Dienstag, September 01, 2009

Wie die Kirche "Sefer Daniel 9:1-24" umfunktioniert

B"H

Vergangenen Sonntag gab Rabbi Tuvia Singer die zweite Session seiner derzeitigen vierteiligen Vortragsreihe im Jerusalemer "Israel Center" (Orthodox Union). Im Teil 2 ging es darum aufzuzeigen, wie die Kirche / christliche Missionare das Buch des Propheten Daniel (Sefer Daniel) 9:1 - 24 missinterpretieren.

Ich habe manchmal so meine Probleme mit Tuvia Singers Vorträgen, denn, erstens kennt er sich mit dem christlichen Neuen Testament hervorragend aus, und zweitens bewegt er sich deswegen ziemlich tief in christlichen Schriften sowie Interpretationen. All diese Inhalte habe ich nie gelernt. Weder bin ich damit aufgewachsen noch jemals anderweitig konfrontiert worden. Aus diesem Grunde fällt es mir recht schwer, die christlichen Gedanken nachzuvollziehen und ich gehe öfters total verloren.

Tuvia Singer hob hervor, dass das "Book of Matthew - Buch Matthäus" von verschiedenen unterschiedlichen Autoren verfasst worden ist. Die Thorazitate aus Matthäus sind meist vollkommen verfälscht bzw. neu geschrieben worden, damit sie in die christliche Theologie hineinpassen.

Juden, die nach der ersten Tempelzerstörung sowie noch Jahrhunderte danach in Babylon lebten, sind mit dem Christentum nie konfrontiert worden. Nachdem man die Thoraschriften der babylonischen oder jemenitischen Juden mit denjenigen aus Europa verglich, kam man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nur ganz wenige Buchstabenunterschiede gab es zu verzeichnen. Über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren gaben die Juden eine Thora weiter, welche sich kaum wörtlich unterschied. Und das, obwohl sich die verschiedenen jüdischen Kulturen der Diaspora nie trafen. Diese Tatsache allein besagt eine ganze Menge, denn lt. der Thora selbst ist es verboten, den Inhalt zu verändern. Umzuschreiben oder zu verkürzen. Zu sagen, die Thora besitze heutzutage keine Gültigkeit mehr und sei veraltet.

Eine Thorarolle wird von einem Sofer (speziell ausgebildeten Schreiber) auf koschere Tierhaut geschrieben. Hierbei muss jeder Buchstabe die genaue Form sowie die ihn umgebenden extra Zeichen besitzen. Diese Zeichen sind im Christentum nicht erfasst, im Judentum aber haben sie, unter anderem, kabbalistische Bedeutung.

Juden also verändern die Thora nicht, dagegen aber schaue man sich die Hunderte von christlichen Übersetzungen und Interpretationen an. Wie soll man aus dem Wust ein klares Bild herauslesen, wenn jeder etwas anderes auslegt oder übersetzt ?

In seinem zweiten Vortrag ging Tuvia Singer ganz ausführlich auf das Buch Daniel 9: 1 - 24 ein und erklärte wie die Kirche diesen Vers missinterpretiert.

Vorher aber ist es wichtig zu wissen, dass das Wort "Meschiach" in der Thora nur ganz selten vorkommt. Wenn, dann überwiegend im Sefer Vayikra (Leviticus), wobei es dort jedoch um die Salbung der Cohanim (Tempelpriester) geht. "Meschiach" bedeutet "der Gesalbte". Israelische Könige und auch die Cohanim werden bei ihrem Amtsantritt gesalbt und sind nach dem Verständnis der Leute zu Tempelzeiten ein Meschiach (Gesalbter).
Rabbi Tuvia Singer gab als Beispiel, dass wenn wir heute mit einer Zeitmaschine in die Tempelzeiten zurückversetzt werden würden, und die damaligen Juden zu Jerusalem fragen täten, wo denn der Meschiach sei, wie zur Antwort bekämen: "Welchen meint Ihr denn ? Es gibt einige Hunderte davon".

Zu Tempelzeiten hatte die Juden ein wesentlich anderes Konzept bezüglich des Begriffes "Meschiach". Vollkommen anders, von dem, was wir heute unter einem Meschiach verstehen.

In Daniel 9:24 heißt es:

"Seventy weeks have been decreed upon your people and your holy city to terminate transgression, to end sin, to wipe away iniquity, to bring everlasting righteousness, to seal vision and prophet, and to anoint the Holy of Holies".

Tuvia Singer erklärte, dass im hiesigen Zusammenhang das Wort "WOCHEN" in Wirklichkeit "JAHRE" bedeutet ! Eine Woche steht für 7 Jahre. Demnach bedeuten 70 Wochen 490 Jahre.

Die Quelle für diese Auslegung finden wir in II Chroniken 36:21 - 23. Die "Siebzig Wochen" beziehen sich auf die Schemittah Jahre, welche alle sieben Jahre erfolgen. Der Mezudat David kommentiert zu Daniel 9:1 - 24:
Diese sieben Schemittah Jahre ergeben zusammen 490 Jahre.

1 Woche = 7 Jahre.

7 x 70 = 490.

Das Babylonische Exil (nach der Zerstörung des Ersten Tempels) dauerte 70 Jahre und der Zweite Tempel stand 420 Jahre lang.
70 + 420 = 490.

Ebenso kommentiert Rabbi Saadia Gaon, dass es sich bei den hier angegebenen Wochen um Jahre handelt (siehe Kommentar des Ibn Ezra zu Daniel 9:24).

Zur Verdeutlichung teilte Tuvia Singer zwei Blätter aus und auf dem einen war folgender Text zu finden:

"7 Wochen (von Jahren) - Der Engel Gabriel versicherte Daniel, dass nach den "sieben Wochen" oder 49 Jahren, vergangen waren - wenn man vom "WORT (DAVAR)", der Zerstörung Jerusalems (9:2) zählt. Ein gesalbter Herrscher würde dann den Juden ermöglichen, nach Jerusalem zurückzukehren und die Stadt wieder aufzubauen (9:25). In der Tat, nur kurz nachdem 49 Jahre vergangen waren, ordnete Cyrus, welchen G - tt hier "Meschiach - Gesalbter" (Yeshayahu - Jesaja 45:1) nannte, an, die Juden dürfen nach Jerusalem zurückkehren und ihr Allerheiligstes wieder aufbauen (Yeshayahu - Jesaja 44:28 - 45:1, 13); Ezra 1:2 - 3; II Chroniken 36:22 - 23).

In Daniel 9:25 bezieht sich der hebräische Originaltext auf EINEN GESALBTEN PRINZEN, wohin gegen die christliche King James Version DER MESCHIACH schreibt. Die Prophezeihung bezieht sich hier auf den persischen König Koresh, the Persian King (siehe Raschi zu Daniel).

Irgendwie aber scheinen Christen in diese Aussage ihren "Meschiach J." hineinzuquetschen, obwohl dieser gar nicht gemeint ist.

Christliche Missionare lieben es, Juden etwas aus dem Talmud zu zitieren. Inhalte werden aus dem Zusammenhang herausgerissen und nach Belieben zusammenzitiert.

Wenn Christen die mündliche Überlieferung komplett ablehnen, warum zitieren sie dann daraus ? Hat sich damit nicht jegliche Diskussion mit ihnen schon im Vorfeld erübrigt ?
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Weitere Artikel zu Rabbi Tuvia Singer:

http://hamantaschen.blogspot.com/search/label/Rabbi%20Tuvia%20Singer

4 Kommentare:

  1. Anonym11:24 AM

    Was ist damit gemeint: "... to terminate transgression, to end sin, to wipe away iniquity, to bring everlasting righteousness, to seal vision and prophet, and to anoint the Holy of Holies." - ?

    Welche ewige Gerechtigkeit/Rechtschaffenheit usw.? Ich kann mir so darunter nichts vorstellen. Wie, wo, wann ist das passiert?


    "26 And after the threescore and two weeks shall an anointed one be cut off, and be no more; and the people of a prince that shall come shall destroy the city and the sanctuary; but his end shall be with a flood; and unto the end of the war desolations are determined."

    Wer ist der anointed one? Wer ist der Prinz/Fürst, der kommen soll? Ein Fürst der heutigen/künftigen "Römer"?

    "27 And he shall make a firm covenant with many for one week; and for half of the week he shall cause the sacrifice and the offering to cease; and upon the wing of detestable things shall be that which causeth appalment; and that until the extermination wholly determined be poured out upon that which causeth appalment.'"

    Was ist mit alldem gemeint?

    Verständnisproblem meinerseits: die ersten 49 Jahre treffen zwar mit dem Erlass des Kyrus 538 nach der Zerstörung Jerusalems 586 das, was du nanntest, aber sind die 49 Jahre nicht später anzusetzen? Anfang Kapitel 9 ist von Darius die Rede, dem Nachfolger des Kyrus. Sprich, die 49 Jahre wären schon mal keine Vorausschau mehr, sondern Rückblick über eine bereits historische Tatsache, was den "prophetischen Charakter" schmälert. Dann verstehe ich es gerade so, dass man die ersten 49 Jahre bis zu diesem Gesalbten rechnen soll, - nachdem - der Erlass des Wiederaufbaus ergangen ist.

    Danke für deine Antwort.

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  2. B"H

    Ich muss aus Zeitgruenden auf Deine Frage entweder morgen oder am Sonntag zurueckkommen.
    Eines jedoch kann ich Dir vorab beantworten:

    Ein Gesalbter kann an dieser Stelle in Daniel 9 nach jued. Verstaendnis jeder sein und ist nicht nur allein auf den Meschiach (nach unserem heutigen Verstaendnis des Konzepts) beschraenkt. In diesem Falle auch Koresh. Allein aus dem Grunde, weil Daniel "Meschiach - Gesalbter" sagt und nicht "der Meschiach" (wie in der christlichen Ueberlieferung).

    Im Hebraeischen besteht ein bedeutender Unterschied zwischen
    einem bestimmten Artikel wie dem Wort HA (der, die , das) oder einem Subjekt ohne Artikelangabe.
    Mit HA meint man etwas Bestimmes, wie die christliche Ueberlieferung ein HA benutzt, um auf J. hinzuweisen.
    Im hebraeischen Original jedoch befindet sich kein HA und somit handelt es sich bei dem hier angesprochenen Gesalbten nicht um eine bestimmte Person, sondern jeder koennte es sein.

    Den Rest deiner Frage muss ich zur Definierung nachschauen (incl. Kommentare) und dazu benoetige ich ein paar Tage Zeit.

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  3. Anonym2:31 PM

    Danke im Voraus.

    Deine Antwort erkenne ich so weit als richtig. Nur weiß ich nicht genau, ob du wirklich "jeder könnte es sein" im eigentlich wörtlichen Sinn gebrauchst. Dass Mschjch nicht immer DER Mschjch ist, wenn er erwähnt wird, sondern auch andere Gesalbte wie Cohanim, Mlachim und Neviim in Frage kommen, verstehe ich. Aber war die Salbung nicht auf diese drei Gruppen beschränkt? So habe ich das in Erinnerung. Deswegen war ich mir wegen "jeder" gerade was unsicher. Tut mir leid, wenn ich was falsch verstand.

    Dass Koresh ein Gesalbter war, obwohl er Nicht-Jude war, findet sich ja auch bei Jesaja. Weitere Ausnahmen sind mir unbekannt. Gibt es da weitere? Wird Malkizedek dazu gezählt? Priester Gottes, des Höchsten? Ich tendiere eher zu Nein, weil das Wort der Salbung dort nirgends auftaucht und ich nichts weiter über ihn weiß.
    Wie genau war das bei den israelitischen Priestern? Ich meine, dass der Cohen haGadol die "volle Salbung" empfing, also in ganzem als Mschjch bezeichnet werden kann, während man vllt bei den anderen Priestern Abstriche machen müsste, weil sie unter ihm stehen und nicht die "volle Salbung" empfingen, sondern, glaube ich, nur an den Ohrläppchen - ?

    Ich bin mir unsicher. Du kannst da wahrscheinlich noch meine Gedanken etwas ordnen, wenn du Zeit gefunden hast.

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  4. B"H

    Das ist in der Tat ein breites Thema, welches vom Talmud bis hin zum Rambam geht.

    Mit dem Olivenoel bei den Cohanim hast Du Recht. Es besteht sogar die Frage, ob die Cohanim nach der Wiederauferstehung der Toten nochmals gesalbt werden muessen.
    Dies nur beilaeufig erwaehnt.

    Malchizedek wird im Judentum als Shem, der Sohn Noachs, betrachtet.
    Wer das genau sagt, dass muss ich ebenso erst zusammensuchen.

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