Montag, September 15, 2008

"Lüge Kiruv" ?

B"H

Eine junge Frau, die gleichzeitig Baalat Teshuva ist (ein geborener Jude, der erst im späteren Verlauf seines Lebens religiös geworden ist), beschwerte sich neulich bei mir, dass man jene Juden, die gerade dabei sind, religiös zu werden oder sich zumindest für die eigene Religion beginnen zu interessieren, keineswegs mit Negativem konfrontieren darf.

Ein kleines praktisches Beispiel:
Eine junge Amerikanerin fragte mich neulich, was auf den Mitteilungspostern (Fakshivilim) stehe, welche überall an den Häuserwänden von Mea Shearim prangen. Ich erklärte ihr ganz langsam, dass es vorwiegend um einen Rabbiner gehe, der nicht gerade das tut, was die Religion ihm eigentlich vorschreibt zu tun.

Jemand der dabeistand, beschwerte sich hinterher bei mir, dass man so jungen Leuten (ca. 20 Jahre alt) und die vielleicht jetzt erst die ersten Schritte in Richtung Judentum unternehmen, nicht solch ein Statement abgibt. Stattdessen solle man sie ermuntern.

Sicher hatte die Person einerseits recht; man sollte beim Kiruv (einen Juden näher an die Religion und G - tt heranführen) Positives verlauten lassen. Doch hatte mich das junge Mädchen ausdrücklich nach dem Inhalt der Poster gefragt und ich versuchte es ihr, in einfachen Worten zu erklären. Andererseits, warum soll nur Positives berichtet werden ?

Eine junge Israelin berichtete mir von ihrem Bruder, der im Kiruv tätig sei. Wobei im Judentum Kiruv nicht mit Mission gleichzusetzen ist. Kiruv bedeutet meist in der heutigen Umgangssprache, dass jemand bei Chabad zum Unterricht (Schiur) geht und etwas über die eigene Religion lernt. Genauso gibt es andere Kurse wie in den USA oder dem israelischen Zweig von "Aish HaTorah" und viele viele weitere Institutionen weltweit.

Jemanden näher an die Religion heranführen (Kiruv machen) besteht ebenso größtenteils aus Fragen beantworten. Von seinem Gegenüber verlangt der Kiruvnik in den meisten Fällen jedoch nicht, dass er ab morgen ultra - orthodox ist. Sollte dies der Fall sein, dann handelt es sich nicht gerade um einen aufrichtigen Kiruvnik, der da Verständnis walten läßt.

Die junge Israelin jedenfalls meinte zu mir, dass ihr Bruder lüge. Überhaupt sei der ganze Kiruv eine reine Lüge, denn dem Neuankömmling in der Religion (jener, der eventuelle religiös werden will und daher als Baal Teshuva bezeichnet wird) wird eine Scheinwelt vorgegaukelt. Wer bitteschön erzähle ihm denn die Wahrheit, die da so oft lautet, dass er von seiner schon immer gewesenen orthod. Außenwelt, sprich der geborenen haredischen Gesellschaft, kaum oder gar nicht anerkannt wird. Viele mögen das Gegenteil behaupten und sich preisen, dass sie ja hier so toll anerkannt sind. Schön, vielleicht in ihrer Baal Teshuva Yeshiva, aber wohl kaum draußen im Leben. Und falls doch irgendwie, dann aber auch wieder nicht richtig oder halt mit dummen Kommentaren.

Und überhaupt sage ihr Bruder selber, dass er lügt.
Lügen muß, um die Leute nicht abzuschrecken.

Soll man nun die Wahrheit sagen oder nicht ?

"Leute, die Religion, Mitzwot, G - tt, alles wunderbar, doch die Realität ist nicht immer so toll. Da gibt es kriminelle Rabbiner oder andere, die Euch nicht unbedingt zu freundlich gesinnt sind. Kurz gesagt, nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen und macht Euch auf einen Kampf gefaßt".

Wem darf man soetwas sagen und wann ?

Sicher nicht sofort oder vielleicht doch ?

Ich denke, dass es hier sehr auf die jeweilige Persönlichkeit des Einzelnen ankommt und wer sich entschlossen hat, dem Kiruvnik zu folgen oder sogar relig. zu werden, der merkt eh recht schnell, was da eigentlich so in seiner Umgebung abläuft.

Nehmen wir an, dass Programm läßt seine Neuankömmlinge die Realität weniger oder gar nicht wissen … dann sollten zumindest hinterher professionelle Lehrkräfte parat stehen, welche die aufkommenden Probleme aller Art mit dem Baal Teshuva gemeinsam besprechen und bewältigen.

Am letzten Schabbat erzählte Rabbi Mordechai Machlis, dass vor wenigen Jahren einmal ein junger Mann von den Philippinen daheim bei den Machlises mitwohnte. Er kam nach Jerusalem, um an einem Konversionskurs zum Judentum teilzunehmen, den er auch bestand. Frisch konvertiert, war er stolz zum Jüdischen Volk dazuzugehören, doch schnell kam Enttäuschung auf. Eines abends kam der junge Philippino heim zu den Machlises und weinte sich bei ihnen aus. Wohin er auch gehe, immer werde er von anderen Juden dumm angemacht. In jeder Synagoge werde er trotz heraushängender Zizit (Schaufäden) gefragt, ob er denn tatsächlich Jude sei oder nur ein Fake. Und immer wieder muß er seine Story erzählen, denn er sehe ja halt aus wie von den Philippinen.

Was die Antwort war ?

Es gibt keine perfekte Antwort, denn fast jeder neue Konvertit zum Judentum oder Baal Teshuva muß da durch.

Die Frage bleibt:
Sollte man solchen Leuten von vornherein die Realität verkünden oder nicht ?

Ich denke schon; wenn auch am Anfang vielleicht in Maßen.

Kommentare:

  1. Christine1:39 nachm.

    Man sollte die Realität auf jeden Fall darstellen. Aber beide Seiten: nicht nur positiv, nicht nur negativ. Andrerseits sollte auch ein Wiedereinsteiger (kann man das so sagen?) bei aller Begeisterung nicht so blauäugig sein, zu glauben, dass alles nur Friede, Freude, Eierkuchen ist.

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  2. Irgendwann wird ja jeder mit der
    realität konfrontiert. und dann
    sollte er/sie auch vorbereitet
    sein vielleicht fällt es dann
    auch leichter das so zu akzeptieren
    und es nicht zu sehr auf sich selbst
    zu beziehen.

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  3. Man sollte vor allem über das Phänomen "zuckersüss" aufklären: Leute sind nett, wollen einen nicht verletzen, aber hinten herum reden sie ganz anders...

    oder "einladen" heisst noch lange nicht akzeptieren...
    DAs sind Missverständisse, die leicht entstehen können...

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  4. B"H

    Ein Neueinsteiger sollte definitiv aufgeklaert werden. Nicht Hopplahopp, aber schon im realistischen Sinne. Geschieht dies nicht rechtzeitig, steht er irgendwann verletzt da, was alles noch viel schlimmer macht.

    "Zuckersuess" und "nett" sind die wenigsten Leute. Noch nicht einmal unter sich.

    Deswegen ist es in der Realitaet ziemlich schwierig, Neueinsteiger vorzubereiten. Nicht ihnen nur das Thorawissen "eindreschen", sondern ihnen auch den Alltag zu verdeutlichen.

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