Sonntag, September 16, 2007

Nur eine isolierte Gesellschaft ?

B"H

Kuerzlich stellte ich in meiner Umfrage die Frage, was denn wohl der Grund fuer die Unbeliebtheit der Haredim (Ultra - Orthod.) sei. Viele stimmten dafuer, dass die Haredim eine isolierte Gesellschaft sind und sie anscheinend grossen Wert darauf legen, sich abzuschirmen.

Wie aber wuerde ein Haredi selbst diese von mir gestellte Frage beantworten ? Immerhin gibt es zu jedem Thema mehrere Ansichtspunkte und ich wage zu bezweifeln, dass sich Haredim so sehr in ihre eigene Welt abkapseln. Hierbei kommt es auch auf jeden einzelnen Haredi oder jede chassidische Gruppe an, inwieweit sie sich nach aussen hin oeffnet oder fuer einen Aussenstehenden zugaenglich sein wollen.

Interessierte, ganz gleich ob religioes oder nicht, bekommen fast immer Antworten auf ihre an Haredim gestellten Fragen. Es kommt selten vor, dass eine ernstgemeinte Frage mit boshaften Reaktionen beantwortet wird.

In Deutschland oder in anderen Teilen Europas sieht man sie eher selten und wenn man sie dann einmal in New York, London oder Antwerpen erblickt, reagiert der "Unwissende" mit Skepsis und Erstaunen. Wie kann man als Mann immer nur mit einem weissen Hemd und einer schwarzen Hose herumlaufen, ganz zu schweigen von den Kaftanen (langen Maenteln der Chassidim) ? Ob Sommer oder Winter, haredische Maenner tragen immer das gleiche Outfit.
Und die "armen" Frauen erst. Haben immer ihre Peruecken auf dem Kopf und lange Kleider an.

Es beginnt meistens bei der Kleidung, die schon von Weitem Vorurteile aufkommen laesst. Darf man die Leute denn ueberhaupt ansprechen und wenn ja, wie ?
Nichtreligioese oder Nichtjuden zeigen mehrheitlich ein krampfhafteres Verhalten gegenueber den Haredim als die Haredim selbst. Okay, es ist ein heisser Sommer, was jedoch kein Grund ist, die traditionelle haredische Kleidung zu aendern. Du schwitzt und ich schwitze eben ein bisschen mehr, so die haredische Reaktion.
Nur weil mir im Sommer heiss ist, muss ich noch lange nicht mein Unverstaendnis ueber andere Leute lauthals verkuenden, die vielleicht nicht bereit sind, so spaerlich bekleidet herumlaufen zu wollen wie ich.

Andererseits findet schon eine notwendige Abschottung vom Rest der Gesellschaft statt. Haredim lernen auf ihren Yeshivot (relig. Schulen) und Ziel des haredischen Lebens ist es natuerlich, einen so religioesen wie eben nur moeglichen Lifestyle zu fuehren. Dieser Lifestyle beinhaltet, dass ich auf gewisse weltliche Dinge zu verzichten bereit bin. Natuerlich haben zu diesem Punkt unterschiedliche Haredim ganz unterschiedliche Gesichtspunkte.
Auf was muss ich verzichten und worauf wieder nicht ? Hierbei kommt es vorwiegend auf die Yeshiva und das Individuum an.
Wie weit will ich wirklich gehen ?
Was beeinflusst mich positiv oder negativ ?

Der Freundeskreis wird ueberwiegend in den eigenen Reihen gesucht. Erstens macht es keinen guten Eindruck, wenn man oeffentlich mit Unreligioesen gesehen wird und zweitens will man alles, nur sich nicht deren Ansichten anhoeren. Nicht, dass mich die Ansichten Aussenstehender stoeren, aber andererseits faellt es schwer, sich ewig mit Rechtfertigungen zu belasten.

Je mehr ich in der haredischen Gesellschaft lebe, desto besser bin ich anerkannt. Taucht ein Nichtreligioeser vor meiner Tuer auf, verursacht dies unnoetiges Gerede bei den Nachbarn.
Haredi sein, bedeutet auch, Gruppenzwang ausgesetzt zu sein und eben jenem Gruppenzwang koennen viele Mitglieder schlechter gegenuebertreten als andere. Vor allem dann, wenn man neu in der Gesellschaft ist, will man alles nur nicht durch Fehlverhalten auffallen.

Meiner Erfahrung nach haben Aussenstehende mehr Probleme mit der haredischen Gesellschaft als diese mit den Aussenstehenden hat. Nicht nur Nichtjuden glorifizieren oftmals die Welt der Ultra – Orthodoxen und dabei vergessen sie vor lauter Anhimmelei, dass wir alle nur Menschen sind. Menschen ausgestattet mit Staerken und Schwaechen.

Ein Gesetz allerdings gilt fuer alle und wer es missachtet, muss die Konsequenzen tragen: In der haredischen Welt sprechen Maenner nur Maenner an und Frauen nur Frauen. Ausnahmen gibt es kaum, es sei denn, man hat vielleicht eine ganz spezifische Frage oder weiss, mit demjenigen Chassid so umzugehen, dass er sich nicht beleidigt fuehlt. Das gleiche gilt fuer den gegengesetzten Fall.

Und was ist mit der vielgespriesenen "Achdut" – der "Bruederlichkeit" ?
Nicht wenige Israelis fuehlen sich von den Haredim regiert ohne das jene auf die Beduerfnisse der nichtrelig. Bevoelkerung eingehen.
In der haredischen Gesellschaft gibt es bestimmte Verhaltenscodes und gerade diese Gesellschaft will sich selbst vor aeusseren Einfluessen schuetzen. Nicht immer gelingt dies, was negative Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben kann.

Ich weiss nicht, wo die Achdut beginnt und endet.
Haredim werden keinesfalls auf ihre Codes und die Thora verzichten und Nichtreligioese reagieren genauso mit ihren Vorstellungen und Regeln. Ein besseres gegenseitiges Kennenlernen waere sicher hilfreich, doch hapert es weitgehend schon bei diesem Punkt. Es existiert zuviel Misstrauen auf beiden Seiten und das einzige, was ich empfehlen kann ist, individuell die Menschen kennen zulernen und nicht auf eine kollektive Achdut – Welle zu warten.

2 Kommentare:

  1. Anonym7:23 PM

    Liebe Miriam
    Noch ein Kommentar von mir.
    Es scheint in Bnei Brak bezw. Israel vielleicht so üblich sein, dass Haredim Männer nur Männer ansprechen. Hier in Deutschland geht es ,ein bißschen zwar nur ,aber doch einfacher zu.Man kann schon mit Haredim Männern sprechen ohne dass sie beleidigt sind und sogar mal mit beim Shiur an einem Tisch sitzen ohne gleich Konsequenzen zu tragen. Sie sprechen auch schon mal eine Frau an und fragen etwas.
    Wie soll ich aber einen orthodoxen, religiösen Mann kennenlernen in Israel, wenn ich konvertiert bin, wenn man sich nicht ansprechen darf?
    Und was ist mit Briefe schreiben? Oh Je ,sag lieber nichts.

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  2. B"H

    Nicht immer trifft es zu, dass man als Frau keine haredischen Maenner ansprechen darf, da hast Du recht. Es kommt sicher auf die Umstaende an und was fuer ein Haredi derjenige ist.

    Letzten Freitag Abend zum Beispiel sprach ich bei der Chassidut Karlin zwei Karliner Chassidim vor deren Synagoge an und sie antworteten mir ohne zu zoegern.
    Bei anderen empfiehlt sich das wieder nicht, aber man kann die jeweilige Situation immer sehr gut selbst einschaetzen. Man gewoehnt sich halt an alles.:-)

    Bei Shidduchim ist es so, dass Du zu einer Shadchanit (Heiratsvermittlerin) gehst und Dich dann der jeweilige Kandidat anruft. Es ist unueblich, dass die Frau anruft.

    Aber auch hier kommt es auf die Situation an. Viele Paare lernen sich ueber Freunde etc. kennen und da geht es legerer zu.

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