Dienstag, Juni 17, 2008

Verhaltensregeln beim Gebet

B"H

Es gibt nichts, was im Judentum nicht geregelt ist. Kein Thema wird ausgelassen und alles ist sorgsam aufgelistet und mit Kommentaren und Erlassen bis in die heutige Zeit erweitert. Vor dem Talmud und dem Schulchan Aruch (Code of Jewish Law) gibt es einfach kein Entkommen und meine Überschrift mag nach Langeweile und noch mehr nervenden Gesetzen und Richtlinien klingen.

Aber wie heißt so schön die Begründung der Thoragesetze, Kommentare, Auslegungen und und und ?
G - tt gab uns Juden all dies, um uns Disziplin zu lehren. Anhand dieser Disziplin sollen wir ein Vorbild für all die anderen Völker sein und ihnen den Weg in einer moralgeprägte Welt ohne Götzendienst weisen. Ob uns Juden das immer so gelingt, lasse ich einmal bis zur Ankunft des Meschiach dahingestellt und beginne stattdessen mit einer Aufwartung von noch mehr Regeln. Nämlich den allgemeinen Regeln für das Gebet, welche ich dem Talmud Traktat Berachot sowie dem Schulchan Aruch - Orach Chaim - Hilchot Tefila 89 ff. entnommen habe.

Beten im Judentum bedeutet nicht nur sich hinzustellen und draufloszubeten, sondern auch hier gibt es wieder einmal unzählige Vorschriften: wie, was, wann und wo. Einige davon sind recht bedeutend und ich habe sie einmal herausgesucht. Außerdem erscheinen sie logisch und es ist leicht, sie sich einzuprägen.

Zuerst einmal sind die drei täglichen jüdischen Gebete wie Schacharit (morgens), Mincha (nachmittags) sowie Maariv (abends) zeitlich geregelt und ein jeder sollte sich in seiner Gemeinde nach den genauen Zeiten erkundigen. In Israel stehen die Zeiten in regulären alltäglichen Kalendern, aber ich stelle mir vor, dass dem woanders nicht so ist. Normalerweise veröffentlicht jede Gemeinde die Gebetszeiten wöchentlich und falls nicht, findet man diese vielleicht auch im Internet. Bei Chabad zum Beispiel.

Ist die Zeit zum Gebet gekommen, so sollte man einen sauberen Ort aufsuchen, an dem man in Ruhe beten kann. Halachisch ist es absolut verboten, an verschmutzten Orten zu beten. Zu dem Punkt gehört auch, dass man saubere Kleidung trägt. Es muß kein Sonntagsstaat sein, aber dennoch sollte die Kleidung sauber sein.

Der Talmud Berachot nennt die Anzahl von einer Stunde, innerhalb der man sich meditativ auf ein Gebet vorbereiten sollte. Im Talmud angegebene Zahlen sind oftmals "nur" metaphorisch zu verstehen und so gilt die Zeitangabe von einer Stunde ebenso nicht als bindend. Vielmehr ist sie ein kleiner Wegweiser dazu, sich vorher von allen anderen störenden Gedanken zu befreien, um so eine höhere Gebetskonzentration zu erreichen. Von daher sollte man sich auch nicht zum Beten an Orte begeben, an denen man durch diverse Geräuschkulissen leicht abgelenkt werden kann.

Zuerst also ist es wichtig, seine Gedanken freizubekommen und sich zu konzentrieren.

Eine weitere Regel mag vielleicht recht amüsant klingen.
Man sollte vor dem Gebet, falls es denn sein muß, die Toilette aufsuchen. Aus dem einfachen Grund, dass wenn ich zu beten beginne und immer nur daran denke, dass ich jetzt eigentlich einmal dringend aufs Häuschen muß, ich mich folglich nicht mehr auf das Gebet konzentrieren kann. Ich bete immer schneller, nur um rechtzeitig auf dem Klo zu landen.

Vor bestimmten Gebeten darf man nichts essen und nur das Trinken von etwas Wasser ist erlaubt. Dies gilt insbesondere für das Morgengebet sowie das Morgengebet am Schabbat. Nach dem Schabbatg - ttesdienst, zum Beispiel, muß erst "Kiddusch - Segnung des Weines bzw. Traubensaftes" gemacht werden, damit man imstande ist, etwas zu sich nehmen zu dürfen. Für einen Kranken gelten hier die üblichen Ausnahmeregeln und er darf vorher essen !!!

Anzumerken sei noch, dass mir das Essen vor dem Morgengebet solange erlaubt ist, solange es draußen noch dunkel ist und die Sonne noch nicht richtig aufgegangen ist. So jedenfalls die Meinungen einiger Rabbiner. Andere wiederum verbieten auch dies. Wann genau am Morgen das erste Schacharit - Gebet stattfinden darf, ist im Talmud Berachot geregelt und die Sonne sollte einen gewissen Stand erreicht haben.

Wenn möglich, sollte in einer Minyan von zehn Männern gebetet werden, denn nur dann können ALLE Gebete vollständig gebetet werden. Des Weiteren lehrt der Talmud Traktat Berachot, dass ein Gebet einer Minyan immer anerkannter ist. Und das Judentum basiert auf Gemeinschaft und nicht darauf, dass jeder nur allein daheim im stillen Kämmerlein hockt.

Wenn ich denn schon daheim oder unterwegs bete, dann sollte der Raum ein Fenster besitzen. Hierzu heißt es, dass ich beim Hinausschauen immer daran erinnert werde, dass es neben mir auch noch eine Umwelt bzw. Mitmenschen gibt und ich nicht nur ausnahmslos für mich alleine beten sollte. Wenn ich andere mit in die Gebete einbeziehe, erhört G - tt meine Gebete umso mehr.

Im jüdischen Gebet sind sogar die Gebetsrichtungen vorgeschrieben. So betet ein in der Diaspora lebender Jude gen Jerusalem. Ebenso ein Israeli, der nicht in Jerusalem wohnt. Die Jerusalemer beten gen Tempelberg und wer sich am Tempelberg befindet, betet gen Azarah bzw. Aron HaKodesch - dem Allerheiligsten.

Offiziell gibt es hierzu noch ein weiteres Statement:
Wer in Jerusalem bzw. an der Klagemauer (Kotel) betet, der führt ein "Ortsgespräch" mit G - tt und dessen Gebete gehen sofort hinauf in den Himmel (symbolisch betrachtet). Wohin gegen die Gebete der Diaspora - Juden erst nach Israel "geleitet" werden, dann nach Jerusalem, dann zum Tempelberg und erst dann hinauf in den Himmel. Wenn das nicht ein Grund ist, Aliyah zu machen !!!

Es sollte versucht werden, sich so gut wie möglich auf das Gebet zu konzentrieren und auftauchende störende Zwischengedanken zu verdrängen.

Um alles noch komplizierter zu machen:
Einige Gebete haben ihre zusätzlichen eigenen Regeln wie das "Schema Israel" und vor allem die "Amidah - Schemona Esrei". Hierzu gibt es ausführliche Erläuterungen im Schulchan Aruch.

Oft kommt es vor, dass man in eine Synagoge geht und selbst als Jude gar nichts oder nicht viel weiß. Wo sind wir und was mache ich jetzt ? Augen zu, stehen, was antworten, wann verbeugen und wie oder was ? Sich nicht richtig auszukennen kann am Anfang schon nervig sein. Und peinlich noch dazu. Jedenfalls bildet man sich automatisch ein, dass alle anderen einen anstarren, was eigentlich nie so der Fall ist.

Wer seine feste Synagoge hat, bekommt es vielleicht weniger mit, aber mir wiederfährt es jedesmal aufs Neue, wenn ich in einer anderen Synagoge bin. Ich kenne deren Bräuche nicht, manchmal schieben chassidische Gemeinde zusätzliche Gebete bzw. Psalmen mit ein, etc. Und jedesmal muß ich mich wieder neu orientieren. Da ich den ständigen Synagogenwechsel liebe und unzählige zur Auswahl habe, stehe ich fast jedesmal wieder vor dem neuen Problem des Eingewöhnens. Am schwersten fiel es mir bisher bei den Chassidim von Karlin - Stolin, die wirklich gewöhnungsbedürftig sind. Gerade sie schreien vor lauter Enthusiasmus ihre Gebete emotional heraus, was einen den Text kaum verstehen läßt. Demnach muß ich mich immer neu einhören, an welcher Stelle wir uns gerade befinden. Dagegen ist es bei den Nationalrelig., den litvischen Haredim, bei Chabad oder Breslov sehr leicht mitzukommen. Die sephardischen Juden lasse ich lieber aus, denn sie haben teilweise andere Bräuche und verschiedene Ausspracheakzente. Mein schlimmstes Erlebnis hatte ich bei jemenitischen Juden, wo ich fast kein Wort verstand.

Wer dem allen etwas vorbeugen will, der sollte sich das Sidur (Gebetbuch) vom ARTSCROLL - Verlag zulegen. Okay, es ist in Englisch, aber um den Ritus und das Ausübung des Gebets zu erlernen, ist es geradezu perfekt. Alles ist beschrieben und weitere Details und Erklärungen gibt es auch. Leider wird vielerorts die Gebetsausführung nicht unterrichtet und allgemeine Erklärungen zum Gebet (was ich da eigentlich sage und warum) gibt es oft auch nicht. Dabei ist gerade das Thema so wichtig.


Das Sidur vom ARTSCROLL - Verlag

Kommentare:

  1. nu, da bin ich mit dir einverstanden, dass es kein "Sonntagsstaat" zum davenen braucht - eher vielleicht einen schabbesdigen ...

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  2. B"H

    Na, dann mal

    SCHABBAT SCHALOM. :-)

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