleib lieber
    bei meiner bushaltestelle denn die
    ist einfacher für mich zu verstehen. Es ist nicth so
    kompliziert. du stehst einfach nur
    da und wartest auf den bus das ist
    alles. vielleicht stand schon
    jemand vor dir da. na und? und
    je länger du da stehst und wartest
    desdo mehr leute kommen dazu. und
    je mehr du wartest desdo mehr weist
    du. welche busse fahren, wann fahren sie wohin fahren sie....
    und wenn dich jemand fragt dann
    kannst du es ihm erzählen und ihm
    helfen. es spielt keine rolle ob
    es deine bushaltestelle ist oder
    ob du an ihr geboren wurdest oder
    wo du herkommst wo du hinwillst.
    das einzige ist dass du einfach
    nur 5 minuten länger dort stehst
    als andere und deshalb einfach nur
    mehr erzählen kannst. das ist alles
    und wenn du jemanden sagen kannst
    wann welcher bus wohin fährt dann
    kannst du dich sogar etwas wie
    zu hause fühlen und warum fühlst du
    dich wie zu hause? weil du jemanden
    anderen "einladen" und helfen
    kannst.

    Ich denke das das größte unglück
    ist zu vergessen wer man ist und
    wo man herkommt. und welchen weg
    man zurückgelegt hat.

    dein verärgerter jakobo

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  2. B"H

    Bei mir tut sich gleichzeitig Verstaendnis verbunden mit Aerger auf. Mich nerven solche Vorwuerfe ganz einfach, denn es muss doch selber mit seinem relig. Leben klarkommen.

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  3. Es ist altbekanntes Phänomen, dass sich Konvertiten oftmals als sehr erifrig erweisen. Dieses Phänomen ist nicht Religions-spezifisch.

    Da Religion stets auch Kultur ist, durchleben solche Konvertiten einen intensiven kulturellen Wandel. Und je mehr sie sich mit dieser Kultur identifizieren, desto intensiver ihr Bestreben nach Authenzität.

    Einerseits ist dies verständlich. Andererseits besitzen Konvertiten hohe Ansprüche was Akzeptanz betrifft.
    So ist es ein Unterschied, ob man aus der Herkunft in eine Religion hineinwächst, oder ob man sie sich eine neue im Laufe der eigenen Biografie eben "aneignet".
    Dieses Prozess der Identitätsfindung will natülich gestützt werden, was über das soziale Netz läuft. Man braucht also nicht "nur" inhaltliche "Anleitung", sondern auch Stützung durch sozialen Halt. Man möchte bestätigt werden, es richtig zu tun.

    Konvertiten haben oft das Bedürfnis, in die Essenz des Glaubens eindringen zu dürfen. Da bietet sich natürlich für christlich-jüdische Konvertiten die Orthodoxie geradezu an.
    Doch solche Konvertiten sollten sich fragen, ob denn ihr Einsieg gleich so intensiv geschehen soll.
    Denn ein Glaube möchte ja nicht bloss zelebriert, sondern vor Allem verstanden, begriffen, werden.

    Mit dieser ausgeprägten Identifikation möchten solche Konvertiten natürlich eben gerade ausdrücken, dass sie dies tun.

    Da die zelebrative Veräusserung in der religiösen Orthodoxie (betrifft jede Religion) von grosser Bedeutung ist, dient diese den Konvertiten zugleich als Halt. Die Gefahr besteht aber, sich da hineinzusteigern, die Religiösität gar darauf zu beschränken.

    Die Frage wie sehr man von der orthodoxen Gesellschaft akzeptiert werden möchte, sollte sich ein Konvertit bereits während seines Prozesses zum Übertritt stellen. Dies sind Fragen welche parallel zu den religiösen Belangen stehen.
    Da Ansprüche zu stellen, halte ich für verfehlt.

    Ebenso verständlich die unmissverständlichen Kriterien welche die jüdisch-orthodoxe Gesellschaft für die Akzeptanz stellt. Denn die permamente Konfrontation mit der säkularen -und andersgläubigen "Aussenwelt" verlangt ja geradezu klare Kriterien.
    Und man fragt sich, wie viel Verständnis von diesen Menschen abverlangt wird, wo doch die Welt sich ihnen gegenüber als rauh erweist.

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  4. B"H

    Nicht nur Konvertiten sind betroffen, sondern genauso die Baalei Teshuva (geboren Juden, welche erst im spaeteren Verlauf ihres Lebens relig. geworden sind).

    Bei der Frau, die sich in dem Artikel als so "eifrig" erwies, hatte ich eher den Eindruck, dass sie immens unter der "Nichtanerkennung" leidet. Ihre Hautfarbe mag dafuer einigen Relig. den Grund liefern, sie abzulehnen. Das klingt jetzt furchtbar rassistisch, aber die israel. Gesellschaft an sich ist eher rassistisch veranlagt.
    Konvertiert eine Philippina, dann hat sie es auch schwerer als jemand aus England.

    Konvertiten sowie Baalei Teshuva geht es nicht nur strikt um die Anerkennung, sondern vor allem auch um die eigene Selbstakzeptanz vor sich selbst. Man kommt halt mit einer hohen Motivation an und will sich selber zeigen, dass man relig. leben kann. Erst danach kommt die Umwelt. Nicht immer, aber in vielen Faellen ist es so.

    Die Identitaetsfindung dauert ganz klar eine laengere Zeit und nach vier oder fuenf Jahren (manchmal eher, manchmal spaeter) schaut die Persoenlichkeit schon ganz anders aus und man ist gefestigt.

    Waehrend einer Konversionskurses wird und kann die nachfolgende Realitaet bzw. der Alltag nicht vermittelt werden. Dazu sind die Kurse nicht zustaendig und geschaffen. Genauso wenig wie Du in einer Baalei Teshuva Yeshiva sehr selten mit diesen Problemen konfrontiert wirst. Dies wiederum ist es, was vielen Kritikern Stoff am gesamten KIRUV - Movement (andere Juden naeher an G - tt heranfuehren) gibt. Die oftmalige "Unterschlagung" der rauhen Wirklichkeit.

    Ich wuerde nicht sagen, dass es ein christl. Konvertit in der Orthodoxie leichter hat. Eher erlebte ich das Gegenteil, denn selbst nach ihrem Giur sind die meisten noch viel zu sehr in ihren christl. Ideologien und Mentalitaeten verstrickt. Dies wiederum nervt manchmal total, wenn da mittendrin ein christlich angehauchtes Gelaber kommt und der Redner gar nicht mitbekommt, dass das jetzt mit dem Judentum nichts zu tun hat.

    Man kann von einem "HALT" sprechen und deswegen wenden sich sicher einige frisch Konvertierte Gruppen wie Chabad zu. Dort gibt es sicherlich Halt, aber auch einen gewissen Gruppenzwang, den man am Anfang weniger mitbekommt. Ausserdem kann jemand Neues im Judentum nicht zwischen dem differenzieren was sein muss und was wieder nicht. Wie benehme ich mich, wann halte ich den Mund und wann fahre ich aus der Haut. Jemand Neues ist unsicher, hat wenig Ahnung und schliesst sich dem an, was man ihm halt so vermittelt wird.

    Ein kompliziertes ewig anhaltendes Thema.:-)))

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  5. Die Frage ist, ob das hauptsächlich Gerim betrifft, die vorher Christen waren. Ich kenne mehr nichtchristlich sozialisierte Gerim als christliche.

    Yael

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  6. B"H

    Hi Yael,

    in Israel fallen mir seit ca. 2 Jahren immer mehr christlich orientierte Gerim auf. Damit meine ich, dass ich persoenlich immer mehr kennen lerne, die vor ihrem Giur eine entweder strenge bzw. manchmal sogar fanatische christliche Orientierung hatten.

    Der Kurs des RCA (bin mir nicht sicher, ob ich den Namen jetzt richtig schrieb) ist bekannt fuer Kursteilnehmer mit extrem christlicher Vergangenheit. Der Kurs selber laesst die Teilnehmer so ca. gegen Mitte des Kurses Formulare unterschreiben, dass man sich gaenzlich dem Christentum entsagt und damit nichts mehr zu tun hat.

    Vor ca. 2,5 Jahren wollte das Rabbanut einen Kurs sogar ganz vom Beit Din ausschliessen, da ueber die Haelfte der Klasse Beschwerden wegen extrem christl. Aeusserungen vorlagen.

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  7. Schon merkwürdig, dass solche Menschen Juden werden wollen, aber von ihrem Christentum nicht los kommen (wollen). Ich weiß nicht, ob es nicht besser wäre, solche Menschen, die sich weiterhin radikal christlich äußern und denken, einen Giur erstmal zu verweigern. Sollen die doch erst mal sich selbst besser kennenlernen, d.h. was wollen sie überhaupt und was steckt dahinter, Juden werden zu wollen und lernen ihren christlichen Hintergrund besser zu reflektieren. Und vor allem was Judentum und jüdisches Leben bedeuten. Wer sich weiter dann christlich äußert und denkt, hat sicher nicht gelernt was Jude sein bedeutet.

    Yael

    Shawua Tov we Shana tova.

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  8. B"H

    Soweit ich mitbekommen habe, betrachteten es nicht wenige der Teilnehmer dieses speziell von mir erwaehnten Kurses es eben als eine Aufgabe des Giur - Kurses, sie von ihren christl. Gedanken zu "befreien".

    Doch genau das ist und kann nicht Sache eines Konversionskurses sein, sondern wer sich dazu entscheidet, der muss schon vom Judentum ueberzeugt sein !

    Uebrigens berichtete mir gerade gestern jemand, dass dieser Kurs bis auf Weiteres nicht mehr stattfindet ( der, der RCA), da das Innenministerium kaum noch Leuten Visa fuer einen Konversionskurs erteilt.

    In Israel zu konvertieren, ist schon fast zum Ding der Unmoeglichkeit geworden, da das Innenministerium zustimmen muss, aber dies in den meisten Faellen verweigert.

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